Bekannte fragen mich manchmal, wieso denn eigentlich in Marokko kein Arabischer Frühling ausgebrochen ist. Ich höre da eine gewisse Enttäuschung heraus. Wäre Hassan II. noch an der Macht gewesen, kann ich mir gut vorstellen, dass bei uns ähnliche Verhältnisse geherrscht hätten. Doch sein Sohn Mohammed VI., Jahrgang 1963, hatte seine sowohl traditionell-marokkanische als auch weltliche Erziehung – unter anderem studierte er in Frankreich – längst dazu genützt, das Land zu modernisieren. Er setzte eine Kommission der Wiederversöhnung ein, versprach Arbeit und Fortschritt, wurde liebevoll M6 genannt. Nach einigen Jahren stellte man fest, er hing an den Strukturen, blieb ein absoluter Monarch. Aber Presse- und Meinungsfreiheit waren, jedenfalls im Vergleich zu Hassan, gewährleistet. Nur der König galt als unantastbar. Eine Erscheinung wie Lady Di wäre da nie möglich gewesen – da gäbe es eine Zensur.
Als unser Frühling kam, war schon eine Unruhe im Land, es gab Demonstrationen. Ich erinnere mich an einen Slogan: „Mit unserem König den Wandel gestalten“. In den internationalen Medien las man, „der König klammert sich an seine Macht“. Nur, so seltsam es klingen mag, die Marokkaner lieben ihren König. Auch wenn die Europäer dieses monarchistische Element ungern sehen.
Der Islamismus, von Ägypten ausgehend, war seit dem 19. Jahrhundert ein Thema. Das Feld der Islamisten waren immer die Slums. Wo desolate Zustände herrschen, sorgen sie für sauberes Wasser, grundmedizinische Versorgung, Bildung – alles Aufgaben, die der Staat übernehmen sollte. Islamismus ist – nicht nur, aber auch – eine Frucht des Kolonialismus, eine Gegenbewegung. Dem kam der König zuvor. Im Gegensatz zur Türkei oder Ägypten definierte sich Marokko immer als islamischer Staat. Der radikale Islamismus wird jedoch vehement bekämpft. Heute ist eine gemäßigt islamische Partei die stärkste im Parlament. Oh Gott, hieß es, islamisch. Aber eine laizistische Kultur, das funktioniert hier nicht. Man sieht das in Tunesien oder in der Türkei. Westlich orientierte Regimes generieren Islamismus, weil die Leute den Eindruck haben, dass sie ihre Religion nicht praktizieren dürfen.
Im Westen stört mich, dass der Islam immer als böser Geist dargestellt wird. Ich höre oft: „Wir hatten die Aufklärung, die fehlt bei Ihnen!“ Doch gerade in der Blüte des Islams liegt das Fundament für pluralistisches Denken, akzeptierte man Andersdenkende. Dann immer die fantasielose Kopftuchdebatte. Mich ärgert, wenn die marokkanische Frau als Opfer dargestellt wird. Kopftuch = Unterdrückung, heißt es. Eine Kränkung der sehr klugen marokkanischen Frauen, die ich kenne.
Meine Großmutter kam eines Tages in den späten Sechzigern kopfschüttelnd heim. Was ist los, Mütterchen? „Komische Zeiten. Ich habe eine Frau mit Minirock gesehen, ganz frei war sie, die Ärmste! Sicher hat sie ihr Mann dazu gezwungen!“
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