Ibiza. Der Pfad schlängelt sich bergauf und bergab, durch luftige Pinienwälder und duftende Macchia, Bockerln von Pinien knacken in der Sonne, am Wegesrand leuchten die Blüten von Orchideen und wildem Rosmarin. Hier und da blinkt das Mittelmeer durch die Stämme, das weit unten gegen die Felsküste von Cap Negret brandet.
Doch bis dahin gilt es noch einige Serpentinen hinunterzusteigen. „Ein bisschen Schweiß ist der Preis für Entdeckungen“, sagt Hans Losse, „sogar auf Ibiza.“ Der pensionierte Mathematiklehrer urlaubt seit 30 Jahren auf der Insel und hat sie als Wanderdestination für sich und andere entdeckt. „Anders als Mallorca mit einigen schwierigen Kletterstrecken und anstrengenden Anstiegen ist Ibiza eine Wanderinsel für jedermann. Und trotzdem sehr abwechslungsreich“, sagt der agile 73-Jährige.
Ibiza gehört wie ihre große Schwester Mallorca zur Inselgruppe der Balearen. Sie ist vor allem bei Reich und Schön und beim Partyvolk beliebt. Doch die Insel zeichnet viel mehr aus: einsame Küstenpfade, eine reiche Unterwasserwelt, eine der größten Totenstädte der Welt und eine Hauptstadt mit Welterbestatus. Ideal für Aktivtouristen, die wandern, Rad fahren, tauchen und entdecken wollen.
Rundumblicke von der Felskanzel
Das Potenzial hat auch die rot-grüne Inselregierung erkannt und Wanderkarten und Radwanderführer erstellt. „Die meisten Wege sind alte Bauern- und Holzfällerpfade“, sagt Inselrätin Pepa Mari, „meine Eltern haben sie benutzt, als sie noch kein Auto hatten, zu Fuß oder mit dem Pferd. Heute müssen viele wieder instand gesetzt werden, wir müssen die Grundbesitzer überzeugen und die Markierungen verbessern. Da gibt's noch viel zu tun.“
Hans Losse hat diese Entwicklung mitangestoßen. Er ist der Wanderpapst der Insel, kennt jeden Weg und jeden Steg. Meist hat er sie selbst erkundet, mit roten Strichen markiert und in drei Büchern beschrieben. Wenig später führt er die kleine Wandergruppe auf einen Felsvorsprung mit grandiosem Rundumblick. Auf die zerklüftete Küste mit bewaldeten Klippen, schmalen Buchten und drei zauberhaften Inselchen, die wie riesige Kieselsteine im Meer liegen. Einige Kurven weiter abwärts ist endlich eine stille Bucht erreicht. Nur Wanderer und Bootsfahrer kommen hierher, doch meist ist sie menschenleer. Ein winziger Sandstrand zwischen imposanten Felswänden und türkisblaues Wasser laden unwiderstehlich zum Baden ein. Der nachfolgende Aufstieg führt vorbei an einer weiß gekalkten Kirche in eine kleine Ortschaft, die grellweiß in der Mittagssonne strahlt. In den Vorgärten blüht rot die Bougainvillea, hängen Feigen an den Ästen und Trauben an den Reben. Im Landrestaurant Can Cires stärken sich die Inselentdecker zusammen mit Einheimischen mit Fisch, Kaninchenragout und frischem Salat.
Viel Kultur finden sie danach in der über 2500 Jahre alten Inselhauptstadt Eivissa, die zum Weltkulturerbe gehört. Sie thront auf einem Hügel über dem Meer, überragt von der Kathedrale und einer mächtigen Renaissancefestung, die neuerdings ein Luxus-Boutiquehotel beherbergt. Rundherum versammeln sich weiß gekalkte Würfelhäuser, verwinkelte Gässchen, trendige Bars und schicke Restaurants. Zu ihren Füßen liegt der malerische Hafen.
Kraut des ewigen Lebens
Während Eivissa im Sommer zur Bühne wird für betuchte Touristen und die bunte Partyszene, locken seit Neuestem im Winterhalbjahr Kulturprogramme mit Mittelalterfesten, Musik- und Filmfestivals und Führungen durch die Nekropole Puig des Molins. Sie ist eine der größten Totenstädte der Welt, ein riesiger unterirdischer Friedhof voller Gruften, Höhlen und Gebeine, der schon zu Zeiten der Karthager, Römer und Mauren genutzt wurde.
Auch als Tauch-Spot hat sich Ibiza einen Namen gemacht. 1999 wurden die Küstengewässer mit ihren Inselchen, Höhlen, Wracks und Seegraswiesen zum Biosphärenreservat erklärt und 2010 vom Tauchverband Padi als bestes Tauchrevier Europas ausgezeichnet. Wer den Kopf lieber über Wasser hält, begibt sich an den Sandstrand Cala d'Hort, wo der Felsen Es Vedrà wie ein Zuckerhut aus dem Meer wächst. Der Sage nach hat hier ein menschenfressender Riese gehaust und das „Kraut des ewigen Lebens“ gehütet. Ein paar Buben haben es trotzdem geschafft, es ihm zu entreißen, um den todkranken Vater zu retten. Sonnenhungrige und Mystiker können beim Anblick der Miniaturinsel zumindest von ewiger Schönheit und Bräune träumen.
Hans Losse präsentiert weitere Facetten der Insel. Möwen schreien, windzerzauste Büsche klammern sich an den Stein. Hoch über der Steilküste führt ein Schotterweg immer hart am Abgrund entlang. Jede Biegung eröffnet neue, spektakuläre Ausblicke. Ziel des Ausflugs ist der Leuchtturm Faro des Moscarter. Dort streifen die Augen wie die Leuchtfeuer an beiden Seiten über die schroffe Küste mit vielen von Gischt umspülten Felsen. Dann geht es zurück zum Ausgangspunkt, dem Fischerdorf Portinatx, vor dessen Strand die bunten Boote in den Wellen schaukeln. Fehlt nur noch ein richtiger Anstieg, und der kommt ganz zuletzt.
Es darf auch Wein sein
Dazwischen liegt ein Besuch in einem der fünf Weingüter Ibizas. Juan Bonet führt seine Gäste durch die Reifetanks und Abfüllanlagen seiner Bodega Sa Cova und schenkt am Ende seine fruchtigen roten und weißen Landweine zur Verkostung aus. Darauf folgt ein erholsamer Abend in einem der kleinen Landhotels in der Ruhe der Inselmitte. Weitab von jeder Straße, inmitten eines biologischen Gartens, liegt die authentisch restaurierte alte Finca Cas Gasi. Im Restaurant werden die eigenen Produkte aufs Köstlichste zubereitet. Und im Pool unter Palmen und in den stilvollen Räumen mit Holzbalkendecke lässt es sich vortrefflich entspannen.
So kann am nächsten Morgen der höchste Inselberg in Angriff genommen werden. Der Sa Talaia ist 475 Meter hoch und auf einer Strecke von sieben Kilometern zu besteigen. Man quert dunkle Wälder und bunte Trockenwiesen, kombiniert steilere Pisten mit ebenen Passagen. Am Ende lockt der Blick über die ganze Insel. Auf dem Gipfel steht Hans Losse – wie ein großer Entdecker. Der Wind spielt mit seinen weißen Haaren. „Schaut's, das ist mein Paradies“, schwärmt er. Mit großer Geste zeigt er über die bewaldeten Hügel und die Olivenplantagen, die kilometerlangen Strände und die Nachbarinsel Formentera. Warum sollte er nicht stolz sein? Die Vielfalt und Schönheit der Inselnatur hat er erfolgreich vermittelt.
Anreise: tour-retour ab/nach Wien mit Airberlin/Niki, Iberia oder Vueling ab ca. 300 Euro. www.airberlin.com, www.iberia.com
www.vueling.com
Wanderbroschüren mit Karten: Fundacion de Promoción de Ibiza, Tel.: 0034/971/30 64 83, info@ibiza.travel, www.ibiza.travel.de Allgemeine Informationen: Tourspain Wien, Walfischg.8/14, 01/512 95 80-0, www.spain.info
Übernachten: Hacienda Na Xamena; jede Suite ist individuell gestaltet, man genießt den atemberaubenden Meerblick, DZ ab 240€, Suiten ab 578€, Restaurant und Spa sind exzellent und auch für Nichtgäste geöffnet, Spa ab 52 Euro, Dreigängemenü ab 49 Euro, als Paket ab 84 Euro; www.hotelhacienda-ibiza.com
Landhotel Cas Gasi: Ruheoase in der Inselmitte, zentraler Ausgangspunkt für Touren auf der ganzen Insel, schöne Doppelzimmer mit inseltypischer Bauweise im familiärem Ambiente ab 192€ inkl. Frühstück mit Produkten aus dem eigenen biologischen Garten; www.casgasi.com
Essen und Trinken:www.silladesbosc.comw
www.yemanjaibiza.com
www.cancires.com.
Wanderreiseveranstalter: Wikinger Reisen
www.wikinger-reisen.de,
Alpinschule Innsbruck, www.asi.at
Buchtipp: „Ibiza & Formentera“, Thomas Schröder, Michael Müller Verlag 2008; fünf Wanderrouten auf 256 Seiten, alles Wissenswerte über die beiden Inseln.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)
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