Peru: Lamas tragen kurze Hosen

Recht komfortabel lebte Otto Normal-Inka: bewässerte Terrassen, göttliche Berge, Alpakaschals.

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(c) Madeleine Napetschnig

Wenn die Spanier Machu Picchu gefunden hätten, stünde hier eine Kathedrale.“ Die Archäologin Vanessa Chavez deutet auf das Weltwunder. Die Eroberer agierten in der Neuen Welt bekanntlich gnadenlos: Vollständige präkoloniale Überreste sind eher ein Glücksfall. Andernfalls erwies sich die Substanz als so massiv, dass die Zerstörung nicht lohnte. Ein Beispiel dafür befindet sich in der Andenstadt Cuzco: Dort überbauten die Spanier die Reste eines Sonnentempels mit einer riesigen Kirche. Über Machu Picchu ist eben rettendes Gras gewachsen. Nein, nein: „Mat-schu Pikcht-schu“, verbessert Vanessa. Nicht oft genug kann sie die korrekte Aussprache ihrer Lieblingsbaustelle betonen, die ihren Großvater, ihre Eltern und dann sie selbst beschäftigt hat. In und rund um die einstige Inkahauptstadt Cuzco arbeitet sie an Ausgrabungen – ein weites Feld im archäologisch reichen Peru. Einige Prozent von Machu Picchu befinden sich noch unter der Erde: „Wer weiß, welche Erkenntnis da lauert.“ Die Funktionen vieler Bauten seien aber geklärt: in der Mitte ein Sonnentempel, ganz oben ein Observatorium, Wasserleitungen, viele Treppen und Häuser, ein relativ hoher Komfort selbst für Otto Normal-Inka. Ja, ja, wir sollen nicht „Inka“ sagen. Spätestens nach einer Einführung im fantastisch bestückten „Museo Rafael Larco Herrera“ in Lima (Plicht!) wissen wir, dass es die Inka als Volk nicht gab, es sich vielmehr um einen Titel handelt: „So wie euer ,Kaiser‘“, erzählt der Chef der Sammlung, Andrés ?lvarez Calderón Larco, aus dieser letzten Phase einer Hochkultur, die von vielen Kulturen und Einflüssen gespeist und deshalb so bekannt wurde, weil sie in die Geschichtsschreibung der Eroberer einging. Also: „Vergesst die Inka. Machu Picchu ist nur das letzte Ende eines sehr langen Prozesses.“ Bei aller fehlenden schriftlichen Überlieferung aus der Periode der Inkaherrschaft: Sicher scheinen heute die Einwohnerzahl (über 1600) von Machu Picchu, die Menschenopfer und Pocken oder Syphilis als häufige Todesursachen – verbreitet von Läufern aus Ecuador, die bereits Kontakt mit den Spaniern hatten. Höhenangst durfte die Locals kaum geplagt haben, sonst hätten sie ihre Felder nicht so knapp an die Felsabstürze herangebaut. Verlassen wurde Machu Picchu vermutlich 1532.

Per Train, nicht via Trail 

Der Regenwald hätte die Kultstadt wohl gefressen, wäre 1911 der US-Archäologe Hiram Bingham nicht zufällig auf sie gestoßen. Gesucht hat er eine andere, als ihm ein Bauernbub die alten Terrassen zeigte, auf denen die Eltern Mais, Amarant und Kokablätter anbauten. Dabei: Schon früher war der Ort auf Landkarten verzeichnet, und 1874 erregte die Stadt bei dem Landvermesser Herman Göring nur wenig Interesse. Nebelschwaden ziehen um Machu Picchu herum, es regnet immer wieder kurz und heftig. Das Wetter passt schon zum Amazonastiefland, das 60 Prozent der Landesfläche von Peru ausmacht – neben dem 3000 Kilometer langen Wüstenstreifen an der Küste und dem unendlich scheinenden Andenhochland. Schwer vorstellbar, dass in dieser seifig-tropischen Atmosphäre Menschen auf die steilen Berge stiegen, weil sie ihre Götter waren. Auch die Vorstellung, sich in der Regenzeit traditionell über den alten Inka-Trail anzunähern, hat für Bequemreisende wenig Appeal: Der Marsch dauert vier Tage, man übernachtet im Zelt, absolviert viele Höhenmeter. Während also geführte Trekkinggruppen das Urubamba-Tal und Pässe überwinden, überholt sie ein Luxuszug, der „Hiram Bingham“, in wenigen, landschaftlich abwechslungsreichen Stunden. An den nostalgischen Zuggarnituren fliegen Gebirgsflanken vorbei, dann wieder breite, satte Felder, Adobebauten, Andeutungen von Ruinen. Die Vegetation entfernt sich von den ariden, atemberaubenden andinen Höhen. Im letzten Waggon bearbeiten Musiker Gitarre und Trommeln, wenig später kommen auch die Gäste in Fahrt, derweil bereiten die Köche ein De-luxe-Menü. Wenn schon exklusiv durch Peru, dann aber richtig: So sind wir tags zuvor in einem alten Kloster in Cuzco aufgewacht, das zum Fünfsternhotel umfunktioniert worden war und voller Schätze steckte. Schwülstig, schwerst barock, spanisch – aber regional durchsetzt: Der Katholizismus ist nicht Fundament des peruanischen Staates, sondern übertüncht nur dünn den offenkundigen Synkretismus: Das erklärt das Meerschweinchen (gegrillt Nationalspeise) auf der Tafel des letzten Abendmahles. Die barbusigen Damen auf den Seiten der Kirchenbänke. Oder die dreieckige Form der heiligen Maria – eine Konzession an die Pachamama, die von vielen noch verehrte Mutter Erde. So kann ein Kirchgang in Peru auch Kunstbanausen und Agnostikern Freude machen. Woran haben die Menschen vor der Eroberung geglaubt?

Berge, Tiere, Elemente 

Im Hochland bei der „weißen Stadt“ Arequipa passieren wir einen mächtigen Vulkan nach dem anderen. „Es werden immer wieder Leichen darin gefunden“, erzählt Aldo Raul Rodriguez und wartet ab, wie wir darauf reagieren. Dann legt er los, wie einer schauerlichen Logik zufolge auserwählte Kinder den göttlichen Bergriesen geopfert wurden, um Naturkatastrophen zu beenden. „Nur in Sandalen sind die Priester mit den Kindern bis auf 6700 Meter marschiert.“ Das will sich keiner in unserem Bus vorstellen: Schon über 4000 Meter wird die Luft für den eiligen Mitteleuropäer verdammt dünn. Und der Kokatee, vorsorglich getrunken, wirkt auch nicht ewig. Wir werfen Aspirin ein. „Oben hoben die Priester dann Gräber aus, die Kinder wurden betäubt und zurückgelassen“, führt Aldo aus. In perfektem Deutsch kratzt der leidenschaftliche Historiker und studierte Zahnarzt thematisch die Kurve: „Kennt ihr den Unterschied zwischen einem Lama und einem Alpaka? Lamas tragen kurze Hosen und Bananenohren, Alpakas lange Hosen und Babygesichter.“

Kandelaberkaktus und Kondor

Es fällt nicht schwer, die Anden-Kamele auseinanderzuhalten, auf dem Weg in den Colca Cañon bekommt man Gelegenheit genug zum Üben. Mehr Geduld und Glück braucht es, um Vikunjas zwischen den vielen Steinen und dem harten Ichugras auszumachen – filigrane Vierbeiner, die Wilderer viele Jahre ins Gefängnis bringen können. Es dauert nämlich eine Ewigkeit, bis aus ihren allerfeinsten Haaren ein Schal wird. Kandelaber- und Ohrwaschel-kakteen bestimmen das Bild der Kordilleren, sie wachsen nicht nur wild, sondern werden auch auf Terrassen angebaut. So wie Exportzwiebeln, 1287 Sorten Erdäpfel, mehrere Dutzend Maissorten, Quinoa und, ja, Kokablätter. Uralt sind diese unglaublichen Terrassenlandschaften entlang des Río Colca, sie sind ein Zeugnis einer Hochkultur, die jeden Wassertropfen und jedes Stück Erde intelligent zu nutzen wusste. Doch bald wird der Colca Cañon tiefer, bizarrer, unwegsamer. Da funktioniert nur noch fliegen. Gut für den Kondor, der dort lebt. Lange lässt er sich beim Frühstück zuschauen. Doch wenn er uns Touristen satt hat, hebt er ab und gleitet eine Runde.

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