Menschen unterstellen mir, dass ich die Welt kenne. Sie fragen nach der Anzahl der Länder, die ich bereist habe, ganz so, als wäre ich so eitel, sie durchzuzählen. (Klar zähle ich sie durch.) Und sie fragen hartnäckig, wo denn nun der schönste Ort sei. Ich gebe ganz unterschiedliche Antworten. Nicht aus Täuschungslust! Nein, die Welt hat es nun einmal an sich, dass sie für Vielreisende nicht kleiner, sondern größer zu werden scheint.
Der Lido di Venezia ist für mich die perfekte Sommerdestination, vor allem während Ferragosto (15.8.), wenn die wahren Connaisseure Italien meiden, weil „das ganze Land geschlossen hat“, da „die Italiener selbst auf Urlaub sind“. Sie sind nämlich am Lido! Allerdings wird es daraus eine Prolodestination – für italienische Modernisierungsverlierer. Ich begebe mich samt Familie täglich für zwei Stunden an die „spiaggia libera“ am Ende der Gran Viale und verbrüdere mich mit den Berlusconi-Wählern, die großteils total nett sind. Der Lidostrand platzt aus allen Nähten, was ich für einen Vorteil halte, denn leere Strände haben mich seit jeher deprimiert. Für Deutsche und Österreicher ist der Ort zu working class. Neben den Einheimischen quirln hier Briten, Franzosen, Japaner und eine Menge Chinesen, in deren Reiseführern offenbar der – in Metern vom Markusplatz gemessen – nächste Meereszugang angeführt ist. Sie krempeln die Shorts hoch und plantschen schüchtern in den Wellen.
Für anspruchsvolle Italophile ist der Lido ungeeignet. Die Lokale servieren Löffel zu den weichgekochten Spaghetti. Auch den menschenverstopften Billa besucht man besser nur antizyklisch. Ich unternehme daher täglich Familienausflüge mit dem Vaporetto in die ruhigeren Teile der Lagunenstadt. Mit Kinderwagen und Brücken, echt? Klar: Ich verweise auf meinen aufblühenden Muskelapparat.
Kann sich der Amanshauser in der avancierten Menschenhölle Lido eine Unterkunft leisten? Gerade noch. Er wohnt im guten, alten Hotel Riviera, 3-Stern mit ebensolchem Service. Einige der Zimmer haben Terrassen, am Abend sieht man zum Campanile und zum Mond. Die Preise steigen jährlich, obwohl (Ökonomen behaupten, das hinge zusammen) der Wert der Währung sinkt. Und die Anreise? Auch hier muss ich die Menschen enttäuschen, die den Reiseguru suchen. Seit sich die ÖBB mehrere Schnitzer geleistet hat, fahre ich mit dem Auto. Fähre von Tronchetto: Am Lido kann man gut parken. Wirklich. Aber probieren Sie es bitte nicht, es passt nicht zu Ihnen!
TIPP
Martin Amanshauser, Logbuch Welt, 52 Reiseziele.
www.amanshauser.at
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