Die späte Sonne macht Schnee plastisch. Unter dem Schatten zeichnet sich das Gelände ab. Bildfüllend bezieht das Weiß seine Faszination aus Details: den seitlichen Anschnitt einer Baumreihe von Fichten, die schräge Spur eines Skifahrers. Unter der neuen Schneedecke werden die Knollen einer Lawine erahnbar. Es reicht ein eingeschneites Dach, um eine bestimmte Alm zu lokalisieren: Man befindet sich inmitten der Kitzbüheler Alpen.
Einer der Künstler, die die Meisterschaft besaßen, aus Schnee und Berg große Schwarz-Weiß-Dramatik herauszuholen, war Wilhelm Angerer. Der Kitzbüheler Fotograf setzte ab den 30er-Jahren seine Umgebung ins Bild. Die charakteristischen Grasberge zeigen die Fotografien tiefst verschneit, heute schaufeln dort Achtersessellifte und 3-S-Gondeln Skifahrer durchs Gebiet. „Große Einsamkeit“ ortete Angerer in den Seitentälern vor der Zeit ihrer Verbauung und Erschließung durch eines der größten Bergbahnnetze der Alpen.
Kitzbühel war früher kompakt, markante Kirchtürme, bunte Vorderstadt, mittelalterlich anmutende Hinterstadt, Geschäfte, in die sich Normaleinheimische noch hineintrauten, kleine Peripherie aus Landhäusern und Bauernhöfen. Kirchberg oder Ellmau waren kleine Dörfer. Aurach oder Aschau bestanden gerade einmal aus einer Kirche, einem Gasthaus daneben und Erbhöfen mit Blick darauf. Das mit dem Gasthaus stimmt nach wie vor, und sei's, dass es im TV mitspielt.
Dagegen wirken die Bilder Angeres wie eine Art Vorzustand seiner Heimat. Angerer betrieb in Kitzbühel lange ein Fotogeschäft und -studio, bis in die 80er-Jahre schrieb er auch Gedichte. Seine Arbeiten zählt man zur Neuen Sachlichkeit. Einige hat man etwa bei der Ausstellung „Schnee. Rohstoff der Kunst“ 2009 im Vorarlberger Landesmuseum gesehen. Die Fotografien sind im Kunstbetrieb aber längst nicht so präsent wie die Werke eines anderen Kitzbühelers, der den Blick auf Region und Wintertourismus massiv geprägt hat.
Wohl in bester Absicht hat der Maler, Grafiker und Architekt Alfons Walde die typischen Kitzbüheler Alpenmotive damals selbst kommerzialisiert. Walde entwarf Plakate und Postkarten mit schnittigen Skifahrern und schwarz gewandeten Kirchgängerinnen, leuchtenden Berg- und Dorfansichten. In vielen Walde-Bildern liegen Tonnen an Schnee – so wie jetzt gerade in der Region (die man auf Skitouren erleben sollte).
Postkartenreifes Schneeidyll
Verständlich, dass der Gast seinen Urlaubsort gern aus Waldesker Perspektive betrachten möchte. Das kann er sehr gut in Kitzbühel, im Museum, wo die Sammlung Alfons Walde seit Kurzem in einem größeren Umfang präsentiert wird, sie ist nun auf 250 Quadratmetern in dem historischen Gemäuer zu sehen. Will der Tirol-Urlauber die Motive allerdings auf die Wirklichkeit übertragen, muss er hinaus, in die Natur. Von Kirchberg und den Orten des Brixentals aus bieten sich durchaus stillere Zugänge zu den schönen Bergszenerien. Und zu unzähligen Pisten.
Ein paar Walde-Bilder haben auch Theo und Mieke Jongen zu Hause hängen. Zu Hause – in ihrer Aaartfoundation etwas außerhalb von Kirchberg. In der letzten Zeit ist die Besucherzahl hoch. Einheimische, Urlauber und Zigwohnbesitzer kommen hierher an diesen stimmigen Platz, um Kunst zu betrachten und zu kaufen, gern nach dem Skifahren und vor dem Abendessen. Zweimal im Jahr gibt es eine große Ausstellung, man fühlt sich immer willkommen.
Oft wird der Kunstsammler gefragt, wozu sein Haus früher genutzt worden sei, es sehe so alt aus, trotz der riesigen Glasflächen. Ist es auch, nur mit dem Unterschied, dass die 15 Meter langen Holztrame nicht im Schnee der Alpen gealtert sind, sondern im Wasser eines norddeutschen Hafenbeckens. Dort wurden die uralten Basralocus- und Azobé-Stämme aus Surinam ursprünglich verbaut. Durch den Hinweis eines Bildhauers kam der belgische Architekt auf die Idee, mit dem schwersten Holz auf diesem Planeten in seiner zweiten Heimat ein Haus zu bauen, das eine große Galerie, Teile seiner Kunstsammlung und ein privates Refugium unter einem Stahldach (mit künstlichem Rost) umfasst. Allein dafür lohnt der Besuch. Aber eben auch die aktuelle Ausstellung mit grafischen Werken von Poliakoff, Marini, Picasso oder Zeitgenössischem aus der Leipziger Schule. Und dazwischen die Waldes. Zusätzlich interessant, weil eines nicht das Erwartete zeigt, sondern ein frühes Frauenporträt, ganz zart.
Info: TVB Kitzbüheler Alpen–Brixental, T 05357/20 00-150, www.kitzbuehel-alpen.com
Schauen: Aaartfoundation/ Kirch- berg, aktuelle Ausstellung bis 18. 3. (Do bis So, 16 bis 19 Uhr), www.aaart-foundation.com
Museum Kitzbühel mit Sammlung Alfons Walde, www.museum-kitzbuehel.at
Skifahren: Im Gebiet Kitzbüheler Alpen und der Skiwelt Wilder Kaiser-Brixental. Kirchberg und Westendorf an der Schnittstelle, www.kitzbuehel-alpen.at, www.skiwelt.at
Speisen: Regional und fein im „Thalhof“ in Brixen, Mitglied der „Brixentaler KochArt“, www.thalhof. at; www.brixentaler-kochart.at
Haubenküche von Simon Taxacher im „Rosengarten“ in Kirchberg, www.rosengarten-taxacher.com
Schlafen: Alpenresidenz Adler/
Kirchberg, www.der-adler.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2012)
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