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Niederösterreich: Bacherln und Bauerngarterln

15.06.2012 | 18:42 |  CATHERINE CZIHARZ (Die Presse)

E-Bikes summen zwischen den Bergbuckeln südlich von Wien, Zucchiniblüten füllen sich mit Köstlichkeiten, Kurgäste stärken ihre Muskeln wie Astronauten und ein hochadeliger Garten öffnet sich.

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Eine knappe Autostunde südlich vom Schwedenplatz in der Wiener City ist alles anders: die Luft, das Licht, die Geräuschkulisse und natürlich die Landschaft. Für den Sommerfrischler alter Schule nichts Neues, waren die Wiener Alpen doch schon vor mehr als hundert Jahren für Kaiser wie Künstler beliebtes Auszeitgebiet. Es müssen ja nicht gleich mehrere Wochen sein, oft reicht ein kurzer Ortswechsel für den ersehnten Erholungseffekt aus. Die Möglichkeiten zur Zerstreuung sind in dieser niederösterreichischen Region jedenfalls vielfältig.

„Sie sind wie ein Kipferl“, sagt Gerda Walli, Tourismusbeauftragte der Wiener Alpen. Nur abwechslungsreicher. In einem Bogen ziehen sie sich von der Buckligen Welt, dem Wechselgebiet, dem Semmering und den alpinen Zweitausendern Schneeberg und Rax bis zur Hohen Wand. Kaum jemand, der nicht schon hunderte Male auf dem Weg in den Süden auf der A2 durchgefahren ist durch die bemerkenswerte Hügellandschaft der Buckligen Welt, die Abfahrtsschilder zwar gelesen, dabei aber nicht weiter als an einen kurzen Zwischenstopp auf einer der Autobahnraststätten gedacht hat: Seebenstein, Grimmenstein, Scheiblingkirchen, Krumbach – ganz echt abfahren lohnt sich hier, Richtung Bad Schönau beispielsweise.

 

Bucklige Welt

Umrandet von Hügeln und Wiesen liegt der kleine Kurort, bekannt für die saubere Luft und das natürlich vorkommende Kohlensäuregas, das in den Piscinen der Kurhäuser bei Venenproblemen und für den Bewegungsapparat erfolgreich eingesetzt wird. Gesundheit steht in Bad Schönau klar im Mittelpunkt, Wellness ist ein logischer Nebeneffekt. Der klassische Kurgast dominiert daher die Szenerie und übt sich tapfer im 600 Quadratmeter großen, nagelneuen Indoor-Bewegungsbereich des Gesundheitsresort Königsberg – oder spektakulär an einem dreidimensionalen Therapiegerät aus der Raumfahrttechnologie namens 3-D-Spacecurl. In stehender Haltung, an Fuß und Hüfte fixiert, bewegt man sich durch selbstbestimmte Gewichtsverlagerung im dreidimensionalen Raum und stärkt damit Koordination wie Muskeln. Outdoor-Renner der Saison scheint der Verleih von e-Bikes zu sein, immerhin hat man es in der Buckligen Welt angeblich mit 1000 Hügeln zu tun: Während die Akkus an den Verleihstationen aufladen, die praktischerweise direkt bei Gastronomiebetrieben stationiert sind, lässt es sich in Bad Schönau gut essen. Auf der Speisekarte des Vierstern-Hotels Weber etwa findet sich Ausgefallenes wie gefüllte Zucchiniblüten, ein Tafelspitz vom Rind aus der Buckligen Welt und das derzeit in Wien angesagteste Eis – weil bio, echt Frucht, ohne Ei und ohne Geschmacksverstärker – aus der Eismanufaktur Blochberger mit Sitz in Krumbach (Filiale in Wien: Rotenturmstraße 14).

„Für Leib und Seele“ steht auch der Molzbachhof bei Kirchberg am Wechsel. Hinter einer großen Holztüre hat Peter Pichler ein „Paradisgartl“ für seine Gäste erdacht und selbst angelegt: Eine Art Miniatur-Grünoase tut sich unwirklich und wie weichgezeichnet inmitten des noch viel grüneren Wechselgebietes inklusive Bacherln, Wasserfall, Kristallgrotte und Meditationsplattform auf. Aus dem Bauerngartl und der Kräuterspirale kommen die Zutaten für die Küche. Pichler setzt nämlich auf vergessene Pflanzensorten und die Produkte aus der Region.

 

Persönliches Lebensfeuer

In den Wohlfühlprogrammen des Hotels geht es ihm um „die Aktivierung der Selbstheilungskräfte“ – durch Ruhe, Natur und Bewegung – für verspannte Wadeln mit einer „Hoita-Bua“-Franzbranntwein und Kräuter-Öl-Massage. Wer will, kann am Molzbachhof auch sein persönliches „Lebensfeuer“ mittels 24-Stunden-Herzschlagmessung analysieren.

Diese medizinisch fundierte Messmethode bildet den körperlichen, geistigen und emotionalen Gesundheitszustand ab und wird von den Wiener Alpen derzeit in mehreren Hotels und Gemeinden angeboten. Aber Vorsicht, Verbrennungsgefahr: Das Ergebnis der Messung, das aktuelle biologische Lebensalter so manchen erschöpften Städters, könnte durchaus zu einem längeren Erholungsaufenthalt verpflichten.

Sozusagen historisch auftanken kann man seinen Geist im Mesnerhaus von Thernberg bei Scheiblingkirchen in einer interessanten Dokumentation über Erzherzog Johann. Der „gesunden Luft“ und der Abgeschiedenheit und Ruhe wegen hatte sich der grüne Habsburger über 21 Jahre immer wieder zum Nachdenken und Arbeiten hierher zurückgezogen. Mit Erfolg, legte er doch im kleinen Thernberg angeblich die Grundsteine für „sein Wirken in der Steiermark“ – unter anderem mit Versuchsgärten für die Obstveredelung. Heute gleicht das ehemalige Schloss einer Ruine. Wer sich mit Klettertrainern der österreichischen Outdoor-Akademie auf Seilgang entlang der alten Mauern durch die Herrschaftszimmer Erherzog Johanns hinauf auf den höchsten Schlossspitz wagt, wird belohnt: Mit herrlicher Aussicht über mindestens 1000 Hügel.

Das Schloss (Villa) Wartholz in Reichenau an der Rax, die einstige Sommerresidenz von Kaiser Karl und Zita (Sohn Otto wurde hier geboren), steht noch zur Gänze und wird sogar ganzjährig bewohnt. Im schattigen und nur teilweise zugänglichen Schlossgarten befindet sich ein kleiner Teich mit Holzhäuschen. Der Anblick dieses Idylls reicht aus, um die Qualitäten echt kaiserlicher Sommerfrische zu erahnen. Mit der Revitalisierung und Gestaltung der Schlossgärtnerei haben die heutigen Besitzer aber ohnehin einen neuen Anziehungspunkt für Liebhaber gepflegter Gartengestaltung. Der Schlossgärtnerei-Shop und das Café stehen jedem offen und laden zur Kurzerholung ein. Mit Blick auf den schneeweißen Kies der Parkwege und den schönen Garten genießt man seine Melange, schmökert im Programm des Wartholzer Literatursalons und erwirbt beim Hinausgehen einen Pocket Garden für das eigene Fensterbrett.

Am Wiener Tellerrand

„Tischlein Deck Dich Abend“, Kochnachmittage und E-Bike-Ausflüge zu Bad Schönauer Ausblicken: Hotel Weber, Kurhausstraße 16, 2853 Bad Schönau, 02646/8408, www.hotelweber.at

Lebensfeuermessung im
Gesundheitsresort Königsberg, Am Kurpark 1, 2853 Bad Schönau, 02646/82 51 720
www.koenigsberg-bad-schoenau.at

und: Molzbachhof Familie Pichler, Tratten 36, Kirchberg/ Wechsel

02641/2203, www.molzbachhof.at

Erzherzog Johann-Dokumentation: Mesnerhaus und Pfarrhof Thernberg, Markt 2, 2832 Thernberg. Geöffnet bis 26. 10. 2012, Sonn-und Feiertag 13 Uhr bis 17 Uhr, 02629/22 390
www.thernberg.at

Schlossgärtnerei Wartholz, Hauptstraße 113, 2651 Reichenau an der Rax, 02666/52289, www.schlosswartholz.at

Wiener Alpen in Niederösterreich Tourismus: 02622/ 789 60
www.wieneralpen.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)

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