Amanshausers Welt: 275 Brasilien

06.12.2012 | 14:48 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

Kleinkinder, ein Kapperl und ein Käpt’n.

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Zuerst stahl mir dieser Typ oder „Kapitän“ mein Kapperl. Wir stiegen, zwei Erwachsene, zwei Kinder (drei Jahre, zehn Monate), auf sein Boot, das uns vom Festland des Bundesstaates Rio de Janeiro zur Ilha Grande bringen sollte: ein motorisiertes hölzernes, ziemlich überfrachtetes Ex-Segelboot von zehn Meter Länge.

Zum Einsteigen nahm ich den Dreijährigen von meinen Schultern. Dabei löste sich mir das Kapperl vom Kopf und stürzte in den Spalt zwischen Anlegesteg und Boot. Der Typ oder „Kapitän“ wies mich barsch an, keine Kapperlsuche zu starten, das Boot werde beladen.
Das Kapperl war das beste, das ich je besessen hatte, aus Jeansstoff, der Glücksfall eines Kapperls, vorn die Aufschrift „Palm Springs“ und ein eingesticktes rotes Auto. Der Dreijährige, dessen Positionsveränderung den Kapperlsturz ausgelöst hatte, schrie inzwischen wie am Spieß – mir aus der Seele: „Wille Kapperl wieder! Wille Kapperl wieder! Wo ist das Kapperl! Wille Kapperl!“

Ich half dem Typen oder „Kapitän“ und seinen Gefährten sogar beim Beladen der minderwertigen Bohnen- und Maisdosenpaletten. Als das Boot sich aber endlich vom Steg löste, machte ich dem Typen oder „Kapitän“ noch einmal auf meinen Kapperlverlust aufmerksam. Gleichgültig deutete er ins trübe Wasser: „Solche Kapperl saugen sich voll und gehen unter!“

Danach brachte uns dieser blöde Typ oder „Kapitän“ auch noch in Gefahr. Auf dem offenen Meer war der Wellengang hoch, größere Brecher trafen das Boot von der Seite, Wasserschwalle zischten über seinen Holzboden, rissen die Bohnen- und Maisdosen und all das Gepäck mit sich. Der Zehnmonatige wurde gestillt. Der Dreijährige klammerte sich starr an mich und verbarg sein Gesicht in meinem T-Shirt. Er sagte nicht mehr „Wille Kapperl“.

Zwei Erwachsene hätten das Abenteuer genossen. Als Vater beobachtete ich aber mit ängstlichem Unbehagen, wie dieser Typ oder „Kapitän“ darum kämpfte, dass wir nicht kenterten. Der Barhocker, auf dem er gesessen war, war von einer Wasserflut weggerissen worden. Ich regis-trierte, dass die Schwimmwesten im Notfall zwar vorhanden, aber bei diesem Wellengang kaum erreichbar waren. Den Rest der Fahrt verbrachte ich mit Überlegungen, wie man das Trauma des Dreijährigen, der erstmals in seinem Leben – von uns selbst – in eine gänzlich unkontrollierbar „gefährliche“ Situation gebracht worden war, bewältigen würde können.

Ort
Ilha Grande, Insel etwa 160 Kilometer entfernt von Rio de Janeiro, liegt etwa 75 Minuten mit Segelboot oder Fähre vom Land entfernt, nahe der Stadt Angra dos Reis, Brasilien.

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