Aflenz. Heuer mach ich das noch, aber dann ist endgültig Schluss“, sagt Heidi Winkler, Hüttenwirtin und passionierte Wanderin. Die Erleichterung über diesen Entschluss ist ihr deutlich anzusehen. Denn nach dieser Saison auf dem Berg wird sie selbst wieder Zeit zum Wandern haben. Seit 22 Jahren verköstigt und beherbergt Heidi Winkler gemeinsam mit ihrem Mann Hans Bergsteiger, Kletterer und Wanderer aus aller Herren Länder in der Voisthalerhütte auf 1654 Metern auf dem steirischen Hochschwab.
„Hier ist immer was zu tun, in manchen Jahren bin monatelang nicht weggekommen“, bedauert die leidenschaftliche Bergsteigerin. Bei Schönwetter sind vor allem an den Wochenenden die Gemeinschaftslager bis aufs letzte Bett belegt, und auch wochentags ist von April bis fast Ende Oktober viel Betrieb. Wer die Gegend kennt, versteht warum.
In einem schmalen Kessel im Schatten mächtiger Felswände liegt die schon 1898 errichtete und seither mehrmals erweiterte Alpenvereinshütte. Der Blick ins Tal ist zu jeder Tageszeit beeindruckend. Im Morgenlicht glitzern die Felsspitzen über den Nebelschwaden, gegen Abend glüht der gesamte Berg rosarot. Mit 2277 Metern ist der Hochschwab der höchste Gipfel eines ausgedehnten Kalksteinplateaus. Während dieser Bergklassiker von vielen wegen seiner Familienfreundlichkeit geschätzt wird, finden ambitionierte Bergsteiger in der mächtigen Südwand aber auch Kletterrouten aller Schwierigkeitsgrade.
Ausgangspunkt der Wanderung ist Aflenz. Jene, die es gemütlich angehen, nehmen entweder die mautpflichtige Panoramastraße oder den Doppelsessellift (nur am Wochenende in Betrieb) auf die Aflenzer Bürgeralm auf 1500 Metern. Von dort führt die Wanderung in dreieinhalb Stunden zur Voisthalerhütte:
Zu Beginn führt der Weg sanft über Almen und Latschenfelder, nach etwa einer Stunde kommt man beim Anstieg auf die Mitteralm zum ersten Mal ins Schwitzen. Gut, dass es auf dem Plateau der Mitteralm eine winzige Schutzhütte gibt, vor der ein Platz zur Rast einlädt. Zudem bietet der windschiefe Unterstand bei Schlechtwetter ein Dach über dem Kopf und einen Blitzableiter in der schon baumlosen Höhe. Allein ist man hier aber nicht: Bei den kletterfreudigen Bewohnern des größten Gämsenreviers Europas scheint der Platz ebenfalls sehr beliebt zu sein.
Spätestens beim Abstieg zum Fölzsattel, zuerst entlang eines Kammes, dann über Geröll schwitzt man zum zweiten Mal. Jetzt ist es aber nicht mehr weit, bis sich die Voisthalerhütte hinter einer Biegung zeigt. Hier wird der Wanderer mit Gamsgulasch und gemütlichem Quartier – es gibt neben den Gemeinschaftslagern auch Doppelzimmer – für die Anstrengungen belohnt.
Sonnenbad der Murmeltiere
Am Morgen, wenn die Sonne langsam den Hochnebel auflöst, nimmt man von der Hütte Abschied und marschiert den schmalen Weg entlang, bevor rechts der Anstieg über den Graf- Meran-Steig beginnt. Nur kurz ist das Gipfelkreuz des Hochschwabs in der Ferne zu sehen, bevor Nebelschwaden die Aussicht verdecken. Begleitet wird der Wanderer von lautem Pfeifen. Die Hänge sind auf beiden Seiten des Weges von Murmeltierbauten durchzogen. Mit geschärftem Blick und etwas Geduld kann man die putzigen Nager beim Sonnen vor ihren Höhlen beobachten. Sobald sich aber Wanderer oder Raubvögel nähern, warnen sie ihre Artgenossen mit beachtlicher Lautstärke, bevor sie im Bau verschwinden.
Weit anspruchsvoller ist die Tour vom Talschluss über den Trawiessattel und das G'hackte auf den Hochschwabgipfel. Das G'hackte, ein gesicherter Klettersteig, ist nur trittsicheren und schwindelfreien Wanderern zu empfehlen. Alle anderen gelangen über den Graf-Meran-Steig zum Schiestlhaus. Diese nur wenige Meter unter dem Gipfel gelegene Hütte des Österreichischen Touristenklubs (ÖTK) bietet ein außergewöhnliches Ambiente: Während die Voisthalerhütte den gemütlichen Charme alter Gebirgshütten verströmt, ist das Schiestlhaus ein modernes, preisgekröntes Passivhaus.
Der 2005 eröffnete, energieautarke Neubau des Wiener Büros Pos Architekten ist ein Vorzeigeprojekt für Nachhaltigkeit in alpinen Regionen. Auf einem Plateau auf 2154 Meter Höhe im Trinkwasserschutzgebiet gelegen, kann es sich mit 100 Prozent erneuerbarer Energie selbst versorgen, das Trinkwasser aufbereiten und die Abwässer entsorgen. Außergewöhnlich ist auch die Speisekarte des Gebirgswirts mit mexikanischen und asiatischen Gerichten. Für geistige Nahrung sorgen die jungen Pächter ebenfalls, wie herumliegende Magazine wie „Spex“ oder „New Musical Express“ belegen.
Gemeinsam ist beiden Hütten, dass man auf eine Dusche verzichten muss. Im Karst ist Wasser rar. Versorgt wird das Schiestlhaus zu Fuß oder per Hubschrauber. Wer mag, kann Obst, Gemüse und Zeitungen auf die Hütten mitbringen und mit den Pächtern abrechnen. Ein Schnaps und die Zuneigung jener, die Monate auf dem Berg verbringen, ist den Überbringern gewiss. Vom Hochschwabgipfel geht es in drei Stunden übers G'hackte zum Gasthaus Bodenbauer in St.Ilgen. Eine andere Route führt zurück zur Voisthalerhütte (1,5 Stunden) und von dort entweder nach Seewiesen oder zum Gasthaus Schwabenbartl in Thörl oder zurück auf die Aflenzer Bürgeralm.
Voisthalerhütte (Österreichischer Alpenverein, 0664/511 24 75), 1654 Meter: geöffnet von Mai bis 26. Oktober. 25 Betten. 35 Lagerplätze. Schiestlhaus (Österreichischer Touristenklub, 0699/108 121 99), 2154 Meter: geöffnet von Mai bis 26. 10. Neben je einem Zweibett-, Dreibett-, Vierbett- oder Sechsbettzimmer stehen vier Lager mit je elf Betten zur Verfügung. www.schiestlhaus.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2012)
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