Morgens um 6 Uhr werden wir in unserer windig-romantischen Holzhütte, die nur über Stege zu erreichen ist, geweckt. Punkt 6.30 Uhr tuckern wir los. Am Steuer des Motorbootes: Wei Te Shwe, der „Generalmanager“ unseres Hotels. Das Golden Island Cottage ist das letzte Stelzenhotel auf dem See, kurz vor der Einfahrt in den schmalen Südteil. Auch jetzt, im Januar 2004, dürfen Touristen nur in Begleitung von Mitgliedern der PNO, der Pa-O-National-Organisation, in das Gebiet. Die Pa-Os sind eine von rund hundert Ethnien in dem Vielvölkerstaat. Wei Te Shwe in Lederjacke und Jeans war „Rebellenführer“ und hat jahrzehntelang mit der Waffe in der Hand „gegen die Regierung und gegen die Kommunisten“ gekämpft. Jetzt herrscht Frieden zwischen den rund 800.000 Pa-Os, diesem Bergvolk am Inle-See, und der Regierung. Dafür wurden den Rebellen Zugeständnisse gemacht. Zum Beispiel der Bau eines Hotels auf dem See.
Auf dem Markt von Sankar begegnen wir den selbstbewussten Bäuerinnen und Händlerinnen, die aus den Bergen herabgestiegen sind, zu Fuß oder im Ochsenkarren, um ihr Gemüse und ihre Waren zu verkaufen. Die Pa-O-Frauen sehen in ihren traditionellen schwarzen Anzügen mit bunter Kopfbedeckung aus wie von Yamamoto gewandet. In meinem schwingenden, langen roten Kleid bin ich relativ auffällig. Die Frauen umringen mich, wollen lachend meinen Goldreif gegen ihren Schmuck tauschen, berühren meine Haut und fragen mich, wie ich sie so „schön weiß“ gekriegt habe – und betasten mich schließlich von Kopf bis Fuß, inklusive Busen. Ich habe Mühe, meinen Rückzug geordnet und lächelnd hinzukriegen. Zum Abschluss werden wir noch zum Sake bei einer Beerdigungsfeier eingeladen, an der das ganze Dorf teilnimmt. Und als Bettina stolpert und beinahe hinfällt, jubelt die ganze Trauergemeinde. Ja, das gilt es zu gestehen: Diese so liebenswürdigen, doch so lange unterdrückten Burmesen haben einen Hang zur Häme. Nichts macht ihnen so viel Freude wie die Schadenfreude. Vor allem die nach „oben“.
Auf der Rückfahrt tuckern wir vorbei an malerischen Stupafeldern, Wasserbüffeln und immer wieder Frauen und Kindern, die am Ufer waschen oder baden. Alle winken. Wir winken zurück. Wieder angekommen im größeren Teil des Sees, kreuzen wir die legendären Einbeinruderer, die mit einer Hand und einem Fuß die langen Stangen in den nur zwei, drei Meter tiefen See staken und mit einer Art Bambusreuse fischen, die sie über die Fische stülpen. Das sind die Inthas, die „Söhne des Sees“. Töchter gibt es auch. Die pflanzen mitten auf dem schlammigen See ihr Gemüse an, darunter das köstliche Watercress. [. . .] Bevor wir von unserem vorletzten Besuch am Inle-See 2006 wieder über die Shan-Berge davonfliegen, hat Bettina noch etwas ganz Wichtiges zu erledigen. Sie nimmt mich mit zu der kleinen Reederei, wo die Bretter noch von Hand gesägt werden, und kauft doch tatsächlich so ein Fischerboot, diese urzeitliche Barke, die vor tausend Jahren sicherlich genau so ausgesehen hat. Sie wird es schaffen, das Boot nach Köln zu transportieren. Dort baut sie es am Rheinufer auf – und fotografiert darin Menschen auf Reisen: „Boatpeople“. Auch daraus ist inzwischen ein Buch geworden.
Mandalay und die Chinesen. „Mandalay ist eine ziemlich unangenehme Stadt, staubig und unerträglich heiß. Und man sagt, ihre fünf Haupterzeugnisse fangen alle mit P an. Nämlich Pagoden, Priester, Parias, Pfandleiher und Prostituierte.“ Wie immer hat George Orwell auch diesmal recht. Und seit den 1920er-Jahren hat sich atmosphärisch nicht viel geändert in der Stadt, sie ist eher härter geworden. Mandalay ist mit rund einer Million EinwohnerInnen die nach Yangon zweitgrößte Stadt Burmas und eine Hochburg der Chinesen. Ihre grobklotzigen Häuser mit den abgedunkelten Spiegelfenstern überziehen die nummerierten Schachbrettstraßen der einstigen Königsstadt. Heute fungiert Mandalay für China als Brückenkopf zum Indischen Ozean. Eine Pipeline Peking–Mandalay ist in Arbeit, ein Hafen und eine direkte Eisenbahnlinie, Kostenpunkt 23 Milliarden Dollar. Dieses Geld kommt nicht von den Burmesen, die Chinesen werden es sich wieder holen. Mandalay hatte nie eine wirkliche Chance. Erst 1857 gegründet – weil die Machthaber mal wieder mit Sack und Pack umgezogen waren, diesmal von Amarapura in die Ebene am Fluss –, jagten die Briten nur 28 Jahre später den König auf dem Ochsenkarren vom Palast zum Ayerwaddy ins indische Exil. [. . .]
Mandalay ist berühmt für seine Papierschirme, Seidenstoffe, Marionetten und Goldschmiedearbeiten. Das Goldschmiedeviertel liegt gleich neben den Elendsvierteln, in denen die Menschen in kläglicher Handarbeit Müll recyceln. Die durch die schlammigen Gassen schlendernden Touristinnen werden hereingebeten in die Häuser aus Holz und Bambus, mit Tee bewirtet und im Jahr 2012 neugierig in radebrechende politische Diskussionen verwickelt. An der Wand hängt ein Plakat von Aung San Suu Kyi mit Vater.
Zwölf Jahre zuvor hatten wir in Mandalay vier Studentinnen getroffen. Ex-Studentinnen. Sie waren aktiv gewesen in der Studentenbewegung, die 1988 in Yangon rebelliert hatte – und daraufhin von den Generälen vor die Tür gesetzt worden. Danach blieben die Universitäten einfach über zehn Jahre lang geschlossen. Eine ganze Intellektuellengeneration ging dem Land verloren. Damals, im Jahr 2000, trafen wir uns heimlich im Hotelzimmer. Denn die Burmesinnen gehören zwar rein rechtlich zu den emanzipiertesten Frauen im asiatischen Raum, und die Cheroot-qualmenden Händlerinnen sind beeindruckend selbstbewusst. Dennoch sind Frauen den Sitten nach nur relative Wesen: die Tochter von . . . oder Ehefrau von . . . Ein Mädchen aus anständigem Haus wohnt bei seiner Familie, geht abends nicht allein aus und trinkt auf keinen Fall Alkohol. Auch unsere vier nicht. Einen Nachmittag lang reden und lachen wir miteinander und die Stimmung ist nicht anders, als sie es in Berlin oder Paris wäre. Doch als wir fragen, warum sie mit Mitte/Ende 20 noch bei ihrer Familie wohnen und nicht allein, löst das nur Kopfschütteln aus. Undenkbar! Und abends allein ausgehen? Unmöglich! Auch eine studierte Burmesin oder gar berufstätige muss warten, bis sie geheiratet wird, damit sie das Elternhaus verlassen kann.
Eine von den vieren treffen wir sechs Jahre später in Yangon wieder. Sie hat inzwischen geheiratet und eine Tochter bekommen. Ihr Mann hat sie geschlagen und mit Aids infiziert. Jetzt ist sie geschieden, arbeitet in einem Reisebüro und träumt von einem „wirklich netten Mann“.
Frauenhandel. Im Jahr 2012 sind wir mit einem Kollegen verabredet. Auf dem Weg zu der Hotelbar, wo wir ihn treffen, fahren wir mit einer Fahrrad-Rikscha den Ayerwaddy entlang – und wundern uns nun gar nicht mehr über die 3000 Verkehrstoten im Jahr allein in Mandalay. Der übliche Fahrstil ist lebensgefährlich für alle, die zu Fuß gehen oder das kleinere, schwächere Gefährt haben. Das Hotel ist eines der neuen Hochhäuser am Fluss. Unten am Ufer kauern Hunderte von Nissenhütten und wird das Wasser aus dem verdreckten Fluss getrunken. Gleich gegenüber, in der Hotelbar im achten Stock, serviert man uns köstliche Cocktails. Der Journalist, den wir treffen, hat Verwandte in Deutschland, und wir bringen ihm Fotos und Euro mit. Daher vertraut er uns und spricht sehr offen. Über das ganz Burma überziehende Spitzelsystem; über die immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich, nicht nur in dieser Stadt; und über die steigende, unterschwellige Chinesen-Feindlichkeit der Burmesen.
Zurzeit recherchiert er über den seit Jahren blühenden Frauenhandel im Grenzgebiet. Die rigorose, jahrzehntelange Ein-Kind-Politik im postmaoistischen China hat dazu geführt, dass weibliche Föten abgetrieben oder neugeborene Mädchen umgebracht wurden, denn ein Sohn ist alles. Jetzt hat das Reich der Mitte einen dramatischen Überschuss an jungen Männern, die keine Frauen finden. Also holen sie sie im benachbarten, armen Burma. Entweder verkaufen die Eltern ihre Töchter. Oder aber die jungen Frauen werden mit falschen Versprechungen nach China gelockt und dort unter Zwang verheiratet. Prostitution ist verboten in Burma, bei unseren ersten Reisen war sie noch unsichtbar. Jetzt beginnt man, sie zu ahnen. Es sind bitterarme Mädchen aus den Slums; es sind Ehefrauen, deren Männer als Staatsangestellte einen Hungerlohn verdienen; und es sind erlebnishungrige junge Frauen und Männer, denen nicht klar ist, wie hoch der Preis für die Geschenke von Touristen sein kann.
Alice Schwarzer, 160 Seiten, ca. 100 großartig-einfühlsame Reportage-Fotos von Bettina Flitner, Hardcover, 34,95 €; Erstverkaufstag: 19.06.2012 ISBN 978-3-8321-9424-6
www.dumont-buchverlag.de
www.aliceschwarzer.de
www.bettinaflitner.de
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