Mexiko: Schunkeln mit dem Schokoschädel

Allerseelen wird von den Nachkommen der Tolteken und Azteken so fröhlich wie möglich begangen. Mit viel Farbe und Musik versucht man auf dem Friedhof, die Fassung zu bewahren.

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(c) EPA (Marcos Delgado)

Den kleinen Tisch im Hof des Hotels schmückt heute eine festlich weiße Spitzendecke. Knallbunte Blumen stecken in ebenso bunten Vasen, von sepiabraunen ehemals färbigeren Fotos lächeln verlegen zwei ältere Leutchen – wohl die Eltern der Inhaberin, einer Französin, und andere Senioren. Nur ein jüngerer Mann vor seinem Motorrad lacht stolz über beide Ohren in die Kamera.

Zwischen den Erinnerungsfotos sind Kuchenstücke drapiert, vorn am Rand grinsen zwei faustgroße Totenschädel aus dunkler Schokolade. Der Tisch dient heute als Hausaltar und gilt dem Día de los Muertos, dem Tag der Toten, der in Mexiko Anfang November begangen wird, zeitgleich mit unserem Allerheiligen.

Schon am Vorabend des Festes, am 31.Oktober, werden die Hausaltäre für die Toten aufgebaut. Überall ist eine große Auswahl an „Totenbroten“ erhältlich: Schon seit mehr als einer Woche verkaufen die Supermärkte unter „Pan de Muertos“ picksüße, fette Rundkuchen. Doch jetzt tauchen in den Bäckereien und auf den Märkten allenthalben große Hefekuchen auf. Mit ihren dekorativen Zuckergussmustern erinnern sie ein bisschen an Lebkuchenherzen. Nur sollen sie die Zuneigung der Käufer nicht den Daheimgebliebenen versichern, sondern den Heimgegangenen – denn die Formen symbolisieren Knochen und Tränen.

Der Deutlichkeit halber gibt es die köstlichen Hefelaibe auch in Form und Originalgröße von Schienbeinknochen. Totenschädel werden schon seit Wochen in allen Größen und Sorten angeboten – aus Vollmilch-, Zartbitter-, weißer Schokolade und aus purem Zucker.

 

Mausoleen und Kapellen

Der Markt nebenan ist in eine neblige Wolke getaucht: Hier werden Opferkerzen und Weihrauch verkauft. Dem Anlass entsprechend gekleidet, wälzt sich am Feiertag die halbe Stadt über die schmalen Wege des Friedhofs von San Cristóbal de las Casas, denn der Besuch am Grab wird durchaus festlich begangen – in Form eines Volksfestes.

Der Friedhof am Rande der Kleinstadt wirkt tatsächlich fast wie ein Jahrmarktgelände – wären da nicht die vielen bunten Mausoleen. Manche schauen aus wie kleine Kapellen, andere wie Schrebergartenhäuschen. Bonbonfarben sind äußerst beliebt. Heute sind die Mausoleen wie auch die schlichteren Gräber mit orangefarbenen Blumenorgien geschmückt, der Erdboden ist über und über mit Fichtennadeln bestreut.

 

Ringelblumen in Leuchtorange

Vor dem Friedhofstor haben Händlerinnen ihre fliegenden Verkaufsstände aufgebaut, in denen sie noch säckeweise Fichtennadeln und Totentag-Dekor aller Art anbieten. Besonders augenfällig sind die Sempasúchitl – fedrige Ringelblumen in leuchtendem Orange. Die Blumengestecke fürs Grab, für den Hausaltar und für dekorative Blumenmosaike auf der Straße sind seit Mitte Oktober der Verkaufsschlager in allen Markthallen.

Zwei Clowns in grellen pink- und orangefarbenen Hosen und mit roten Knollennasen preisen ihre Luftballonwürste an, die sie gekonnt mit ein paar Handgriffen in kleine Dackel oder Palmen verwandeln. Trotz des Nieselregens geht das Geschäft gut, sie posieren freudestrahlend fürs Foto.

„Pizza“, erschallt es plötzlich vom Hauptgang aus, „Pizza saporita! Tan delicioso!“ Ein findiger Italiener verkauft Pizzaschnitten frisch vom Blech. Begeistert läuft ein Skelett im Grundschulalter darauf zu. Auf Standln werden Popcorn, Chips, Zuckerwatte und frisch herausgebackene Churros angeboten. Natürlich waren sie nicht die Leibspeise der Toten, sondern sind für die sehr lebendigen und teilweise kostümierten Kinder, die sich an Tante Roxana gar nicht erinnern können und hinter den Grabsteinen und Gruften Versteck spielen. Kaum sind die Kinder besänftigt, engagiert die Familie eine kleine Musiktruppe. In Fantasieuniformen und mit hübsch verzierten Gitarren oder klassischen Streichinstrumenten streifen Drei- und Vier-Personen-Combos über den Friedhof, um zum Fest die passende Beschallung zu bieten. Manche Mausoleen sind groß genug, um eine Parkbank für die älteren Trauergäste zu beherbergen, andere Familien haben Klappstühle aus Plastik mitgebracht.

 

Erschreckend viele blaue Kreuze

Um den engeren Familienkreis stehen Nachbarn und Passanten herum, und nach ein, zwei Trauermärschen, die Oma und Opa bestellt haben, macht sich schon der Wille zum Schunkeln breit.

Schon San Cristóbal ist keine reiche Stadt – die Dörfer in der Umgebung sind noch ärmer. Hier leisten sich die Familien auch keine Mausoleen. Der Friedhof besteht aus einem schlammigen Feld voller Kreuze. Manche sind schwarz, andere weiß, erschreckend viele hellblau: Sie stecken auf den Kindergräbern.

Auf allen Gräbern liegen heute Fichtennadeln und Unmengen dieser orangefarbenen Blumen, die im tristen Novemberregen etwas gute Laune zu verbreiten suchen. Indigena-Frauen in zotteligen schwarzen Wollumhängen schleppen Säuglinge herbei, Greisinnen sitzen missmutig auf schlammigen Hügeln. Paletten voller Coca-Cola-Petflaschen werden herangebracht. Um ein offensichtlich neueres Grab schart sich eine Gruppe von Männern in schwarzen oder weißen Umhängen, den Chujes, die aussehen wie Flokatiteppiche, und spricht mit erhobenen Händen ein Gebet.

An einigen Gräbern wird gesungen. Größere Gruppen setzen sich unter die seitlich aufgespannten Regendächer und knabbern Erdnüsse. Manche trinken Schnaps, andere Cola. Nur kostümierte Kinder sieht man hier kaum. Auch die billigen Kinderkostüme aus Polyester können sich die Dorfbewohner wohl nicht leisten – wie fast alles aus den Läden in der Stadt. Die Kostüme sind ohnehin eher für die nicht ganz so traditionellen Halloween-Partys gedacht, die am Abend stattfinden sollen und für die große Plakate an allen Fernstraßen werben.

Zumindest bei den Erwachsenen setzen sich die Teufelsmasken und Kürbislaternen nicht so richtig durch. Selbst beim Kostümwettbewerb am Abend des zweiten Festtags auf dem Hauptplatz von San Cristóbal treten trotz des verführerisch hohen Preisgelds von 1000Dollar nur ein gutes Dutzend Anwärter auf.

 

Das Tor zum Leben

Die meisten Besucher auf den Friedhöfen haben sich stattdessen ein bisschen herausgeputzt, sind aber nur vage festlich gestimmt. Schließlich kommt die ganze Verwandtschaft zu Besuch, da möchte man einen guten Eindruck machen und sie nicht mit bedrückter Stimmung empfangen. Nicht nur im Christentum, das sich in Mexiko deutlicher als irgendwo mit den vorkolonialen religiösen Traditionen mischt, ist der Tod das Tor zum Leben. Man muss sich nur manchmal nachdrücklich daran erinnern.

Nein, wirklich euphorisch ist die Stimmung nicht. Die meisten Friedhofsbesucher trinken in Ruhe Cola oder Agavenschnaps, sprechen über die Toten, essen Chips, ermahnen die Kinder und gehen dann wieder. Und dazwischen schleicht manchmal der Tod, ganz leise und ohne Kostüm. Ein alter Mann hockt mürrisch auf seinem swimmingpoolblauen Familiengrab. Zwei Kinder liegen auf einem Erdhügel. Eine junge Frau hat ihre Tochter und etwas zu Knabbern mitgebracht – aber ihnen ist nicht nach Naschen zu Mute.

Da hilft alles Orange nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2011)

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