Vor dem Fenster war's kalt und neblig, der zackige, verschneite Gebirgskamm am Nordufer der Bucht war in Wolkenpanzer gehüllt und Eisbrocken trieben im Wasser, als uns Jost und Elsbeth (die Namen sind nicht erfunden) etwas klarmachten: „Hey, sie könn hier nich sitzn!“
Hier, das war im Sommer 2008 an einem runden Tisch für acht Passagiere auf der „Nordstjernen“, einem schnuckeligen, schwarz-weiß lackierten alten Postschiff der norwegischen Reederei „Hurtigruten“, das durch die Wasser des Svalbard-Archipels (Spitzbergen) nördlich von Norwegen wummerte. Eigentlich hatte jeder der gut 400 Passagiere auf der viertägigen Fahrt durch die Eisfelswasserwelt bis zur Packeisgrenze einen bestimmten Sitzplatz, doch meine Frau und ich waren abends zuvor irrtümlich an einem fremden Tisch bei einem lustigen walisischen Paar und viel Whisky gelandet.
Am nächsten Morgen, als wir das System gecheckt hatten, waren Jost und Elsbeth aus Norddeutschland damit überfordert, dass an ihrem Tisch die „richtigen“ Nachbarn auftauchten. Es war für sie eine unerhörte Regelwidrigkeit, aber auch für jene zwei unentspannten Wienerinnen, die damit haderten, dass man eine Tischordnung flexibel handhaben könnte. Jedenfalls sprachen Jost und Elsbeth fortan nicht mehr mit uns, meckerten aber übers objektiv gute Essen und Trinken. Wie auch immer: Die Fahrt um die Eisinseln war sensationell. Mit den falschen Mitreisenden kann das aber rasch ätzen.
Viele Menschen, enger Raum. Nun ja, vielleicht machte die Kälte die Menschen bissig, und die Nordstjernen ist im Vergleich zu Megakreuzfahrtschiffen, die so groß sein können wie Flugzeugträger, quasi ein Beiboot. Auf solchen Riesen wie der nun vor Italien havarierten „Costa Concordia“ wuseln gleich einmal mehr als 3000 Passagiere und 1000 Besatzungsmitglieder herum. Natürlich verteilen sich diese (Touristen)-Massen, wie man dem Reiseprospekt der Betreiberfirma „Costa Crociere“ entnehmen kann, unter anderem auf 1500 Kabinen (darunter 87 mit direktem Zugang zur gigantischen Saunawelt), fünf Restaurants, 13 Bars, ein Casino, vier Pools und einen Sportplatz– alles in „luxuriösem Design. Architektonische Verbeugungen vor den großen Städten Europas und prachtvolle Inneneinrichtungen setzen neue Maßstäbe.“ Doch ist man auf einem solchen Schiff außerhalb der Kabine nie allein. Für Dauerstress ist gesorgt.
Im Grunde sieht, etwa auf den Costa-Schiffen, natürlich alles aus wie eine schreckverzerrte Disney-Zauberwelt, deren Schöpfer in zu viel Kristall und Rosa gebadet haben. Dennoch haben 2011 etwa 110.000 Österreicher eine Seereise – auch auf solchen Schiffen, die für viele ein maritimer Albtraum sind – unternommen, sagt der Kreuzfahrtausschuss des Österreichischen Reisebüroverbandes, in dem alle großen Anbieter wie Aida, Costa, Hapag-Lloyd und Royal Caribbean vertreten sind. „Kreuzfahrten haben in den letzten Jahren in Österreich geboomt“, sagt Josef Peterleithner, Konzernsprecher des deutschen Reiseunternehmens TUI. Die Zahl der Gäste wachse jährlich zweistellig.
2011 sollen etwa 19 Millionen Kreuzfahrttouristen weltweit rund 30 Milliarden(!) Dollar ausgegeben haben. Der Großteil davon (mehr als zwei Drittel) war in den Gewässern um Amerika unterwegs, speziell in der Karibik. Rund 15 Prozent der Kreuzfahrten fanden in den Meeren um Europa statt, vor allem im Mittelmeer – doch zählt auch die kühle Ostsee zu den neuen Boomregionen.
Jacketts? Fratz'n! Besonders Frauen und Menschen jenseits der 50 malen sich exotische Häfen, die schönsten Küsten der Welt und feine Diners an der Seite stolzer Herren in weißen Jacketts aus. Aber die Realität ist banaler. Kreuzfahrtschiffe sind meist All-inclusive-Klubs. Längst gehören Familien und Pensionisten zu den besten Kunden, auch spezielle Reisen für wilde Teenager gibt es. Die Preise sind gefallen: Etwa 1500 Euro gibt ein Durchschnittsgast bei TUI für eine Kreuzfahrt aus. Die siebentägige Fahrt der Costa Concordia, die von Civitavecchia (Italien) über Savona, Marseille, Barcelona, Mallorca, Tunis, Palermo und retour geführt hätte, hatte von 299 Euro (für die „Holzklasse“) bis 2759 Euro (in der Suite mit Meerblick und Schampus und allen nur erdenklichen Extras) gekostet.
Die Werften kommen mit dem Bau neuer Kreuzfahrtschiffe kaum nach: Dabei dominieren die norwegische Firma „STX“ mit Werften in Finnland und Frankreich, „Fincantieri“ in Italien (Erbauer der Concordia), „Meyer“ in Deutschland und „Mitsubishi“ in Japan den Weltmarkt. 2006 bis 2011 wurden 47 neue Schiffe fertig. 2011 bis 2013 sollen in Europa 23 Kreuzfahrtschiffe gebaut werden, Kosten: fast elf Milliarden Euro; einer der ganz großen „Pötte“ mit Platz für mehr als 2000 Passagiere (die sogenannten „Megakreuzer“) können rasch mehr als 300 Millionen Euro kosten.
Derzeit gibt es weltweit etwa 320 Kreuzfahrtschiffe mit rund 380.000 Betten sowie rund 800 kleinere Flusskreuzfahrtschiffe. Die meisten sind sogar schon so groß, dass sie nicht mehr durch den Panamakanal passen (die „Post-Panamax-Klasse“). Die größten wie die „Allure of the Seas“ der auf den Bahamas registrierten Firma „Royal Caribbean“ sind mit einer Eigenmasse von rund 100.000 Tonnen so groß wie die größten US-Flugzeugträger.
Überhaupt regiert in der Branche zusehends Gigantismus. Surfen auf künstlichen Wellen, Klettern, Golfspielen am Simulator, Botox-Injektionen an Bord, Spazieren in Parks mit echten Bäumen, Seilbahnen von Bug zum Heck, Sandstrände mit echten Palmen, Dutzende Pools, Eislaufplätze und mehrstöckige Theater. Essen kann man sowieso 24 Stunden am Tag. Es gibt Gerüchte über Prostitution.
Trotz all dem Glitzer: Die Branche gerät in Kritik. Vorwiegend billige asiatische und lateinamerikanische Seeleute (etwa aus Thailand, Malaysia, Peru, Ecuador) arbeiten in den Schiffsbäuchen oft zu Hungerlöhnen. Masseure aus Indonesien etwa sollen im Monat kaum 600 Euro verdienen. Die Mannschaften, zu denen auch Köche, Kellner, Unterhalter und Putzfrauen gehören, erhalten meist Kettenarbeitsverträge mit je einigen Monaten Dauer, indes bei freier Kost und Logis, weshalb es sich für viele rechnet.
Jost und Elsbeth sind überall. Kritiker sagen, dass die Umweltbelastung durch die schwimmenden Vergnügungsparks, die ihre Abfälle inklusive der menschlichen oft im Meer entsorgen, groß ist. Allerdings stellen Kreuzfahrtschiffe nur einen kleinen Teil der Seefahrt dar.
Das Unglück der Costa Concordia wird dem Boom kein Ende bereiten. „Auch 2012 wird der Markt zweistellig wachsen“, sagt TUI-Sprecher Peterleithner. Denn die Erfahrung zeige: Touristen vergessen schnell. Spätestens nach einer Saison sind Anschläge, politische Wirren oder Unfälle aus den Köpfen weitgehend verschwunden. Mit Leuten wie Jost und Elsbeth am Tisch muss man aber rechnen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2012)
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