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Amanshausers Welt: 263 Chile

13.09.2012 | 16:25 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

Punta Arenas, südlichste Stadt der Welt, regnerisch, kroatisch, überschwemmt.

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Punta Arenas, die südlichste Stadt der Welt, zeigte sich von ihrer schlechtesten Seite. Die gesamte Innenstadt war überschwemmt. „Sonst regnet es nie bei uns“, sagt der Taxifahrer, „wenn doch, haben wir eine Katastrophe“. Mein Hotel stand an der total verschlammten Plaza de Armas. Hundert Meter weiter fuhren die Leute in Booten durch das Schlammwasser. Es waren nur Betroffene, Jugendliche, Sandler und Eckensteher unterwegs.

Punta Arenas war auf solche Fluten nicht vorbereitet. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass keine Katastrophenstimmung herrschte, oder dass man zumindest nicht sonderlich überrascht war. „Kommen solche Fluten regelmäßig?“, fragte ich einen Mann, der einen Gehsteig reinigte. „Nein, haben wir nie“, sagt er, „die letzte war vor 20 Jahren“.

Ich schlenderte durch die begehbaren Straßen. Alle Geschäfte waren geschlossen. Vor den Eingängen lagen Sandsäcke. Am Ende fand ich einen offenen Laden. Ich kaufte eine Flasche Mineralwasser mit Kohlensäure. „Wasser, Wasser, überall Wasser!“, rief der Besitzer und erhob die Hände, „und Sie kaufen jetzt auch noch welches“!

Der einzige offene Ort war das Hotel-Restaurant. Ich bestellte Vorspeise und Hauptspeise. Nach mir betrat eine Gruppe von 60 Leuten den Saal. Ich bekam die Vorspeise, die 60 Leute ebenfalls. Sie bekamen die Hauptspeise, ich nicht. Nach einer halben Stunde bat ich die Kellnerin, die keine glaubwürdige Angabe über den Lieferungszeitpunkt des Essens geben konnte, gehen zu dürfen. Sie nickte erleichtert. Die Vorspeise kostete nicht 4500 wie auf der Speisekarte, sondern 7800. Da ich aber keine Ahnung hatte, wie viel das war, fehlte mir die Energie zu einer Reklamation.

Am nächsten Tag regnete es – leicht. Was unter Wasser gestanden war, stand auch heute unter Wasser. Niemand schien beeindruckt, aber alle halfen zusammen, abgesehen von den Sandlern, Jugendlichen und Eckenstehern, die fotografierten. Ich verachtete sie ein wenig, fotografierte aber auch. Mich beeindruckte, wie dreckig Überschwemmungen waren.
Weil ich gelesen hatte, der Friedhof sei der einzige interessante Ort in dieser Stadt, nahm ich ein Taxi dorthin. Die meisten Verstorbenen hießen Iglesias-Milosevic, Espinoza-Garafulic, Oyarzo-Jukic oder Stipicic-Matic, denn die Punta Arenaer waren größtenteils eingewanderte Kroaten.

Später kam ich mit einem Mann ins Gespräch, der so richtig kroatisch aussah. Ich fragte heimtückisch, „nur so aus Interesse“, wie er hieße. „Jorge Cabezas“, sagte er, und ja, seine Vorfahren seien aus Italien. „Gibt es solche Überschwemmungen hier regelmäßig?“, fragte ich. Er schüttelte empört den Kopf: „Die letzte war vor zehn Jahren.“

Am Abend ging ich in ein anderes Lokal. Ich wollte sichergehen und sagte zur Kellnerin, im anderen Lokal habe das Essen 45 Minuten gedauert, und ob das hier hoffentlich nicht so sei. „40!“, antwortete sie lachend.



TIPP
Martin Amanshauser, Logbuch Welt, 52 Reiseziele. www.amanshauser.at

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