Schweiz: Den landschaftlichen Rahm abschöpfen

Wo früher Mulis Salz oder Metalle aus der Schweiz nach Italien geschleppt haben, stiefeln heute Wanderer: der Stockalper-Weg.

Schweiz landschaftlichen Rahm abschoepfen
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Schweiz landschaftlichen Rahm abschoepfen
(c) Natascha Thoma and Isa Ducke

„Milano“ steht auf dem Wegweiser. Als wäre das der nächste Ort hinter der Biegung. Und an einem Haus aus grob gehauenen Steinen wirbt ein Schild mit „Polli freschi – Frische Poulet“. Simplon-Dorf liegt zwar noch in der Schweiz, gibt sich aber schon sehr italienisch: Wir sind über dem Berg, südlich der Alpen.

Start zur Wandertour war in Brig in der deutschsprachigen Schweiz. Acht Stunden hieß es über Stock und Stein stiefeln, um entlang des historischen Stockalper-Wegs über den Simplonpass auf erfrischenden 2005 Metern nach Simplon-Dorf 600 Meter tiefer zu kommen.

Enge Gassen mit holprigem Kopfsteinpflaster winden sich durch das Dorf. „Früher sind die Maultiere diese Steinstiege hier hinuntergegangen,“ sagt eine runzelige Frau in schwarzem Kittel, die ihre Rosen gießt.

„Da gab's noch keine andere Verbindung zwischen der Schweiz und Italien außer dem StockalperWeg“, erzählt sie weiter, als könne sie sich noch persönlich an die Handelskarawanen von Kaspar Jodok Stockalper erinnern. Dabei kann wird sie nicht viel älter als 90 Jahre sein. Der erfolgreiche Händler Kaspar Jodok Stockalper lebte im 17. Jahrhundert in Brig. Heute ist in dem pompösen alten Handelskontor der Familie Stockalper die Briger Stadtverwaltung untergebracht.

 

Gottes Günstling

Benjamin, ein schlaksiger blonder Geschichtsstudent, führt durch die palastähnliche Anlage: „Die großen Loggiabögen im Innenhof hat sich Stockalper in Italien abgeschaut, schon um zu zeigen, wie weltgewandt er war.“

Okay, die offene italienische Architektur passt wirklich gut ins sonnige Wallis, seinen Zeitgenossen erschien Stockalper allerdings als prunksüchtiger, über alle Maßen von sich selbst überzeugter Neureicher.

Sein Motto „Sospes lucra carpa“ – der Günstling Gottes soll den Rahm abschöpfen – findet sich gleich an mehreren Stellen des Palastes. Schon aus vermögenden Verhältnissen stammend, verdiente sich Stockalper mit dem Handel über die Alpen nach Italien eine goldene Nase. Bereits die Römer benutzten den Pfad über den Simplonpass, bis ins 17. Jahrhundert begingen ihn aber nur einzelne Reisende, für Warentransporte war der Weg zu steil. Kaspar Jodok Stockalper ließ den Pfad ausbauen, verbreitern und mit Trittsteinen und Brücken versehen, sodass auch Lasttiere darübergeführt werden konnten.

Importiert wurden vor allem Seide und Metalle aus Italien. Zudem konnte sich Stockalper auch noch das Salzmonopol im Wallis sichern. Salz war zur Lebensmittelkonservierung unersetzlich und entsprechend teuer. Import- und Exportgeschäfte im großen Stil machten den Briger Handelsherrn steinreich, zweites einträgliches Standbein war das Vermieten von Söldnern. Später geriet der Stockalper-Weg in Vergessenheit, nachdem Napoleon eine moderne Straße über den Simplonpass hatte bauen lassen. Die alten Trittsteine waren unnötig geworden.

 

Aus dem Fels geschlagen

2001 wurde der Stockalper-Weg mit Unterstützung eines Schweizer Pharmariesen restauriert und zu einem wunderschönen Wanderweg ausgebaut. Von Brig aus windet sich der Weg zunächst durch dichten Nadelwald nach Süden in die Berge. Hier war der Originalpfad aus den steilen Felswänden herausgeschlagen worden, längliche Schatten auf den kahlen Felsen erinnern an die Seelen der Säumer längst vergangener Tage. Bei strahlendem Sonnenschein folgen wir dem Gantertal am Hang entlang. In der Ferne verschwindet die Straße, die ein Seitental überquert, während wir direkt zur Taferna, einem Seitenflüsschen der Ganter, absteigen.

 

Hospiz für Pilger und Reisende

„Grüezi metanand!“ Ein Schweizer Tourist tapst mit seiner schweren Kamera durch die noch taunasse Wiese, montiert sein Makro, knipst geduldig die schönsten Blüten von Rittersporn über Enzian bis zur Gämswurz. Im kurzen Bergsommer grünt und blüht, zwitschert und zirpt im Wallis alles wild durcheinander. Unten, im feuchten Schatten der bewaldeten Schlucht reifen Walderdbeeren, zwischen den Chalets auf den Lichtungen grasen die berühmten schwarzen Walliser Eringer-Kühe, riesige Glocken um den Hals, die mit einem satten „Klong“ jeden Schritt begleiten. Eine Klischeelandschaft wie in der Milchschokoladewerbung.

Am Wegesrand sitzt eine matsche Kindergruppe und verdrückt riesige Wurstbrote. Daneben rauschen Wasserfälle und verbreiten angenehme Frische, an den Originalstellen rekonstruierte Holzbrücken führen immer wieder über den Bach, um den Weg auf den wieder ausgegrabenen originalen Trittsteinen entlangzuführen. Zum Glück waren die Stufen für die schwer beladenen Maultiere niedrig gehalten. So gehen die gut 1300 Höhenmeter nicht allzu sehr in die Knie.

„Tüütaatoo“ – oben auf der Passhöhe treffen wir auf die Straße, auf der regelmäßig ein Schweizer Postbus verkehrt. Gleich zwei Gasthäuser buhlen mit Wiener Würstchen und Fritten um die Gunst der Ausflügler. Nicht weit davon blinzelt eine Gelbbauchunke aus dem Hochmoor. So viele Wanderer begegnen ihr auf diesem Weg wohl doch noch nicht.

Vom höchsten Punkt des Simplonpasses wandern wir zunächst fast eben nach Süden, der Blick öffnet sich auf Italien. Vorbei am Stockalper-Hospiz, das Kaspar Jodok Stockalper für Reisende und Pilger bauen ließ, geht es dann über Almen hinab nach Simplon-Dorf. Auf diesem Stück der Tour finden sich die alten Wegsteine und -mauern nur noch vereinzelt, meist geht es sanft über die Matten und Wiesen. „Aber jetzt sind sie reuig“, schmunzelt die alte Gärtnerin in Simplon-Dorf und streckt den gebeugten Rücken durch. „Jetzt sollen da auch wieder überall die holprigen Steine hin, wie auf unserem Dorfplatz!“

Heute ist das Dorf übrigens nicht mehr so abgelegen: Der Postbus bringt uns in einer knappen Stunde wieder zurück nach Brig.

Wandern: Die Tour von Brig nach Simplon dauert acht bis neun Stunden. In weiteren sechs Stunden erreicht man von Simplon-Dorf aus das letzte Schweizer Dorf, Gondo. Der ganze Weg ist vorbildlich ausgeschildert und restauriert. Eine Routenbeschreibung ist gratis im Fremdenverkehrsamt Brig erhältlich. Unterwegs kann an mehreren Stellen der Postbus zwischen Brig und Domodossola in weniger als einer halben Stunde Fußweg erreicht werden.

Infos: Schweiz Tourismus Wien, 01/513 26 40, www.myswitzerland.com; www.brig-belalp.ch

Schweiz-Pauschalreisen: u. a. bei Kneissl Touristik, Zentrale Lambach 07245/207 00, 01/512 68 66www.kneisstouristik.at

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.06.2010)

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