Thailand: Kleine Lichter auf der Reise zum Mond

Am 26. Dezember vor sieben Jahren verwüstete der Tsunami viele Küsten Südostasiens. Allein in Khao Lak starben tausende Menschen. Inzwischen ist alles wieder aufgebaut - über das Unglück spricht man aber lieber nicht.

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(c) EPA (BARBARA WALTON)

Jeden Morgen geht Ty Collins nach thailändischer Sitte mit Blumen oder Früchten zu dem kleinen Geisterhäuschen im Garten des Hotels. „Um die Schutzgeister gnädig zu stimmen“, sagt der amerikanische Hoteldirektor, der seit sieben Jahren in Asien lebt, aber erst seit einem Jahr das JW Marriott Khao Lak Resort & Spa leitet. 186 Menschen waren hier am Morgen des zweiten Weihnachtstags 2004 den vier Monsterwellen zum Opfer gefallen. Einheimische, Urlauber und burmesische Wanderarbeiter. Flach fällt hier der Strand in die Andamanen-See ab, so konnten sich die Wellen bis zu elf Meter hoch auftürmen. Von rund 100 Hotelanlagen wurden die meisten zerstört. Inzwischen ist alles wieder neu gerichtet, schöner und sicherer als zuvor.

Damals firmierte das Hotel noch unter dem Namen Sofitel Magic Lagoon, wurde später saniert und in die Marriott-Kette integriert. Mit dem Namen streifte das Haus auch die Erinnerung an das Horrorszenario ab. Keine Gedenktafel, keine Reden zum Jahrestag. Nur dreimal jährlich Katastrophenübungen.

„Wir haben zwei Warnsysteme. Bei Erdbeben mit einer Stärke über sechs auf der Richterskala erhalten alle Angestellten im Management sofort eine SMS. Gäste und Mitarbeiter werden in die obersten Stockwerke geschickt“, sagt Ty Collins. „Das Fehlen von Frühwarnsystemen hat zu der hohen Zahl an Opfern geführt“, erklärt Experte Harald Spohn von der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ). „Aber es gehört auch gesunder Menschenverstand dazu, die Anzeichen eines Tsunamis zu erkennen – Frühwarnsysteme sind keine Lebensversicherung.“

 

Geheimtipp unter Backpackern

In Khao Lak wusste damals niemand den starken Rückzug der See zu deuten. „Jeder hat mindestens einen Angehörigen zu beklagen“, sagt Ty Collins. „Doch niemand spricht darüber. Es ist ihnen unangenehm, denn Thais sind sehr abergläubisch. Und Urlauber stellen keine Fragen mehr.“ Unbekümmert baden sie wieder in der sanften Brandung, die badewannenwarm an den kilometerlangen Sandstrand schwappt, entspannt genießen sie Massagen im Spa oder in den preiswerteren Buden am Meer. In den Achtzigerjahren wurde Khao Lak wegen seiner Strände und der paradiesischen Ruhe von Backpackern als Geheimtipp gehandelt. Dann entdeckten Investoren die Traumlage, verdrängten die romantischen Bambushütten und bauten Hotels. Nach dem Tsunami verliehen sie der Ferienregion endgültig ein neues, geliftetes Gesicht. Ein Gesicht, das keine Spuren von Schwermut mehr zeigt. „Khao Lak entwickelt sich besser denn je und hat sich als beliebtes Ferienziel etabliert“, bestätigt auch TUI-Chef Volker Böttcher.

Von hier aus schwärmen Ausflügler mit Schnellbooten zu den James-Bond-Felsen in der Bucht von Phang Nga aus oder tauchen ab zum Schnorcheln vor den spektakulären Granitblöcken der Similan-Inseln, die noch immer zu den schönsten Tauchrevieren der Welt zählen, obwohl der Tsunami zwei Drittel der Korallenwelt beschädigt hat. Sie besuchen die beliebte Ferieninsel Phuket, oder sie kaufen auf dem bunten Markt in Khao Lak Kopien angesagter Marken, in der Hoffnung, dass der Zoll daheim sie nicht damit erwischt.

Einige besichtigen auch Tsunami-Gedenkstätten. Beklommen stehen sie vor der langen Mauer der Erinnerung im Fischerdorf Ban Nam Khem, auf der 150 Namen und oft auch Bilder von Opfern verewigt sind. Manche der Sterne sind nicht belegt. Wahrscheinlich werden sie auch niemals Namen tragen, denn wer bis jetzt in Khao Lak als vermisst gilt, wird es voraussichtlich immer bleiben. Sie schauen sich in dem kleinen Tsunami-Museum um, in dem eine Ausstellung von Dokumenten, Fotos und Videos als Endlosschleife fast schmerzhaft aktuell die Tragödie belegt. Und sie staunen über das Polizeiboot 813, das auf einer Wiese gestrandet ist. Es sollte Poom Jensen, einen Enkel von König Bhumipol, beim Jetski-Fahren bewachen. Der 21-Jährige ertrank, das 40 Meter lange Aluminiumboot wurde 1,5 Kilometer landeinwärts geschwemmt. Ihm hätte auch das neue öffentliche Fluchtgebäude nichts genutzt, das auf zwei Stockwerken viele hundert Menschen aufnehmen kann. Das Haus sei vor allem psychologisch wichtig, sagt auch Harald Spohn. Als Bollwerk des Vertrauens, sozusagen. „Doch die Sinne sind seit 2004 viel mehr geschärft. Allerdings dürfen die Sicherheitsübungen in den Gemeinden und den Hotels nie aufhören, sonst könnte diese Sensibilität wieder verloren gehen.“

 

Unfassbarkeit in Stein gefasst

Nicht weit vom makabren Fundort des Polizeiboots entfernt liegt das wieder errichtete Stelzendorf der Moken. Die einstigen Seenomaden hat es hart erwischt. Zu 90Prozent lebten sie „vorher“, wie sie die größte Naturkatastrophe seit Menschengedenken lieber umschreiben, vom Fischfang. Zwei große Fischtrawler hat es ins Dorf gespült, als hölzerne Zeitzeugen in Stein gefasste Unfassbarkeit. 42 der 227 Bewohner bezahlten den Standort am Meer mit dem Leben.

Davor, danach und dazwischen wie eingefroren das Unaussprechliche – in Südthailand hat seit dem 26.Dezember 2004 eine neue Zeitrechnung begonnen. Einer der wenigen, die darüber zu sprechen vermögen, ist Dorfvorsteher Hong: „Ich wollte gerade zu meinem Boot gehen, als ich die schwarze Wand auf mich zu rasen sah“, berichtet der 43-jährige Fischer. „Ich dachte, ich müsste sterben, als sie mich unter sich begrub, aber wie durch ein Wunder habe ich überlebt.“ Fast noch schlimmer sei die Zeit danach für ihn gewesen, meint er, „die Aufräumarbeiten und alles, was man dabei fand“. Gern führt Hong Besucher zum neuen Gemeindehaus im traditionellen Stil, wo Mokenboote auf die roten Lehmwände gemalt sind und lachende Kinder einen Tanz vorführen. Viele von ihnen sind Waisen, aufgefangen von Verwandten oder Waisenhäusern, die von internationalen Stiftungen unterstützt werden. Die Kinder freuen sich auf den Abend, wenn der letzte Vollmond des thailändischen Jahres gefeiert wird. Am Strand zeigen Einheimische den Urlaubern, wie man zylindrische Lampions aus weißem Reispapier mit kleinen Lichtern auf die Reise zum Mond schickt. Schwebend formieren sich die fragilen Leuchtkörper am Nachthimmel. Die doppelte Botschaft des Loslassens geht nicht nur Hoteldirektor Ty Collins unter die Haut.

Winterfluchtpunkit Khao Lak

Infos: Thailändisches Fremdenverkehrsamt, Heumühlgasse3, 1040 Wien, 01/5852420, www.thailandtourismus.at

Pauschalen: Bei TUI kostet z.B. eine Woche im 5/6-Sterne-Hotel JW Marriott Khao Lak Resort & Spa mit Flug ab Wien ab 1251€ p.P. im DZ mit Frühstück. Eine Verlängerungsnacht ist ab 41€ buchbar. Eine Woche im 3/4-Sterne-Hotel Khao Lak Oriental Resort kostet mit Flug ab Wien ab 1062€ p.P./DZ/F www.tui.at
Anreise:
Ab Wien mit Austrian Airlinestäglich nonstop nach Phuket. www.austrian.at
Weiter per Bus nach Khao Lak. Beste Reisezeit: Mitte Dezember bis Mitte April. Temperaturen zwischen 24 und 33 Grad (Luft) und 26 bis 28 Grad (Wasser).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2011)

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