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Guernsey: Schottische Küsten, französische Lebenfreude

15.06.2012 | 18:42 |  von stefanie bisping (Die Presse)

Das Beste aus zwei unterschiedlichen Welten: 44 Kilometer vor der Küste der Normandie liegt ein britisches Inselchen, das bildschöne Landschaften und die kulinarischen Künste Frankreichs vereint.

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Langsam sinkt die Sonnenscheibe, gemächlich läuft die Flut ein, nur der Wind, der pfeift. Der weite Sandstrand der Cobo Bay verschwindet in Zeitlupe im Meer. Das Panorama: ein Hauch von Süden im Norden, weiß getünchte Häuschen und jahrhundertealte Höfe aus Stein, eine Insellandschaft voller verträumter, idyllischer Winkel – und voller Blumen. Keine Garage, kein Verkehrsschild, keine Kreuzung sind hier vor Blumenkübeln sicher. Selbst aus den Steinmauern, die die schmalen Straßen begrenzen, blüht und wuchert es bunt. Zu den Segnungen dieser kleinen Insel gehört eben auch ein Klima, das selbst für südenglische Verhältnisse besonders mild ist. Frost und Schnee sind Ausnahmeerscheinungen, in normalen Jahren muss keine Pflanzen zum Überwintern ins Haus übersiedeln.

Im Sommer erstrahlt der Hafen der kleinen Hauptstadt St.Peter Port in blitzendem Weiß von all den Jachten, deren Eigentümer sich nicht losreißen können von diesem Flecken Erde. Im Frühling und in der Vor- und Nachsaison sind die 62.000 Bewohner der zehn Sprengel der Insel dagegen beinahe unter sich. Es ist der ideale Zeitpunkt, die Geheimnisse der zweitgrößten britischen Insel im Ärmelkanal in Ruhe zu erkunden.

 

Biobutter und Hexenwinkel

Obwohl man sie mit dem Auto in lächerlichen zwei Stunden umrunden kann – es ginge sogar noch schneller, würden die schmalen Straßen nicht in furchterregend engen Kurven mäandern –, sieht hier jeder Küstenabschnitt anders aus. Über die Steilküste des Südens fegt der Wind, als wäre dies Schottland. Im Westen donnern die Wellen gegen gewaltige Felsbrocken. Die Sandstrände des Nordens sind flach und weit. Und im Laufe jedes Tages verändert sich die Küstenlandschaft dramatisch, gehören die Gezeitenunterschiede hier doch zu den extremsten der Welt.

Im stillen Herz der Insel weiden die braunen Kühe, denen die goldgelbe Guernsey-(Bio-)Butter zu verdanken ist, und schattige Täler träumen vor sich hin. Guernsey hat sich den Zauber von Jahrtausenden gelebten Lebens bewahrt. Mit prähistorischen Fundstücken, alten Kircherln – und dem Wissen um die Macht der Magie. So erklärt sich jedenfalls der Hexenwinkel, der die Fassaden vieler der aus unregelmäßigen Granitblöcken erbauten Häuser ziert. Auf diesem Vorsprung können allerhand Wesen Platz nehmen, die sonst womöglich ins Haus kommen würden.

 

„Es ist leicht, sich hier zu Hause zu fühlen“

Seit fast tausend Jahren ist Guernsey Kronbesitz Großbritanniens. Diese Zeit hat aber nicht ausgereicht, den Charme und die unbändige Lebenslust des nahen Frankreichs zu bannen. 40 Kilometer trennen Guernsey von der Küste der Normandie, England liegt 120 Kilometer entfernt. So ist hier zwischen zwei Welten ein eigenes kleines Universum entstanden, das sich überall an seine Wurzeln erinnert und zugleich berückend anders ist als die beiden Länder, die es geprägt haben. Auf der Insel wird mit Guernsey-Pfund bezahlt, die nur hier gültiges Zahlungsmittel sind; die Straßennamen sind französisch, die Briefkästen sehen aus wie in England, sind aber blau; die Telefonzellen schauen ebenfalls britisch aus, sind aber gelb – es ist so verwirrend wie bezaubernd. Die Herde in den Küchen sind in Richtung Frankreich geeicht, und bei aller Liebe für britische Traditionen prägt das Lebensgefühl hier ein guter Schuss französische joie de vivre.

Heute Mittag türmt sich zum Einstieg hauchzartes Krebsfleisch unter einem Dach aus Krabbenpüree auf dem Teller. Doch es kommt noch besser. Die gebratenen Jakobsmuscheln in Knoblauchbuttersoße mit Kartoffeln und verschiedenen Blattsalaten sind so schlicht wie überwältigend. Zu verantworten hat dies Küchenchef Tony Leck, mit Strubbelschopf, schelmischem Lächeln und seiner Vision von einer insularen Mikroküche: gewissermaßen Guernseys Antwort auf Jamie Oliver. Ursprünglich stammt der 45-Jährige aus einer anderen wildromantischen Landschaft, dem nordenglischen Lake District. Seit über zwanzig Jahren lebt er auf Guernsey. „Die Menschen sind freundlich zu Neuankömmlingen“, erzählt er, „es ist leicht, sich hier zu Hause zu fühlen.“ Weil er abends gern bei Frau und Kindern ist, öffnet er sein Restaurant „The Pavilion“, das in einem 1520 erbauten Steinhaus in St. Saviours liegt, nur mittags. Er kann es sich leisten. Nicht nur, weil die Gäste in dem kleinen Hof wunderbar windgeschützt über köstlichen Meeresfrüchten sitzen. Sondern auch, weil er den Insulanern ihre traditionellen Rezepte aufs Neue schmackhaft gemacht hat. „Am liebsten koche ich rustikale Gerichte, die ich ganz einfach zubereite“, erklärt er. Wie den „Bean Jar“, einen Eintopf mit zwei Sorten Bohnen, Karotten, Zwiebeln, Kräutern und Rindfleisch, der fünf Stunden lang köcheln muss. Und natürlich „Ormers“, eine Muschelart, deren Geschmack an Kalbfleisch erinnert. Tony serviert sie mit Erdäpfelpüree und Zwiebeln. Nur zwischen Januar und April dürfen diese Meeresfrüchte bei Voll- und Neumond gesammelt werden. Zu Fuß. So sollen die Bestände geschützt werden.

Auch Catherine Best, die in einer 1923 erbauten Windmühle arbeitet, hat die Natur Guernseys in ihre Arbeit übersetzt. Die Schmuckdesignerin ist eine echte Insulanerin – sie wurde 1966 im Haus neben der Mühle geboren, in dem ihre Mutter noch heute lebt. Nur kurz habe sie darüber nachgedacht, die Insel zu verlassen, erzählt sie: „Anderswo hätte sich meine Arbeit vielleicht schneller entwickelt. Aber hier ist mein Zuhause, das ich liebe.“

 

Morgens ausreiten, abends ins Boot

Und auch die Quelle, aus der sie ihre Inspiration schöpft: beim frühmorgendlichen Ausritt an der Küste oder wenn sie zum Abendessen mit dem Boot auf die kleine Nachbarinsel Sark übersetzt. Die Natur, die Catherine Best in oft recht wuchtige Schmuckstücke übersetzt, haben Jane und David Russell in „Mille Fleur“, dem allerschönsten Inselgarten in St.Pierre du Bois, gezähmt. Vier Cottages wachen über den Garten, der einen Hang bis ans Seeufer im Tal hinunterwuchert. Zu seinen Pflanzenwelten zählen Feuchtbiotope, ein Dschungelpfad, englische Beete mit zartblauen Hortensien, ein südafrikanischer Winkel und ein Riviera-Garten mit Zypressen und einem beheizten Pool. Zwischen Magnolien, dem Obstgarten und Baumfarnen sind immer wieder kleine Leseplätze mit Bänken angelegt. Die Cottages werden vermietet. Vor Beginn der Saison stehen die Chancen gut, eines zu ergattern. Auch die Hausherren haben nun Zeit zum Plaudern.

25 Jahre ist es her, seit die beiden Engländer auf die Insel kamen. Auch sie wurden bereitwillig aufgenommen, als sie ihr Großstadtdasein aufgaben, um ein völlig verwildertes Grundstück mit einem Haus aus dem frühen 18. Jahrhundert freizujäten, uralte, wild wuchernde Wurzeln auszureißen und neu zu bepflanzen. „Es war eine Katastrophe“, erinnert sich Jane, „aber ein Riesenspaß.“ Das Paar lebte zuvor an zahlreichen so unterschiedlichen Orten wie London und Saudiarabien. Doch Guernsey wollen die beiden nie mehr verlassen. „Das entspannte Lebensgefühl und das Klima sind einfach mit nichts zu vergleichen.“

Französisch-England

Pauschal: u. a. mit Prima Reisen (Hotels und zwei Rundreisen, z. B. eine Woche die Inseln Herm, Guernsey, Sark, Jersey entdecken ab 1298€ p. P., Flüge mit Air Berlin von Wien via Düsseldorf) www.primareisen.com
oder mit Blaguss Reisen (Südengland mit Jersey & Guernsey, 16 Tage ab Wien via London mit Fähren auf die Kanalinsel. www.blaguss.at

Anreise: ab Wien mit British Airways oder FlyBe via London nach Guernsey, siehe auch Flüge der Woche Seite R 4. www.flybe.com www.ba.com Alternativ gibt es Fähren nach St.Malo (www.condorferries.com), Carteret und Dielette (www.manches-iles-express.com).

Schlafen: „The Clubhouse at La Collinette“ in der Oberstadt von St. Peter Port, 0044/1481/ 71 03 31, www.lacollinette.com Die vier Cottages der „Mille Fleurs Gardens“ in St. Pierre du Bois sollte man ein Jahr im Voraus buchen, speziell für den Sommer, 0044/1481/26 39 11 www.millefleurs.co.uk

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)

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3 Kommentare
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Die "Guernsey-Pfund"

sind in der Tat nur in Guernsey Zahlungsmittel, aber die "gewöhnlichen" Pfund werden auch akzeptiert.

Gast: bärle
16.06.2012 19:52
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Banken

Sind Jersey und Guernsey nicht beliebte Inseln bei Politikern und Lobbyisten ?

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Die "französische Lebensfreude"

findet man in einigen Restaurants, ansonsten ist Guernsey ein spiessiges Inselchen.

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