An jeder Ecke ein Bräuhaus. Schattige Gastgärten, in denen mit Bierkrügen geprostet wird. Burschn und Madln in trachtigem Outfit. Wo sind wir hier? In Bayern? In (Ober-)Österreich? Schwer zu sagen. Die beiden Nachbarn sind in vielen Dingen Brüder. Der eine groß, der andere klein, haben sie vieles gemeinsam, lieben sich, auch wenn sie sich manchmal gehörig auf die Nerven gehen.
Bayern! Bayern! Wenn die Millionenkicker des FC Bayern München heute in der Allianz-Arena mit breiter Brust den FC Chelsea vermöbeln wollen, tun sie dies unter tonaler Begleitung von über 60.000 hormongesteuerten durstigen Kehlen. Die roten-weißen Schals hängen allerdings nicht nur um bayerische Hälse, auch eine beträchtliche Zahl Österreicher suhlt sich im Mir-san-mir-Gefühl im modernen Rund der Freistaatmetropole. Allein in Oberösterreich gibt es 24 offizielle FC-Bayern-München-Fanklubs. Kleine und große Anhängerscharen des großen Nachbarn haben im Land über der Enns Tradition. Und wer nicht für die Bayern ist, ist gegen sie – auch das hat Tradition. Zum Leidwesen der Bayernverächter spielt der junge Österreicher David Alaba erstaunlich erfolgreich bei den bayerischen Großverdienern und heizt die Bayern-Euphorie hierzulande noch weiter an.
Der Münchner Rekordmeister spiegelt die kleinen und großen Freund- und Feindschaften zwischen Bayern und (Ober-)Österreichern recht gut wider. Für und Wider – die gab es schon immer. Historisch gesehen ist das Verhältnis zwischen Bayern und Österreich ein äußerst wechselvolles. Ein Pendeln zwischen Annäherung und Abgrenzung, Gemeinsamkeiten und Auseinandersetzungen, Krieg und Freundschaft. Auch wenn Österreicher „ihre“ in Bayern geborene Kaiserin Sisi wie eine Heilige verehren – kein historisches Motto könnte die Geschichte der Nachbarländer besser resümieren als „Verbündet, verfeindet, verschwägert“. Unter diesem Titel lädt denn auch die grenzüberschreitende Landesausstellung Oberösterreichs und Bayerns zu einer Reise in die gemeinsame Vergangenheit ein. Schauplätze sind drei historisch bedeutende Standorte: das Schloss Mattighofen, das ehemalige Chorherrenstift Ranshofen und die Burg zu Burghausen in Bayern.
Die „im Volksmund Ostarrîchi genannte Region“, so die Urkunde von 996, die in Burghausen zu sehen ist, gab einem Land, das sich zu ungeahnter Größe entwickeln sollte, seinen Namen. Zwar reichte das Herzogtum Bayern im frühen Mittelalter noch bis Wien, doch Österreich emanzipierte sich und war dem Nachbarn als Vielvölkerreich bald überlegen. Doch in Religion, Kultur und Traditionen, von der Sprache über das Essen bis zu den Bräuchen und Trachten, blieben viele Gemeinsamkeiten. Die Schau widmet sich diesem „ständig fließenden Austausch“, zeigt die Lebenswelten der Menschen und beleuchtet die Beziehung der beiden Herrscherhäuser Habsburg und Wittelsbach. Bei der Eröffnung wurden jede Menge Reden geschwungen, es wurde aber auch etwas gesagt. Oberösterreichs Landeshäuptling Josef Pühringer etwa stellte zufrieden fest, dass das Verhältnis der Nachbarn nun völlig konfliktfrei sei, da die Bayern der Atomkraft abschwören würden. Zur Erklärung: Atomschrottreaktoren stehen nämlich nicht nur wenige Kilometer hinter der tschechisch-oberösterreichischen Grenze, sondern auch in Bayern. Noch, aber nicht mehr lange, wie man diesseits der Grenze stark hofft. Ansonsten schwärmten Politiker von „Stammesverwandtschaft“, inniger Freundschaft und sogar von brüderlichem Zusammenhalten gegen „Preißn und Piefkes“.
Strümpfe bis zur Kniekehle
Dass sich die Bayern und die Oberösterreicher in vielen Dingen ähneln, lässt sich nicht leugnen. Gemütlichkeit und Tradition werden hochgehalten wie das Glas Bier beim Anstoßen. Doch selbst beim Feiern gibt es kleine, aber nicht zu überbrückende Unterschiede. Wir trinken eine Halbe oder ein Krügel, die da drüben eine Maß Weißbier. Würste sind hie wie da beliebt, Weißwürste jedoch haben sich bisher nicht wirklich durchsetzen können, auch wenn Event-Veranstalter die sommerlichen Zeltfeste als Weißwurstparty anpreisen.
Und sehr augenfällig: Für Lederhosen und Tracht schämt man sich da wie dort selbst in der Stadt nicht mehr. Selbstbewusst präsentiert man seine Wadeln in Strümpfen, die bis zur Kniekehle reichen. Und auch diese Tradition ist eine gemeinsame, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Trachtenvereine sprossen hier wie dort aus dem Boden, doch wenn man fragt, wer die Ersten waren, die begannen, die „gute alte Zeit“ hochzuhalten, dann muss man mit dem Daumen auf die Nachbarn zeigen.
Im Theiss Verlag erschienen zur Landesausstellung die beiden reich bebilderten Begleitbände mit dem Titel „Verbündet. Verfeindet. Verschwägert“. Sie schildern die Geschichte der beiden Donauländer vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Hsgb.: Haus der Bayerischen Geschichte. „Verbündet. Verfeindet. Verschwägert. Bayern und Österreich“, 2012, 2 Bände, Konrad Theiss Verlag, ISBN 978-3-8062-2618-8, 49,50€.
Bayerisch-Oberösterreichische Landesaustellung 2012
Ausstellungsorte: Burghausen, Braunau, Mattighofen
www.landesausstellung.at
Dauer: bis 4. November 2012,
Öffnungszeiten: täglich 9–18 Uhr,
Preise: Erwachsene 9 € (ermäßigt 7 €), die Eintrittskarten gelten für alle drei Ausstellungsorte innerhalb der gesamten Laufzeit.
Braunau/Schloss Ranshofen: Führungsanmeldungen 0720/300 305, office@landesausstellung-ooe.at
Mattighofen: Schloss, Zinngießerhaus und Franzosenhäusl, Führungsanmeldungen 0720/300 305-210
m.office@landesausstellung-ooe.at
Burghausen: Schloss, mit 1041 Metern längste Burganlage der Welt; Themen: Beziehungen Bayern/Ö 800–1400, Ostarrichi-Urkunde.
landesausstellungburghausen@hdbg.bayern.de
www.burghausen.de
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2012)
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