Si vous ne mangez pas votre entrée, vous ne recevrez pas de dessert!“ – „Wenn Sie Ihre Vorspeise nicht aufessen, bekommen Sie keine Nachspeise!“ Diese Drohung musste einfach ernst genommen werden. Denn das vorzügliche Dessert – Gewürzkuchen mit Mascarponecreme, Ananas und Pina-Colada-Sorbet; Pistazienbiskuit mit Kokos-Panacotta; dreierlei Sorbets oder Musketier-Coup mit Armagnac – im Restaurant „Emile“ in Toulouse am Place St. George unfreiwillig auf diese Art ausfallen lassen zu müssen, hätte bedeutet, ganz großartige französische Küche zu verpassen.
Charakteristisch an Toulouse, der drittgrößten Universitätsstadt neben Paris und Lyon und der viertgrößten Stadt Frankreichs mit gut 440.000 Einwohnern, sind die zahlreichen Backsteinhäuser, die rot bis rosa in der Sonne schimmern. Im Südwesten gelegen, ist Toulouse auch die Hauptstadt der Region „Midi-Pyrénées“ und Verwaltungssitz des Département Haute-Garonne.
Flirrende Refexionen
Für eine Rundreise ist Toulouse ein ausgezeichneter Ausgangspunkt, will man das südliche Frankreich, das Meer und die Berge auf einmal erleben. Oder man entschließt sich dazu, eine Hausbootfahrt auf der Garonne oder dem Tarn zu machen, wie es einige Mutige tun, die sich bis dato nicht mehr denn als Playmobil-Käpt'n betätigt haben. Tatsächlich benötigt man keinen Bootsführerschein, sondern erhält nur eine kurze Einführung ins Bootsführwesen, und dann kann es schon losgehen.
Eine Besichtigung der gotischen Kirche St. Jacobins, die an ein ehemaliges Kloster des Dominikanerordens mit seinem Kreuzgang anschließt, lohnt den Besuch wegen des phänomenalen Lichtspiels im Inneren der Kirche, wenn die Sonne durch die bunten Fenster scheint. Dieses Farbenspiel wirkt wie eine bunte Flamme auf den Backsteinen, und die doppelte Belichtung – einmal die glitzernden Scheiben, einmal die flirrende Reflektion auf den Steinen – ist schlicht faszinierend.
Was wäre eine Reise, zumal in Frankreich, ohne einen Spaziergang auf einem Markt, der alles, was Herz und Magen begehren, anbietet? Für Toulouse wäre da der große, 120 Jahre alte Hallenmarkt „Victor Hugo“ auf dem gleichnamigen Platz zu empfehlen, auf dem sich Patisseure, Fleischhauer und Fischhändler nebeneinander präsentieren. Ganze (gehäutete) Hasen und Gänse, Hummer, die noch leben, und Schinkenstelzen gibt es da zu bestaunen, und gekostet werden kann von fast allem. Weil dieser Markt einen so hohen Stellenwert hat, publiziert er auch seine eigene Zeitung: die „Victor Huge Globe Tribune“, der unter anderem Geschichten über den Markt, Kochrezepte und ein Sudoku enthält.
Antoine de Saint-Exupéry
Der wichtigste Wirtschaftszweig in Toulouse ist seit den 1980er-Jahren die Luftfahrt. Früher hat Airbus France hier die Concorde gebaut, heute wird der Airbus 380 fertig gestellt. Übrigens arbeitete auch Antoine de Saint-Exupéry als Pilot in Toulouse. Seine weltweite Bekanntheit verdankte er allerdings mehr seiner Tätigkeit als Schriftsteller denn als Flugzeugkapitän.
Man muss kein Flugzeugfanatiker sein, um dem „Flugzeugfriedhof“ ausrangierter Militärmaschinen aus aller Welt etwas abgewinnen zu können – allein der Respekt vor der Aeronautik und der Technik legt einen Besuch nahe. Die Gesellschaft „Ailes Anciennes Toulouse“ hat sich seit nunmehr 32 Jahren der Restaurierung von ausgemusterten Fluggeräten verschrieben, und selbst der Pförtner, der in der kleinen provisorischen Basis sitzt, wo Souvenirs erworben werden können, passt perfekt ins Bild der teilweise skurril anmutenden Maschinen: etwa eines Draken neben einer Maschine aus der DDR, verschiedener Modelle der US Air Force oder eines Airbus Skylink, der fast wie ein Zeppelin aussieht.
Ein Ort, der keiner ist
Bevor man von Toulouse aus die nächste „rosafarbene“ Stadt Albi im Département Tarn anvisiert, lohnt sich ein Abstecher zu einem kleinen Ort namens Cahuzac-sur-Vère, der fast nicht einmal einer ist, versteckt hinter sieben Bergen bei den sieben Zwergen. Im renovierten Hotel-Restaurant „Château de Salettes“ kann man inmitten von Weinbergen übernachten, schwelgen und speisen wie – ja, das Klischee ist abgedroschen, stimmt aber zu hundertfünfzig Prozent – Gott in Frankreich. Behutsam an die alten Mauern angepasst, diese teilweise sogar in das moderne Design der Einrichtung integriert, zeigt sich ein formidables Ensemble von Alt und Neu, und schaut man beim gucklochartigen Fenster hinaus, erhält man einen atemberaubenden Ausblick über die sanften Hügel hinüber zum nächsten Château. Das Restaurant hält einen Michelin-Stern und überrascht mit höchst originellen Kreationen wie einem Rucola-Eis auf Schokoladeblatt. Der Ruf nach einem Privatsponsor entglitt mir schneller, als ich „Bon Appetit“ sagen konnte, so gern wollte ich dort noch ein paar Tage verweilen.
Ein wahres Wunder
Nach einem Besuch des winzig kleinen Friedhofs, der wohl nur jene ungefähr sieben Familien und deren Urahnen beherbergt, die dort verstreut in der Umgebung dieses nicht wirklich vorhandenen Örtchens gelebt haben, geht es weiter in die Kathedralenstadt Albi. Kurt Tucholsky hat einst Albi besucht – notgedrungen, wie aus seinem „Pyrenäenbuch“ von 1927 hervorgeht. Toulouse beschreibt er darin als „hässlicher“ als Lyon, und Albi sei sowieso nur versifft. Und dennoch: „Diese Kathedrale in Albi hat mich an gar nichts erinnert – doch: an eins. An Gott [...] Sie ist rot – die ganze Kirche ist aus rosa Ziegeln gebaut, und sie ist eine wehrhafte Kirche, mit dicken Mauern und Türmen [...] Diese Kathedrale ist nicht wirklich. Sie ist, im Gegensatz zu den Ereignissen in Lourdes, ein wahres Wunder [...] Ich trete wieder heraus und gehe zwergenhaft von allen Seiten an dieses Monstrum heran. Es ist zum Erstarren.“
Schnüre über dem Himmel
Tatsächlich, zum Erstarren ist sie, die Cathédrale Sainte-Cecile, steht man direkt neben oder vor ihr. Im angrenzenden Bischofsgebäude ist seit 1922 das Museum Henri Toulouse-Lautrec untergebracht, dem berühmtesten Sohn der Stadt gewidmet.
Bei einem Besuch muss man aber aufpassen, nicht um die Mittagszeit zu kommen, da man um zehn vor zwölf gnadenlos von den mittagspausenaffinen Museumsaufsehern mit den Worten „On ferme dans dix minutes!“ hinausgetrieben wird. Ein ungläubiger Blick auf die Öffnungszeiten verrät: Ab 14 Uhr darf man wiederkommen. Allerdings: Der Shop, den man natürlich unweigerlich auf dem Weg zum Ausgang passiert, hat auch über Mittag offen. Um das französische Savoir-vivre zu goutieren, lohnt sich auf jeden Fall ein Besuch des „Restaurant de l'Ancienne Auberge“ im kleinen, auf einem Hügel gelegenen mittelalterlichen Ort Puycelsi. Dieses ist von einer norddeutschen Chefköchin (mit einem Doktorat in Germanistik) geführt, die sich mit ihrer Familie nach vielen Jahren in Amerika in Puycelsi angesiedelt hat. Es gibt eine Handvoll individuell gestalteter Fremdenzimmer, teilweise mit großartigen Ausblicken auf die umliegenden Hügel.
Puycelsi ist eine sogenannte Bastide – eine der vielen im Mittelalter gegründeten und in einem Zug erbauten Städte Südfrankreichs („bastir“, „bauen“). Bastiden sind Siedlungen mit einem rechtwinkligen Straßenraster und einem zentralen Marktplatz, gesäumt von Häusern mit Arkadengängen. Für eine bessere Verteidigung waren sie immer auf Kuppen errichtet und boten der Bevölkerung Schutz vor Raubüberfällen und Kriegen. In Cordes sur Ciel – wörtlich „Schnüre über dem Himmel“, einer Bastide und einem Künstlerort nicht weit von Puycelsi und Toulouse, suchten die Menschen vor allem Schutz vor den Kreuzzügen Simon de Montforts gegen die Albigenser/Katharer im 13. Jahrhundert. Der Ort sieht aus, als grenzte er direkt an den Himmel, wenn morgens unter der Kuppe noch der Frühnebel liegt – daher der Name.
Wenn man sich nach diesen Exkursionen wieder am Esstisch im Restaurant „Emile“ in Toulouse findet, bevor man den Heimweg nach Österreich antreten muss, flüstert einem der Oberkellner Jean-Jacques – nachdem man ihm versichert hat, bestimmt wiederzukommen – zu, dass er den Rest der nicht aufgegessenen Vorspeise für den nächsten Besuch aufgehoben habe. Zur Auswahl standen Foie gras, Lachs oder Langustenravioli. Als Hauptspeise konnte man übrigens zwischen gebratener Ente, Cassoulet (toulousetypischer Eintopf mit Bohnen, Fleisch und Würstel) oder zwei Fischgerichten (Kabeljau oder Wolfsbarsch) wählen.
Und so kam es dazu, dass ein Vegetarier nicht umhin konnte, mit Hochgenuss Fleisch zu verzehren. Aber das ist eine andere Geschichte.
Anreise
Seit Anfang April fliegt Air France von Wien direkt nach Toulouse. Die Autorin war mit Unterstützung von Air France und Atout France, dem französischen Fremdenverkehrsamt, unterwegs. www.airfrance.at
http://at.franceguide.com
www.tourismus-midi-pyrenees.de
www.de.toulouse-tourisme.com
www.tourisme-tarn.com
www.tourisme82.com
www.sehenswuerdigkeiten-midipyrenaeen.de
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)
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