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New York: Sexy and the City

20.05.2010 | 18:28 | von Sebastian Moll (Die Presse - Schaufenster)

Haben die Single-Frauen von New York tatsächlich nur Schuhe und Männer im Kopf? Und was halten sie wirklich vom Heiraten?

Garantiert hätten die hier Szenen für ,Sex and the City‘ gedreht“, sagt Kate, während sie an ihrem Champagnerglas nippt, „wenn es das Tillmann’s damals schon gegeben hätte.“

Mädchen, wie die Zeit vergeht! Aber keine Frage, die 39 Jahre alte New Yorker Reise- und Lifestyle­journalistin hat schon recht: Wenn man sich hier genauer umschaut, kommt man sich vor wie mitten in der Erfolgs-TV-Serie. Es ist kurz vor sieben an einem Donnerstagabend, der schummrige Barraum des allerallerneuesten „In“-Spots an der 26. Straße ist gerammelt voll von gut aussehenden, gut verdienenden Maßanzugträgern.

Dicht um die Theke herum gedrängt lehnen sie und schlürfen betont lässig ihren Afterwork-Manhattan. Auf den Hockern dazwischen sitzen Frauen wie Kate in Prada-Outfits sowie den seit Carrie Bradshaw obligatorischen Manolo Blahniks und tippen ebenso betont unbeteiligt Textbotschaften in ihre Handys. Selbstverständlich entgeht ihnen trotzdem nicht die geringste männliche Bewegung in ihrer Umgebung.

Doch langsam wird Kate ungeduldig. Allzu lange mag frau in New York nämlich nicht allein in einer Bar hocken. Das sähe zu „desperate“ aus – zu sehr nach verzweifelter Partnersuche. Deshalb ist die Trägerin einer imposanten, Carrie-haften Mähne – allerdings in glänzend Schwarz statt Hellblond – auch froh, als endlich ihre Freundinnen auftauchen. Es werden Küsschen über die Schulter gehaucht, Komplimente ausgetauscht wie: „Wo hast du denn dieses entzückende Armband her?“ Marybeth, eine langbeinige Investmentbankerin, bestellt sich einen Veuve Clicquot, ­Sara, eine etwas knubbelige Journalistin mit frechem Kurzhaarschnitt, einen Tanqueray and Roses. „Cosmos trinkt in Wirklichkeit kein Mensch“, weist Sara auf eine grobe Un­genauigkeit der Fernsehserie hin.
 
Grindige Cafeteria. Auch ins Restaurant „Cafeteria“, hier um die Ecke, an der Seventh Avenue, wo Carrie, Miranda, Samantha und Charlotte ständig lunchen, würde kein Mensch gehen, ätzt die kecke Sara, die für die Lifestyle-Zeitschrift „Portfolio“ arbeitet. „Das ist doch voll grindig.“ Im Übrigen müssen die drei jedoch zugeben, dass „Sex and the City“ ziemlich realistisch sei. So realistisch, dass ihnen das manchmal unheimlich wird: „Wenn uns Bekannte darauf aufmerksam machen, wie ähnlich wir den „Sex and the ­City“-Girls sind, dann müssen wir ganz schön schlucken“, sagt Marybeth, die Bankerin.
Die Parallelen sind nicht zu leugnen. Seit rund sechs Jahren sind die drei – allesamt beruflich erfolgreiche Mitt- bis Enddreißigerinnen – Dauersingle. An Männerbekanntschaften mangelt es zwar nicht – „Männer zu treffen ist in New York das Einfachste der Welt“, so Kate. Nur der Richtige, der Mr. Big, war bislang noch nicht dabei. Und so ist statt der ­
gro­ßen Liebe einstweilen der Freundinnenklub die große Lebenskonstante. „Als Single-Frau in New York brauchst du gute Freundinnen. Sonst kannst du nicht überleben“, sagt Sara.
 
Film und Wirklichkeit. Nicht, dass Marybeth, Sara und Kate je danach gestrebt hätten, so wie Samantha, Carrie, Charlotte und Miranda zu werden. „Ich bin kurz nach dem 11. September nach einem längeren Auslandsaufenthalt nach New York zurückgekommen“, erinnert sich Kate, die als Tochter sizilianischer Einwanderer im New Yorker
Außenbezirk Queens aufgewachsen ist. „Es war das erste Mal, dass ich als erwachsene Frau single in New York gelebt habe.“ Zu jener Zeit habe jeder in der Stadt über „Sex and the City“ geredet. Sie habe sich ein paar Folgen angeschaut, erinnert sich Kate bei ihrem zweiten Veuve Clicquot, und irgendwann sei ihr aufgegangen, dass es dort ja irgendwie um sie ging.

Von Nachahmung könne jedoch keine Rede sein. Überhaupt sei es ja nicht so, dass die Fernsehserie einen Lifestyle erfunden habe, den es vorher nicht gab. „Es war doch umgekehrt. Die Serie hat etwas abgebildet, was schon längst da war.“

Die erste Staffel von „Sex and the City“ lief 1998 beim US-Privatsender HBO. Der Dotcom-Boom war damals auf seinem Höhepunkt, und Rudy Giulianis erste Amtszeit als Bürgermeister ging gerade zu Ende. New York war dabei, sich zu häuten, und „Sex and the City“ gab wie kein anderer Film und wie keine Fernsehshow dem neuen New York ein Gesicht. Das aufgeräumte und rundum sanierte New York war darin zu sehen, ein Wunderland des Luxus, in dem jeder, der nur ein bisschen aufgepasst hatte, es sich leisten konnte, sich um nichts anderes Gedanken zu machen als um die richtigen Restaurants, die richtigen Schuhe, die richtigen Beziehungen, Wohnungseinrichtungen und den nächsten Kurzurlaub in der Karibik.

An diesem New York hat sich bis heute nicht viel geändert. „Um den 11. September gab es einen Moment, an dem die Stadt innehielt und an dem man das Gefühl hatte, dass es auch noch um etwas anderes geht als nur um Geld“, erinnert sich der New Yorker Journalist Joel Lovell. „Aber das war schnell wieder vergessen. Die Stadt wurde wieder zum Spielplatz der Wall-Street-Typen, und der Wettlauf des ­Konsums ging weiter.“

Alles wurde zum Statussymbol – von der Reservierung im angesagtesten Restaurant über die richtige Wohnung im angesagtesten Viertel bis hin zu den omnipräsenten Gourmetkeksen für fünf Dollar das Stück bei Dean and DeLuca und dem Käse zu 26 Dollar das Pfund bei Murray’s im Village. Von Diane-von-Fürstenberg-Kostümen, Prada-Hand­taschen und Manolo-Stilettos ganz zu Schweigen.
 
Das coole New York der 80er-Jahre. Kate behauptet, das sei nie das New York ihrer Träume gewesen, als sie hier aufwuchs. „Mein Bild von New York war viel mehr von ‚Desperately Seeking Susan‘ mit Madonna geprägt.“ Das New York der Achtziger, das cool und undergroundig war, das war das New York, in dem sieeinmal leben wollte. Das New York, in dem man noch für 100 Dollar Miete als Bohemien in einer Bruchbude im East Village leben konnte, in dem man Lederjacken statt Kostümchen trug und es in den Gesprächen in den Kneipen um Punk und Pop-Art und Politik und nicht nur um Mode und Männer ging.
Doch Kate und ihre Freundinnen haben sich eben mit ihrer Stadt verändert. „Manchmal ist mir das selbst peinlich, wenn ich darüber nachdenke“, sagt Sara. ­Deshalb könne sie auch „Sex and the City“ nicht mehr ertragen. Sie wisse nicht, ob sie sich auch noch den zweiten Kinofilm anschauen möchte. Da bekäme sie ­einen Spiegel vorgehalten – mehr, als ihr das lieb sei.

Kate beschleichen vor allem Abscheugefühle, wenn sie sich die ganzen jungen Mädchen anschaue, die nur nach New York gekommen seien, um so zu leben wie Carrie/Miranda/Charlotte/Samantha. „Es ist unglaublich, wie aufgebrezelt die auf Partys und in Bars ­
stöckeln. Das ist einfach übertrieben. Und sie sind ­sexuell so aggressiv, wie ich mich das nie trauen würde. Sie wollen einfach nur mit so vielen Männern schlafen wie möglich.“
 
Worum es wirklich geht. Womit wir beim eigentlichen Thema sind. Sex. Stimmt das denn alles so, wie das in „Sex and the City“ zu sehen ist? Stolpern selbstbewusste, erfolgreiche New Yorker Frauen tatsächlich von einem Abenteuer in das nächste, nur um sich gegenseitig davon beim nächsten Drink bis ins kleinste Detail zu berichten? Und steckt dahinter wirklich nur die Sehnsucht nach Mr. Big? Oder haben sie das Umherschweifen zu einer Lebensform kultiviert? Die drei ­Ladys sind sich uneinig. Sara, die Topredakteurin, fand es ausgesprochen ärgerlich, dass es im Verlauf der Serie immer mehr um den einen, um Mr. Big, ging. Die Tatsache, dass im Film jetzt, wie man höre, alle auch noch den einen abbekommen, findet sie noch schlimmer. „Ich fand das Bild von starken Frauen, die sich ihre Partner nach Gusto aussuchen und dann auch wieder in die Wüste schicken, sehr befreiend.“

Samantha, der Vamp.
Marybeths Meinung ist am anderen Ende des Spektrums angesiedelt. Besonders die Samantha-Figur, der Vamp, ärgert sie. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Frau, die so leichtfertig mit vielen Männern schläft, ein sehr ausgeprägtes Selbstwertgefühl hat.“

Kate liegt ungefähr in der Mitte zwischen diesen Polen. „Ich will keinen Mr. Big, nur um einen Mr. Big zu finden. Es darf nicht um eine Idee gehen, sondern es muss um den anderen Menschen gehen.“ Dating als Lebensform und als Zeichen der Emanzipation findet sie auf Dauer allerdings auch langweilig und anstrengend.

Bislang ist es aber noch die Lebensform der Wahl für die drei Frauen, die in das Gespräch und nunmehr auch in eine Flasche Sauvignon Blanc zu 80 Dollar vertieft an der Bar des Tillmann’s sitzen und denen zumindest für den Augenblick die Anzugträger ringsherum egal sind.
„Vielleicht“, sinniert Kate, „ist es ja einfach so, dass das Single-Leben besser zu dieser Stadt passt als eine Ehe oder eine Beziehung.“ Jeder hier sei von seiner Karriere besessen, niemand habe wirklich Zeit und Energie, sich auf jemand anderen einzulassen. Außer natürlich auf die besten Freundinnen.




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