Amanshausers Welt: 274 England

29.11.2012 | 12:19 |  Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

Kleine Geschichten über große Locations.

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Im Grand Hotel von Brighton, der wunderschön gelben Bonbonniere, einem repräsentativen Ort viktorianischer Hochnäsigkeit, führte mich der tschechische Page zum Zimmer 718. Über dem Bett hing das Bild eines eleganten Schwans, die Fenster ließen sich kippen. Nicht so weit, dass man notfalls hinausspringen konnte, aber ein bisschen. Ich war froh, dass das Grand Hotel so eigensinnig war, sich nicht auf die Aircondition zu verlassen.

Im 19. Jahrhundert
war das Grand Hotel stolz auf den „vertical omnibus“, betrieben mit Wasserkraft, den einzigen Lift auf der Insel außerhalb von London. In den Fünfzigerjahren musste es beinahe einem Shoppingcenter weichen. Die größte Erschütterung erlebte das Hotel am 12. Oktober 1984, in einer Epoche, als die Meinung vorherrschte, dass es Sinn ergab, wenn man Politiker oder Päpste aus ihren Ämtern bombte. Am nächsten Morgen sollte hier der Parteikongress der Konservativen beginnen. Die IRA-Bombe detonierte per Zeitzünder um 2.57 Uhr früh, im Zimmer 629. Patrick Magee (später acht Mal lebenslänglich, aber nach 14 Jahren freigelassen) hatte sie einen Monat vorher versteckt. Fünf Personen starben.
Margaret Thatcher, die vier Stockwerke unterhalb schlief, erwies sich als unverwundbar, obwohl ihr Badezimmer kollabierte. Sie ließ es sich nicht nehmen, den Parteikongress am vorgesehenen Ort und zur vorgesehenen Zeit zu eröffnen, zwischen rauchenden Trümmern, was zum Ruf ihrer Eisenhaftigkeit entscheidend beitrug.

Im Erdgeschoß, verschämt am Rande, hängen an der Wand alte Zeitungsausschnitte. Die Fotos zeigen, wie die Bombe nicht ein Loch gerissen hat, sondern geradezu einen Tunnel in die Front hineinfräste, der sich über mehrere Stockwerke und weit nach hinten zog. Es dauerte zwei Jahre, bis das Grand wieder eröffnete. Thatcher hielt auch da eine kleine, symbolträchtige Rede.

Als ich das Zimmer verließ, stand der tschechische Page meditierend auf dem Gang. Er deutete einen Stock tiefer. „Zimmer 621, damals 629 . . . dort unten hat es gekracht“, sagte er, „haben Sie davon gehört?“ Ich nickte. Immer, wenn ich den Gang betrat, sah ich den Pagen meditieren, ganz unpagenhaft, doch tat er es mit einer derartigen Selbstverständlichkeit, als gehörte es zu seinen Kernkompetenzen. Wegen der Bombe? Ich fragte nie, wieso er da stand. Vielleicht würdigte er die britischen Geister und Spukgestalten.

Ort
Grand Hotel, erbaut 1961, zerbombt 1984, gehört zur De Vere Group (www.devere-hotels.co.uk); 97 Kings Road, Brighton and Hove, England.

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