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Bayern und Österreich: Wenn's um den Durst geht

18.05.2012 | 18:35 |  THOMAS HARTL (Die Presse)

Was eint, was trennt uns Nachbarn? Eine grenzüberschreitende Landesausstellung zeigt, was uns jeweils nicht wurscht ist.

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An jeder Ecke ein Bräuhaus. Schattige Gastgärten, in denen mit Bierkrügen geprostet wird. Burschn und Madln in trachtigem Outfit. Wo sind wir hier? In Bayern? In (Ober-)Österreich? Schwer zu sagen. Die beiden Nachbarn sind in vielen Dingen Brüder. Der eine groß, der andere klein, haben sie vieles gemeinsam, lieben sich, auch wenn sie sich manchmal gehörig auf die Nerven gehen.

Bayern! Bayern! Wenn die Millionenkicker des FC Bayern München heute in der Allianz-Arena mit breiter Brust den FC Chelsea vermöbeln wollen, tun sie dies unter tonaler Begleitung von über 60.000 hormongesteuerten durstigen Kehlen. Die roten-weißen Schals hängen allerdings nicht nur um bayerische Hälse, auch eine beträchtliche Zahl Österreicher suhlt sich im Mir-san-mir-Gefühl im modernen Rund der Freistaatmetropole. Allein in Oberösterreich gibt es 24 offizielle FC-Bayern-München-Fanklubs. Kleine und große Anhängerscharen des großen Nachbarn haben im Land über der Enns Tradition. Und wer nicht für die Bayern ist, ist gegen sie – auch das hat Tradition. Zum Leidwesen der Bayernverächter spielt der junge Österreicher David Alaba erstaunlich erfolgreich bei den bayerischen Großverdienern und heizt die Bayern-Euphorie hierzulande noch weiter an.

Der Münchner Rekordmeister spiegelt die kleinen und großen Freund- und Feindschaften zwischen Bayern und (Ober-)Österreichern recht gut wider. Für und Wider – die gab es schon immer. Historisch gesehen ist das Verhältnis zwischen Bayern und Österreich ein äußerst wechselvolles. Ein Pendeln zwischen Annäherung und Abgrenzung, Gemeinsamkeiten und Auseinandersetzungen, Krieg und Freundschaft. Auch wenn Österreicher „ihre“ in Bayern geborene Kaiserin Sisi wie eine Heilige verehren – kein historisches Motto könnte die Geschichte der Nachbarländer besser resümieren als „Verbündet, verfeindet, verschwägert“. Unter diesem Titel lädt denn auch die grenzüberschreitende Landesausstellung Oberösterreichs und Bayerns zu einer Reise in die gemeinsame Vergangenheit ein. Schauplätze sind drei historisch bedeutende Standorte: das Schloss Mattighofen, das ehemalige Chorherrenstift Ranshofen und die Burg zu Burghausen in Bayern.

Die „im Volksmund Ostarrîchi genannte Region“, so die Urkunde von 996, die in Burghausen zu sehen ist, gab einem Land, das sich zu ungeahnter Größe entwickeln sollte, seinen Namen. Zwar reichte das Herzogtum Bayern im frühen Mittelalter noch bis Wien, doch Österreich emanzipierte sich und war dem Nachbarn als Vielvölkerreich bald überlegen. Doch in Religion, Kultur und Traditionen, von der Sprache über das Essen bis zu den Bräuchen und Trachten, blieben viele Gemeinsamkeiten. Die Schau widmet sich diesem „ständig fließenden Austausch“, zeigt die Lebenswelten der Menschen und beleuchtet die Beziehung der beiden Herrscherhäuser Habsburg und Wittelsbach. Bei der Eröffnung wurden jede Menge Reden geschwungen, es wurde aber auch etwas gesagt. Oberösterreichs Landeshäuptling Josef Pühringer etwa stellte zufrieden fest, dass das Verhältnis der Nachbarn nun völlig konfliktfrei sei, da die Bayern der Atomkraft abschwören würden. Zur Erklärung: Atomschrottreaktoren stehen nämlich nicht nur wenige Kilometer hinter der tschechisch-oberösterreichischen Grenze, sondern auch in Bayern. Noch, aber nicht mehr lange, wie man diesseits der Grenze stark hofft. Ansonsten schwärmten Politiker von „Stammesverwandtschaft“, inniger Freundschaft und sogar von brüderlichem Zusammenhalten gegen „Preißn und Piefkes“.

 

Strümpfe bis zur Kniekehle

Dass sich die Bayern und die Oberösterreicher in vielen Dingen ähneln, lässt sich nicht leugnen. Gemütlichkeit und Tradition werden hochgehalten wie das Glas Bier beim Anstoßen. Doch selbst beim Feiern gibt es kleine, aber nicht zu überbrückende Unterschiede. Wir trinken eine Halbe oder ein Krügel, die da drüben eine Maß Weißbier. Würste sind hie wie da beliebt, Weißwürste jedoch haben sich bisher nicht wirklich durchsetzen können, auch wenn Event-Veranstalter die sommerlichen Zeltfeste als Weißwurstparty anpreisen.

Und sehr augenfällig: Für Lederhosen und Tracht schämt man sich da wie dort selbst in der Stadt nicht mehr. Selbstbewusst präsentiert man seine Wadeln in Strümpfen, die bis zur Kniekehle reichen. Und auch diese Tradition ist eine gemeinsame, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Trachtenvereine sprossen hier wie dort aus dem Boden, doch wenn man fragt, wer die Ersten waren, die begannen, die „gute alte Zeit“ hochzuhalten, dann muss man mit dem Daumen auf die Nachbarn zeigen.

Literatur zum Thema

Im Theiss Verlag erschienen zur Landesausstellung die beiden reich bebilderten Begleitbände mit dem Titel „Verbündet. Verfeindet. Verschwägert“. Sie schildern die Geschichte der beiden Donauländer vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Hsgb.: Haus der Bayerischen Geschichte. „Verbündet. Verfeindet. Verschwägert. Bayern und Österreich“, 2012, 2 Bände, Konrad Theiss Verlag, ISBN 978-3-8062-2618-8, 49,50€.

Bayern und/oder Österreich

Bayerisch-Oberösterreichische Landesaustellung 2012
Ausstellungsorte: Burghausen, Braunau, Mattighofen
www.landesausstellung.at
Dauer: bis 4. November 2012,
Öffnungszeiten: täglich 9–18 Uhr,
Preise: Erwachsene 9 € (ermäßigt 7 €), die Eintrittskarten gelten für alle drei Ausstellungsorte innerhalb der gesamten Laufzeit.
Braunau/Schloss Ranshofen: Führungsanmeldungen 0720/300 305, office@landesausstellung-ooe.at

Mattighofen: Schloss, Zinngießerhaus und Franzosenhäusl, Führungsanmeldungen 0720/300 305-210
m.office@landesausstellung-ooe.at

Burghausen: Schloss, mit 1041 Metern längste Burganlage der Welt; Themen: Beziehungen Bayern/Ö 800–1400, Ostarrichi-Urkunde.
landesausstellungburghausen@hdbg.bayern.de
www.burghausen.de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2012)

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13 Kommentare
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Innviertel...

Das Innviertel war bis 1779 bayrisch... daher wohl die nachhaltige Verbundenheit mit Bayern...

jo eh!

der Oberösterreicher hat mit dem oberbaier mehr gemeinsam wie der Oberösterreicher mit dem Wiener oder Burgenländer. genau so verhält es sich mit dem Vorarlberger und Schwaben zu den ostoesterreichern.

erst nach 45 versuchte man aus welchen gruenden auch immer einzureden, dass dies nicht so ist - gelungen ist das nicht. gemeinsam ist uns, dass wir alle irgendwie deutsche sind, ob es uns gefällt oder auch nicht. mir persönlich ist eine Merkel als Kanzlerin zehnmal lieber als der oberpeinliche und korrupte faymann.

Gast: Beckloeffel
19.05.2012 20:03
4 0

Kategorienfehler

Es ist eine ans Absurde grenzende Kategorienverfehlung Bayern und Oberösterreich als kulturelle Einheiten einander gegenüberzustellen. Bayern ist ein politisches Gebilde, in dem sehr unterschiedliche kulturelle Gruppen angesiedelt sind: Baiern, Franken, Schwaben. Einen Niederbayern verbindet mit einem Oberösterreicher um Welten mehr als mit seinem formalen Landsmann, dem Schwaben.

Ich staune immer wider über den geradezu neurotischen Zwang, unter dem Zeitgenossen, die offenbar nicgt anders als in politischen Kategorien zu denken vermögen, sprachgeographische und regionalkulturelle Phänomene in das Prokrustesbett dieser politischen Kategorien zu zwängen versuchen.

Gast: tassilo777
19.05.2012 17:41
1 0

es trennt höchstens eine teils unterschiedliche Geschichte, w

In den letzten 140 Jahren, wenn man an das RömReich Dt. Nation und Dt. Bund denkt und die letzten 870 Jahr, wenn man an die endgültige Trennung unter dem baier./österr. Herzog/Markgraf denkt (abgesehen von den Zugehörigkeiten Tirols bis OÖ während Napoléon. Zeiten).

Aber die damaligen baierschen Familien gibt es nach wie vor und haben sich fleissig vermehrt und ihre Herkunft und Gemeinsamkeit nicht vergessen, wenn auch das damalige Stammesherzog geteilt wurde und aus Bayern etwas anderes und auch der andere Teil schön langsam zu Österreich entwickelte und beide mit später Zugroasten hüben und drüben aufgefüllt wurde.

Gast: Susanne Direder
19.05.2012 16:15
3 0

Ein bißchen genauer hinschauen!

Es stimmt nicht, daß "die da drüben" das Weißbier aus dem Maßkrug trinken: Niemals, es gibt dafür besondere Gläser, die eine Halbe fassen! Solche Großzügigkiten stärken nicht gerade das Vertrauen in die Aussage eines Artikels: Ist er schlampig recherchiert oder wollte man einfach einen Gag mit der Maß haben?

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Re: Ein bißchen genauer hinschauen!

wahrscheinlich kommt der Artikel aus Wien. wie soll man das dort wissen? ;-)

Gast: vor dem arlberg
19.05.2012 10:33
0 1

Deutsche

Schon Karl Kraus hat gesagt: das einzig Trennende ist die gemeinsame Sprache.
Die Bayern sind halt "Grantler", aber nette. Je weiter man nach Norddeutschland kommt, umso netter und freundlicher sind die Leute. Eine echte "Landplage" sind - als Touristen - die Schwaben.
Laut, überheblich, und alles sollte gratis sein. Und wenn gratis, noch etwas dazu.

Re: Deutsche

Dieses in Österreich weit verbreitete und immer wieder Karl KRAUS zugeschriebene Zitat geht in Wirklichkeit auf Karl FARKAS zurück, der George Bernhard SHAWs Ausspruch „England and America are two countries divided by a common language“ auf Österreich und Deutschland umgemünzt und nachweislich in seinen Kabarett-Programmen verwendet hat (vgl. K. SEDLACZEK, Das österreichische Deutsch, Wien 2004:17).

Schwaben und Vorarlberger sind Alemannen

Obwohl ich selber aus Vorarlberger Sicht
ein "Inneröstereicher" bin (genauer
gesagt, ein Niederösterreicher, der in seiner Kindheit die ostmittelbairische Mundart seines Heimatlandes sprach) mag ich alle Zweige des großen Alemannenstammes, also auch die Vorarlberger und die Schwaben. Der Gast mit dem Pseudonym "vor dem arlberg" möge es mir nicht übel nehmen,
wenn ich mir erlaube, darauf hinzuweisen, dass die Vorarlberger genauso wie die Schwaben als überaus sparsam gelten.

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Re: Schwaben und Vorarlberger sind Alemannen

"Innerösterreich" bezeichnet(e) die Lande südlich des Semmerings: Steiermark, Kärnten, Krain und Küstenland. "Niederösterreich" wurden das heutige Nieder- und Oberösterreich bezeichnet; "Oberösterreich", Tirol und die Vorlande (Vorarlberg, Sundgau, Breisgau und andere Streubesitze in der Schweiz, in Baden, Württemberg und Schwaben).

"Innerösterreich" – ein Begriff mit zwei Bedeutungen

Die Gliederung der alten habsburgischen Erblande in eine niederösterreichische, eine innerösterreichische und eine ober- und vorderösterreichische Ländergruppe ist mir als Historiker selbstverständlich bekannt. Aber die Vorarlberger bezeichnen nun einmal nicht nur die Steirer und die Kärntner,
sondern alle Österreicher östlich des Arlbergs als "Innerösterreicher".

Was Karl Kraus wirklich meinte

Die paradoxe Behauptung, die Österreicher unterschieden sich von den (Binnen-)Deutschen durch die gemeinsame Sprache, wird Karl Kraus zugeschrieben. Sie ist aber in keinem Werk dieses Satirikers — auch nicht in der von ihm herausgegebenen und weitgehend selber verfassten Zeitschrift "Die Fackel" – nachweisbar.

Ein ähnlicher, wenn auch weniger verallgemeinernder Aphorismus stammt tatsächlich von Karl Kraus. Er wurde erstmals 1910 in der "Fackel" veröffentlicht und lautet: "Daß der Österreicher gesessen ist, während der Deutsche auch in diesem Zustand nicht müßig war, sondern gesessen hat, bezeichnet den ganzen Unterschied der Temperamente."

Dieser Aphorismus hat gegenüber dem Unterscheidungsbonmot, das Karl Kraus irrtümlich zugeschrieben wird, den großen Vorzug, wirklich von diesem Schriftsteller zu stammen. Aber bei aller Wertschätzung für den in vielen Fällen treffsicheren Sprachkritiker muss ihm aus sprachwissenschaftlicher Sicht entgegnet werden: Nicht nur der Österreicher „ist gesessen“ und nicht jeder Binnen-/Reichs-/Bundesdeutsche
"hat gesessen". In allen oberdeutschen Regionen (im deutschen Sprachraum südlich der "Speyerer Linie") wird das Perfekt von intransitiven Zeitwörtern, die eine Körperhaltung ausdrücken (stehen, sitzen, liegen usw.), mit "sein" statt mit "haben" gebildet. Was nicht nur in Österreich, sondern auch in Süddeutschland und in der Schweiz zur Standardsprache gehört, sollte nicht für einen Austriazismus ausgegeben werden!

Gast: rest in peace
19.05.2012 10:20
5 0

Wir trinken eine Halbe oder ein Krügel

Eine Halbe auf jeden Fall - das mit den Krügel scheint so ein Wiener Schmarrn zu sein, das können die sich ruhig behalten (genauso wie das lausige Bier)

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