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Kubas ferner Osten: Viel schöner als sein Ruf

10.02.2012 | 15:34 |  MARTIN CYRIS (Die Presse)

Guantánamo: In der gleichnamigen Bucht hält die US Army Gefangene. Die Sperrzone bringt eine ganze große Region in Misskredit. Dabei liegen in der Provinz Guantánamo Kubas aufregendste Landschaften.

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Der kahl rasierte Schädel flößt Respekt ein. Die bullige Statur nicht minder. Stoisch gibt Hermes Anweisungen. Er ist kein Typ, dem man Widerrede gibt. Finster fixiert er die ihm Zugeteilten. Die spärlich bekleideten Gestalten sind barfuß und verschwitzt. Eine Atempause wäre angebracht. Doch Hermes will aus der ungelenken Gruppe das Letzte herausholen. Kopflastigkeit und Hüftsteifheit offenbaren sich bei den meisten westlichen Touristen, sobald in Kuba Rhythmusgefühl und Geschmeidigkeit gefragt sind. Beim Salsa ist der Verstand hinderlich.

Der Tanzlehrer hat drei kanadische Pärchen in der Mangel. Nach einem Strandbesuch an der idyllischen Playa Maguana im äußersten Osten von Kuba haben sich die Urlauber spontan entschlossen, Salsa zu lernen. Jeden Abend unterrichtet Hermes in der „casa de cultura“ in Baracoa, einer sympathischen Kleinstadt in der Provinz Guantánamo, und überwacht die Schritte seiner Schüler. Doch sobald eine Lektion sitzt, hellt sich die Miene des Tanzlehrers auf und er strahlt übers ganze Gesicht. „Muy bien!“, bricht es vor Freude aus ihm heraus. Es scheint fast, als würde Hermes jeden umarmen zu wollen. Extreme Gefühle im Überschwang, spontan ausgelebt – die östlichste Provinz Kubas unterscheidet sich da kaum vom Rest des Landes. Wohl aber ihr Ruf.

 

Individualistenziel

Guantánamo? Das klingt nach Ungemach. Nach Folter. Nach US-Militärbasis. Nach Tribunalen und menschenunwürdigen Haftbedingungen. Wer will in solch einer Gegend freiwillig Urlaub machen? Bislang meist nur Individual- und Rucksacktouristen. Für sie stellt die nicht unbeschwerliche Anreise über löchrige Straßen eher ein Abenteuer denn ein Hindernis dar.

Dabei ist die Provinz Guantánamo die landschaftlich abwechslungsreichste in Kuba: Malerische Bergzüge, wilde Schluchten mit glasklaren Flüssen und Wasserfällen, üppige Flora und Fauna, zahlreiche einsame Traumstrände prägen diese Kulisse. Die große Region hat mit der berüchtigten US-Militärzone nur den Namen gemein. Seit 1903 klebt die US Navy in der Bucht vor der ebenfalls gleichnamigen Provinzhauptstadt. Ob der Pachtvertrag für die Militärbasis überhaupt noch gültig ist, ist juristisch umstritten. Wie auch immer, die US-Regierung meint, Recht und Bucht gepachtet zu haben, und macht keinerlei Anstalten, den Stützpunkt aufzugeben.

Für Besucher ist das Gefangenenlager vor allem Kopfsache. Die unwürdigen Bilder, die um die Welt gingen, schwirren unweigerlich im Gedächtnis herum und überlagern das Bild einer wenig berührten Küstenlandschaft mit viel gebirgigem, fruchtbarem Hinterland. Für manchen Local scheint Guantánamo Bay vom Rest der Provinz so entfernt zu sein wie die Erde vom Mond. „Das ist doch weit weg!“, wiegelt Hermes ab. Keine Widerrede. Wobei das nur die halbe Wahrheit ist. Denn manch einer, der hier vom Tourismus lebt, empfindet das Image des Lagers als rufschädigend, als Hypothek. Und für die sozialistischen Altrevolutionäre ist es seit eh und je eine Schmach. Mag der Straßenbelag noch so viele Löcher aufweisen, die antikapitalistischen und antiimperialistischen Großplakate sind in Bestzustand. Kurz vor Guantánamo-Stadt, kurz: GTMO, nimmt die Präsenz der Parolen am Straßenrand auffällig zu.

Im bekanntesten Hotel der Stadt, dem „Guantánamo“, steigt ab, wer entweder auf makabere Assoziationen steht oder mit dem Bus auf Durchreise ist und dringend Erfrischung braucht. Vor dem Hotel verkauft Noemi an ihrem Stand Cola und kleine Snacks. Üblicherweise werden in Kuba Getränkedosen direkt vom Verkäufer geöffnet und mit Strohhalm versehen. Doch die redselige Imbissbesitzerin fürchtet um ihre künstlichen Fingernägel – das Geschenk einer deutschen Touristin. „Kannst du die Dose selbst aufmachen?“, bittet sie und klagt: „Guantánamo hat einen schlechten Ruf, deshalb kommen zu wenige Touristen hierher.“ Zu Unrecht, meint Noemi.

 

Ambivalentes Verhältnis

Ins selbe Horn stößt der Barkeeper im Hotel Guantánamo. Seinen Namen will er nicht nennen. Besonders schlimm sei es, wenn sich einmal eine Busladung von Touristen aus Europa nach GTMO verirre. „Fast jeder spricht mich dann auf die Amerikaner an“, seufzt er. Er reicht lieber Cuba Libre über die Theke als Antwort. Aber wie viele Bewohner von Guantánamo-Stadt hat er schon einmal einen Blick auf das Lager geworfen – mit dem Fernglas. Gesehen hat er angeblich „nichts Besonderes“. Nichts außer öden Funktionsbauten und Stacheldraht.

Das Verhältnis der jüngeren Generation zu den eingezäunten Nachbarn aus den USA ist gespalten. Es pendelt zwischen Verachtung und Verehrung, Abscheu und Bewunderung. Ausgerechnet Baseball, der US-Sport par excellence, ist auch Kubas Nationalsport. Kaum ein Dorf in dieser Provinz, in dem Buben nach der Schule nicht den Bällen hinterherjagen. Nicht selten mit selbst gehobelten Schlägern und Handschuhen aus Stoff- und Lederresten.

Dass Touristen in Guantánamo ausbleiben, ist freilich auch ein hausgemachtes Phänomen. Das Tourismusministerium in der Hauptstadt Havanna fördert lieber gestandene Pauschalreiseziele wie Varadero oder Cayo Coco. Guantánamo ist weit weg, und damit auch die Fördertöpfe für die Region. Die Gleichgültigkeit beruht aber auf Gegenseitigkeit: „Havanna? Das ist für mich Ausland“, sagt der Barkeeper mit abschätziger Miene.

Dabei wäre Kuba ohne Guantánamo nicht das, was es heute ist. Zum Beispiel wäre es ohne inoffizielle Nationalhymne, die da lautet „Guantanamera“. Der Refrain über eine Bäuerin aus Guantánamo ist als Beschallungsmittel aus keiner Hotellobby und keinem Restaurant wegzudenken. Sei es in Havanna, Varadero oder Cayo Coco. Ohne die Provinz Guantánamo hätte 1492 Kolumbus auch woanders an Land gehen und sein kleines mitgebrachtes Holzkreuz an anderer Stelle darbringen müssen. Jenes Kreuz ist nachweislich das älteste erhaltene, das die spanischen Eroberer in Amerika hinterlassen haben. Es ist in Baracoa zu bestaunen, der ältesten Stadt Kubas.

 

Kokosnüsse und Kolibris

Von Baracoa aus lassen sich Ausflüge in die beeindruckende Umgebung unternehmen. Hauptattraktion sind die einsamen Strände und der Alexander-von-Humboldt-Nationalpark, der vor endemischen Arten nur so strotzt. Kolibris und bunte Papageien schwirren in der Luft herum, seltene Blumen, darunter Dutzende Orchideenarten, setzen Farbtupfer. Auf zwei ausgeschilderten Wanderwegen bieten sich beeindruckende Ausblicke auf den fast 70.000 Hektar großen Nationalpark, der 2001 zum Unesco-Weltnaturerbe erklärt wurde.

Die Umgebung von Baracoa gilt zudem als eine der fruchtbarsten des Landes. Kaffee, Kokosnüsse und Kakao gedeihen dort im Überfluss. Weltweite Berühmtheit erlangte die Schokolade aus der Provinz durch den mehrfach ausgezeichneten Kinofilm „Erdbeer und Schokolade“.

Auf dem zentralen Platz in Baracoa, dem Parque Independencia, ringen Taxifahrer schon frühmorgens um die überschaubare Zahl von Touristen. Nachdem diese ans gewünschte Ziel befördert wurden, kehrt für ein paar Stunden Ruhe im Zentrum ein. Die Straßenhändler spielen Domino. Unter rosaroten Säulen im Kolonialstil staut sich die Wärme, der Hausberg, der El Yunque, flimmert in der Hitze. Pärchen hängen am Malécon, der Ufermauer, ab. Alte lugen aus knallbunt gestrichenen Fenstern und Türen. Und in der Yamiha-Bar werden Vorbereitungen getroffen, um die Rückkehrer abends mit Rum, Rohrzucker, Limetten und Minze, kurz: Mojito, zu versorgen.

Die kehren meist spärlich bekleidet und verschwitzt – Baracoa hat eine deutlich höhere Durchschnittstemperatur als Havanna – von ihren Ausflügen zurück. Wer noch immer nicht genug Abenteuer erlebt hat, begibt sich in die fürsorglichen Arme von Hermes, dem strengen Tanzlehrer.

Cuba Libre

Flug: z. B. mit Condor Frankfurt/Main–Holguín, www.condor.com Von dort weiter mit Mietwagen oder Bussen, www.viazul.com

Unterkunft: Hotel 1512 in Baracoa, relativ neu, gehobenerer Kuba-Standard ( Warmwasser rund um die Uhr, Betten noch nicht durchgelegen), in der Calle Rafael Trejo.

Hotel Guantánamo ebendort, www.hotelguantanamo.com

Ausflüge: Zu den Traumstränden und den Nationalpark Alexander von Humboldt, Reiseguides mit guten Deutschkenntnissen bei www.ecotur.co.cu

Info: Kubanisches FVA, www.cubainfo.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2012)

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1 Kommentare
FM1721
12.02.2012 14:27
0 0

Kuba muss man gesehen haben!

Speziell die Gegend rund um Guardalavaca ist fuer einen Badeurlaub einfach perfekt! Auch Havana sollte man unbedingt sehen wenn man dort ist!
Einige Impressionen: http://www.fm1721.com/experience/americas/cuba/

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