Amanshausers Welt: 277 Österreich

20.12.2012 | 16:39 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

Kleine Geschichten über große Locations.

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Jango Edwards, Weltstar der "Nouveau Clowns", erhält das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien. Die Meldung irritierte mich. Wo war seine Leistung? Leistet ein Clown etwas, clownt er nicht vielmehr herum? Ich begab mich zur Überreichung via Präsidialstiege in den Roten Saal des Rathauses. Überall liefen halblustige Rotnasenclowns herum. Auch er, Jango, 62, stand im Foyer und machte Faxen. Den Saal betrat er auf allen vieren, während nur noch der Stadtrat fehlte. Punkt 11 Uhr startete Livemusik, worauf eine Rathausdame aufgeregt heraneilte: "Hören Sie auf! Sie können das schon spielen, aber Sie müssen das noch einmal spielen, wenn der Stadtrat da ist." Die Chefin der Livemusik legte das Instrument weg: "Was?" Die Rathausdame: "Erstens einmal heißt das nicht was, sondern bitte..." Doch jetzt erschien der Stadtrat, und die Musik durfte. Jango Edwards hatte seinen Stuhl gegenüber des Podiums aufgebaut, zwickte und küsste die Leute. Der Stadtrat hielt die englische Einleitung mit der gebotenen Vorsicht, denn Jango, das sah man gleich, war zu buchstäblich allem fähig. Doch er ließ den Stadtrat leben.

Zur Laudatio trat Grünen-Kultursprecher und Autor Klaus Werner-Lobo an, selbst ein ausgebildeter Clown. Er nahm sich die Freiheit, gar nichts zu machen. Minutenlang stand Werner-Lobo herum. Auf dem Podium, hinter dem Mikrofon.Schweigend. Lange schweigend. Er rang mit sich, das spürte man. Aber er blieb souverän. Endlich donnerte er los: "This is about power." Die Rotnasenclowns zuckten zusammen. Werner-Lobo jedoch bediente sich dieser Technik, um die Aufmerksamkeit des chronisch unaufmerksamen Jango Edwards zu halten: "Now you are really fucked up, Jango. Now you are really in the shit." Dann sprach er über das, was einen Clown gut macht: Ungehorsam, Einsamkeit, Alter, Wissen über den Tod, der uns allen bevorstehe. Der Stadtrat hatte seinen guten Auftritt, als er an der Stelle "accept your mistakes, your weakness, your belly" frech auf Jango Edwards Bäuchlein zeigte. Am Ende erklärte Werner-Lobo dem großen Clown seine Liebe, und der Stadtrat, der zugab, panische Angst zu haben, überreichte das Verdienstzeichen. Bevor Jango selbst zum Mikrofon trat. Beim Satz "I am not a man of words" lachten alle. Er sprach wunderbar. "I have fun, but I am not funny", erklärte er, da lachte keiner mehr. Jango Edwards brachte mich, der ich das sonst gar nicht so mag, zweimal beinahe zum Weinen. 

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