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Rad-Tour: Rund um den einzig wahren See Österreichs

20.08.2010 | 17:59 | VON WOLFGANG GREBER (DiePresse.com)

Forget Wörthersee und Co.: Der einzig wahre See Österreichs liegt natürlich ganz im Westen in meinem gefährlichen Vorarlberger Land. Es ist so idyllisch hier, dass man dauernd "Hach!" sagen muss - sonst explodiert man!

Einmal tief Luft geholt, dann weicht unter mir auch schon der Boden zurück. Ich hänge unter einer stahlblauen Himmelshalbkugel kurz in der Luft, dann saust die granitgraue Kette der Schweizer Berge im Süden jäh nach oben. Es klatscht mächtig, und das frische, blaugrüne Wasser schließt mich ein. Ich sehe, wie sich Sonnenstrahlen wie Bündel weißlicher Speere durchs Blaugrün bohren. Sekunden später tauche ich auf, das Tretboot, von dem ich sprang, schaukelt auf dem Wasser, ich sehe die grünen Baumreihen am Ufer, atme durch und lege mich auf den Rücken. Treiben lassen, träumen, fühlen. Das ist der Bodensee, mein See, der einzige, ewig.

Vergessen Sie alles, was man ihnen über Österreichs Seen, vor allem jene im Osten und Süden, so eingetrichtert hat: Schmafu, der nur Österreichern einfallen kann, deren Welt im Westen bei Salzburg endet. Der einzig wahre See Österreichs liegt natürlich weit dahinter, in meinem gefährlichen Vorarlberger Land mit seinen unverständlichen Käsmachern: der Bodensee.

Für uns g'hörige Gsiberger und andere Bodenseeauskenner ist etwa der Neusiedlersee eine Drecklacke, sind die Salzkammergutseen überteuerte Biedermeierpfützen für Gamsbartjapaner und Lodenwiener. Und wieso der Wörthersee so gehypt wird, ist rätselhaft und klingt eher nach SOS - dieses landschaftlich gewiss süße, aber überschätzte Wässerchen ist vor allem für Karlheinzgrasserlinge, Fête-Blanchisten und G‘spritzte, die gern in Pensionen einchecken, die einen „Dr." im Firmennamen führen. Für all die ist der Bodensee aber eh zu weit weg, und das ist gut so.

Hier geben die Kühe Buttermilch

Dabei gehört dieser nach Platten- und Genfersee drittgrößte See Mitteleuropas (535 Quadratkilometer groß, bis zu 254 Meter tief) nur zu etwa neun Prozent zu Österreich, was sich indes als großer Vorteil erweist: Erstens, weil sich an seinem 273 km langen Ufer eine nette Abfolge von Völkchen, Küchen, Dialekten und Kultur ergeben hat. Und weil es hier unbeschreiblich schön ist: Eingebettet zwischen dem welligen Voralpenland Bayerns und Baden-Württembergs sowie der sanft dahinondulierenden Ostschweiz und in Sichtweite der schroffen Schweizer und Vorarlberger Berge ist alles dermaßen bunt, reich und satt wirkend, dass man - um es wie Henry Miller in seiner Beschreibung Luxemburgs auszudrücken - glaubt, die Kühe gäben hier Buttermilch. Ordentlichkeit, Wohlstand und Schönheit sind rund um diesen blaugrünen Spiegel fast unerträglich offenkundig, und die Probleme der Welt scheinen weiter entfernt als sonst wo.

Der Bodensee besteht, grob gesagt, aus zwei Teilen: Aus dem Obersee zwischen Bregenz, Konstanz und dem Nest Bodman im nördlichen See-Ausläufer, dem Überlinger See; und aus dem kleineren Untersee zwischen Konstanz und dem Schweizer Ort Stein am Rhein - er markiert die Stelle, wo der Rhein aus dem See austritt, nachdem er in Vorarlberg hineingeflossen ist. Hat man eine Woche Zeit, erkundet man den See von Mai bis Oktober am besten mit dem Fahrrad: So lässt sich‘s in die Landschaft eintauchen, die Radwege sind vorbildlich und Steigungen selten - das schaffen auch Menschen, die schon bei den Stiegen im Burgtheater schnaufen. Zudem kann man Abkürzungen machen, vor allem den „Bodanrück", jene hügelige Landzunge, die Ober- und Untersee trennt, auslassen, dann sind's um den See nur 220 km. Und zwischen den Ufern herrscht dichter Fähr- und Schiffsbetrieb.

Das Betonparadies der Seekinder

Als Start bietet sich Bregenz an, ein Ort, der wegen seiner architektonisch blassen Innenstadt zu Unrecht unterschätzt wird. Insidertipp: Beginnen Sie bereits weiter im Süden Vorarlbergs, etwa in Feldkirch. Von dort führen ebene Radwege inmitten der Bergflanken des Rheintals über etwa 50 km bis Bregenz. Man radelt am besten entlang des Rheins nach Lustenau (von Rankweil aus zuerst die Frutz entlang zum Rhein ist ein besonders cooler Start); dort bietet der „Kiosk am Rohr" nahe des Alten Rheins eine Stärkung mit Radler und „Käsdönnala": Germteig-Quiches mit einer würzigen (für manche gar stinkigen) Fülle aus Bergkäs, Zwiebeln und manchmal Speck.

Dann geht's durchs Lustenauer- und Lauteracher Ried, eine grüne, fast menschenleere Blase im dicht besiedelten Rheintal mit kleinen Bauernhöfen und Wäldchen, durch Lauterach, dann die Bregenzer Ach entlang zum Seeufer. Die lange Anfahrt rentiert sich: Jetzt ist man reif für den See - und springt am besten bei der „Pipeline", dem steinigen Ufer an der Bundesstraße nach Lindau, hinein. Das heißt so, weil unter dem Geh- und Radweg eine Pipeline vier Jahrzehnte lang Öl von Genua nach Deutschland brachte. Es ist recht laut hier, und ab und zu donnern Züge vorbei - aber so wachsen Bregenzer Seekinder eben auf und scheuern sich schon als Babys beim Krabbeln über den gerillten Betonweg die Knie wund.

Von der Pipeline durch die Wälder nach Lindau

Eigentlich könnte man schon hier, den See vor sich, das steile, dicht bewaldete Massiv des Pfänders (1064 Meter) im Nacken, gepflegt versumpfen und den großen Ausflugsschiffen, die am Abend als schwarze Silhouetten vor der Sonnenscheibe vorüberziehen, zusehen. Dabei sieht man vielleicht gar die „Sonnenkönigin", das schwimmende Pendant zur Mehrzweckhalle. Ein Schiff, das für Veranstaltungen und Ausflüge dient und für die einen ein „futuristischer Traum aus Glas und Stahl", für die anderen ein unfassbar schiaches Protz-Schinakel ist, das aussieht, als hätte man die Wiener UNO-City in Bügeleisenform gepresst. Immerhin ist's das größte Schiff auf dem Bodensee.

Von der Pipeline geht es durch Wälder etwa acht Kilometer bis Lindau, dessen mittelalterlicher Stadtkern auf einer Insel zu den schönsten Flecken in diesem Arm der Galaxis gehört. Sitzt man in einer der Bars am Hafen und schaut über die wuchtige Hafeneinfassung mit dem alten Leuchtturm und dem sechs Meter hohen Bayerischen Löwen aus Stein auf die Alpen, kriegt man die Kiefersperre. Eigentlich müsste man bei der deftigen Küche und den frischen Bodenseeweinen, etwa dem „Lindauer Seegarten", gar nicht mehr weiter. Und günstige Hotels und Gasthöfe gibt es in Lindau - wie in allen anderen Orten am See - zuhauf; etwa das herrlich tantenhaft-altmodische Hotel „Inselgraben", ein irgendwie windschiefes Fachwerkhaus mit ebenso windschiefen Zimmern - ist aber sehr okay, wenn man nicht gerade eine Nobelhütte wie den „Bayerischen Hof" am Hafen vorzieht, wo einem schon beim Hinschauen Krawatten wachsen.

Reich der feinen weißen Reben

Apropos Wein: Vor allem am deutschen Ufer wachsen in dem milden Klima, das der Bodensee durch Temperaturabgabe bis lange in den Herbst verlängert, feine Reben, das Gebiet ist ein Hauptanbaugebiet in Deutschland. Weißer dominiert, typische Reben sind Müller-Thurgau, Weiß- und Grauburgunder. „Wir Winzer vom Bodensee haben sicher den schönsten Arbeitsplatz aller Winzer", sagt Manfred Aufricht, Besitzer des gleichnamigen Weingutes nahe Meersburg. Immerhin liege man auf Höhe des Burgunds, mithilfe des Sees gelängen frische, fruchtige Weine. Nur, im Vertrauen: Die Rotweine können Sie meist stehen lassen. Das können die Deutschen einfach nicht so recht.

Weiter geht der Radweg, nicht immer direkt am See. Man quert Wiesen und riesige Obstgärten mit Apfel- und Birnbäumen, aus denen verdammt gute Schnäpse gebrannt werden, die Luft riecht nach Erdbeerfeldern und im Süden ragt der Alpenkamm empor. Vor lauter Idylle muss man immer wieder stehenbleiben und „ Hach! " sagen, sonst explodiert man. In Wasserburg ist ein Halbinselchen mit Schloss, Kirchlein und Gasthaus. Kitschig, aber sie haben guten Most hier, freilich auch viele Touristen. Mit denen muss man am Bodensee im Sommer immer in großer Zahl rechnen, und der Radweg gleicht dann speziell zwischen Lindau und dem etwa 50 Kilometer westlich liegenden Meersburg teils der Inntalautobahn.

Zur leiblichen Stärkung in eine "Besenwirtschaft"

Gleich hinter Wasserburg ist Nonnenhorn, die letzte der drei Gemeinden am bayrischen Seeufer. Hier scheint jeder ein Häuschen mit Obstgarten zu haben, ringsum sind Weinberge, man spürt ein besonders gutes „Jojo" und es ist ruhig. Die Welt ist weit weg. Umfragen in Deutschland zufolge sind die Menschen am Bodensee die glücklichsten Deutschen. Man kann´s nachvollziehen.

Mieten Sie ein Tretboot und springen ins türkise Wasser - und kehren Sie in den Gasthof „Zur Kapelle" ein. Dort macht die Wirtsfamilie Witzigmann gegrillte Ente in vielen Variationen, die Küche ist, wie überall in der Region, vom nahen Frankreich beeinflusst, und im gekiesten Garten unter dem Kastanienbaum lässt man sich ein Fläschchen Müller-Thurgau bringen. Oder Weizenbier.

Allerorts sind „Rädle-„ bzw. „Besenwirtschaften", die lokale Form des Heurigen, wo man sich gepflegt stärken oder ebenso abstürzen kann. Nach Nonnenhorn beginnt der badische Abschnitt des Sees, und man stellt fasziniert fest, dass das Preisniveau stark absinkt: Es ist praktisch wie im Burgenland.

Wein, Pfahlbauten und Affis

Die Industriestadt Friedrichshafen hat das Problem, dass sie im Krieg zerstört wurde und heute wenig Charme hat, allerdings gibt's das Zeppelin-Museum (ja, die Dinger wurden und werden hier gebaut, meist kreuzt eines herum, man kann mitfliegen). Weiter durch die Dauer-Idylle radelnd, kommt man in Meersburg an. Hier sind zwei Nächte Pflicht, etwa im schnuckeligen Hotel „Alte Post". Der Stadtkern gliedert sich in eine mittelalterliche Oberstadt mit engen Gassen, Kopfsteinpflasterplätzen mit Brunnen und - eben - der Meersburg, sowie in eine Unterstadt mit Fachwerkhäusern und Hafen. Dort wechseln einander Weinstuben und Fischrestaurants ab, das Publikum besteht großteils aus Junggebliebenen, aber der Wein ist gut. Am Abend liegen Hecht, Forelle und Felchen (DER Bodenseefisch) in Butter gebraten auf dem Teller. Gut sind auch die „Kretzer", das sind Flussbarsche. In der Schweiz sagen sie „Egli" dazu, also nicht fürchten!

Nahe Meersburg steht das Pfahlbaumuseum von Unteruhldingen; an der Stelle siedelten zwischen etwa 4300 und 800 vor Christus Menschen in Häusern, die über dem See auf Pfählen verankert waren. Etwas weiter nördlich, durch Wiesen und Wälder, erreicht man bei Salem den „Affenberg", wo in einem Wald mehr als 200 Berberaffen frei herumlaufen. Sie sind verrückt nach Popcorn, und das klauben sie einem mit seidigen Fingern aus der Hand und schauen einen dabei versonnen an.

Meersburg-Therme: Sauna auf Pfählen

Ein paar hundert Meter östlich des Hafens, vorbei am Fuße des wuchtigen Neuen Schlosses und des festungsartigen gelben Gebäudes des badischen Staatsweingutes, erreicht man die Meersburg-Therme, ein Juwel. Die Saunalandschaft besteht aus Pfahlbauten, ein Steg führt in den See, in dem man nackig treiben kann, während hundert Meter entfernt ein Fährschiff den Hafen anläuft. Man sollte nur schauen, dass einen kein Kretzer anknabbert. Und vom Außenbecken, das über dem See thront, gibt‘s eine Wahnsinnsaussicht Richtung Schweiz - wo man aber gar nicht so recht hin will, weil's dort nicht viel anders, aber fader und sauteuer ist.

Von Meersburg fahren Fähren zur „Blumeninsel" Mainau, aber die ist eher für Ausflüge mit Tante Anni gedacht. Lieber radelt man den Überlinger See, den Nordarm des Bodensees, hoch. Der ist nur einige hundert Meter breit, die Landschaft wirkt wie ein Canyon aus Sandstein. Die Fahrraddichte sinkt rasch, und durch Erdbeerfelder erreicht man ein Ende der Bodenseewelt: das Dorf Bodman. Hier ist alles noch stiller und lieblicher, es gibt ein kleines, unkompliziertes Seebad mit hohen Holzplattformen draußen im Wasser, am Ortsende hat die „Fischerstube" herzige Zimmerchen und gute Felchen. Über dem Ort liegt Deutschlands ältester Weinberg: Den ließ der Karolinger-König Karl der Dicke anno 867 mit blauen Spätburgunderreben besetzen - sie stammten aus dem Burgund, es war vermutlich das erste Mal, dass diese Sorte aus Burgund verbracht worden war.

Es wirkt schon sehr bio und jute

Man radelt am Nordrand des Bodanrück vorbei weiter nach Radolfzell und treibt sich am hyperidyllischen Untersee herum, wo ein Abstecher auf die Insel Reichenau Pflicht ist - ein Ort, der fast nur aus Gemüsefeldern besteht, aus denen romanische Kirchen ragen. Allerdings wirkt hier alles so wahnsinnig bio und jute und politisch korrekt. Eine lustige kleine Fähre mit Solarantrieb bringt einen rüber nach Mannenbach in der Schweiz, Zöllner gibt‘s nicht, und in den Orten am See wirkt alles so leer, als hätten sich die Schweizer aus Angst vor der EU in ihre Alpenfestung zurückgezogen. Allerdings stößt man kurz vor der (deutschen) Stadt Konstanz auf ein 300-Einwohner-Nest mit dem erbaulichen Namen „Gottlieben" - und egal, ob man Letzteres tut oder nicht, besucht man am besten die Schokoladefabrik „Gottlieber", in deren Café man sich durch ein helvetisches Zuckerwaffenarsenal naschen kann; man „blutet" dabei heftig und denkt wehmütig ans badische Burgenlandpreisniveau zurück.

Mehr Huren als Geistliche

In Konstanz lässt es sich auf dem Platz vor dem beeindruckenden gotischen Münster herrlich rasten und tafeln, allein die Crème Brûlée füllt ganze Suppenteller. Die Grenze zur Schweiz verläuft mitten durch die Stadt, die eidgenössische Stadthälfte heißt Kreuzlingen, es herrscht irgendwie Geteiltes-Berlin-Stimmung. Und überall wird daran erinnert, dass hier einst beim Konzil von Konstanz 1414-18 mehr Huren als Geistliche waren und der „Ketzer" Jan Hus auf dem Scheiterhaufen endete.

Von Konstanz aus sind's knapp 50 Kilometer entlang des (erraten) idyllischen Schweizer Ufers bis zur Vorarlberger Grenze bei Gaißau - das ist eine der nur drei österreichischen Gemeinden westlich des Rheins. Es gibt allerhand nette Orte am See, doch interessanterweise wirkt es hier im Vergleich zur deutschen Seite weit schlichter, um nicht zu sagen schäbig. Man kann diese Etappe auch auslassen und von Konstanz ein Schiff nach Rorschach nehmen, von dort sind es nur wenige Kilometer bis zur Grenze am Alten Rhein, dem Nebenarm des Rheins. Eine Holzbrücke führt über das träge dämmernde Flüsschen, und gleich dahinter taucht ein netter Jausenkiosk auf.

Von hier aus sind es noch gut zehn Kilometer bis Bregenz, der Radweg führt durch die flachen, zauberischen Feuchtgebiete des Rheindeltas, jenes unbesiedelten grünen Streifens zwischen Altem und Neuem Rhein. Unversehens taucht ein argentinisches Steakhaus auf, das sogar argentinisches „Quilmes"-Bier hat, am Ufer gibt es kleine Bootshäfen mit Fischlokalen, baden darf man überall und im Südosten ragen hinter den Wiesen, aus denen Vögel in den Himmel steigen, die schroffen Vorarlberger Berge empor. Hach!

Geben Sie Bregenz eine Chance!

Ach ja: Geben Sie dem spröden Bregenz noch eine Chance. Fahren Sie mit der Pfänderbahn rauf und schauen über den See in den Sonnenuntergang. Dann gehen Sie auf dem zentralen Kornmarktplatz ins „Poseidon", den besten Griechen außerhalb Griechenlands, wo einen der Wirt mit Handschlag begrüßt und das Stifado dramatisch gut ist. Ihre Blicke schweifen übers kubusförmige Kunsthaus, diese abstrakte mönchische Kiste, und das tempelhafte Landestheater, nur 150 Meter weiter rollen die Wellen ans Ufer. An einem lauen Abend fühlt es sich hier an, als habe man eine Prise Südfrankreich oder Sizilien in den Alpenraum gerührt.

Sie werden am Tag darauf garantiert wieder in meinen See springen wollen.


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