Nahe des Flughafens von Lwiw (Lemberg) bedeckt ein viersprachiges Plakat eine Häuserfront: „Dieses Objekt ist das Privateigentum, das die Korruptionsbeamten der ukrainischen Regierung wegnehmen wollen.“ Beginnt ja irgendwie rätselhaft. Das Flugzeug parkt, und das erste SMS trudelt ein: „Lieber Kunde! Im Land u. nach O telefonieren Sie um 4,29.“ Humor haben sie, die Ukrainer.
Volodymyr heißt der Mann, der mich vom Flughafen zum Bahnhof bringen soll. „Er wird“, hat meine ukrainische Vertrauensdame im Mail angekündigt, „eine kleine Schild mit Ihrem Namen haben, damit Sie ihn anerkennen könnten.“ Doch am Ausgang steht überhaupt niemand mit Schild. Ich mache mir schon Sorgen um die Anerkennung, als ein junger, schlanker Typ auf mich zutritt und fragt: „Amanshauser?“ Volodymyr studiert Architektur, spricht Englisch und kennt Österreich, weil er ein Jahr zum Englischlernen in Scheibbs verbracht hat. Auch wieder rätselhaft.
Der Hauptbahnhof von Lwiw ist eine Kirche mit mondänen Wartehallen, vertäfelten Kaffeehäusern, einem Friseur, einer Retro-Gepäckaufbewahrung. Legionen von Soldaten und Polizisten mit wunderlichen Kopfbedeckungen rennen herum. Die meisten telefonieren mit daheim. Mein Zug nach Czernowitz kommt aus Moskau. Er stammt aus einer anderen Epoche. Ein echter Schaffner mit delikater Uniform kontrolliert die Einsteigenden. Volodymyr verabschiedet sich. Der Schaffner fragt gleich, ob ich später einen Chai will, macht jedoch nicht die geringsten Anstalten, mir mit dem Gepäck die steilen Stufen in den Waggon zu helfen.
Es ist 17 Uhr, die Fahrt nach Czernowitz wird knapp sechs Stunden dauern, die Viererabteile haben Hochbetten und einen Perserteppich. Wir erhalten Polster und Decken, die Mitbewohner meines Couchettes richten sich gleich zur Nachtruhe ein. Nach einer halben Stunde serviert der Schaffner den Chai. Wir liegen im Bett und lesen. Eine alte Frau in der Bibel, eine junge Frau im ukrainischen „Rätselkurier“ – beide liegen oben – ein Mann in einer Anglerzeitschrift und ich Wolf Haas, womit ich mir irgendwie overdressed vorkomme. Nach einer Stunde sind wir alle eingeschlafen.
Knapp vor Czernowitz zahle ich den Chai. Ich habe nur eine 200-Hrywnia-Note. Später, im Hotel werde ich bemerken, dass der Schaffner mir die große Note exakt in kleine Scheine gewechselt hat, ohne etwas zu verrechnen. Rätselhafte Ukraine.
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