Amanshausers Welt: 279 Schweiz

17.01.2013 | 13:46 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

Am Zürichsee: Nette, einladende Menschen mit tiefen Abgründen.

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Bei dem Schweizer, von dem ich heute erzähle, war ich in Zürich untergebracht. Ein guter Gastgeber, nicht nachlässig, nicht aufdringlich. Ich kann seinen Namen nicht nennen, sonst würden Sie gleich beginnen, ihn zu googeln. Wir bewohnten nebeneinanderliegende Räume in seiner Wohnung. Er plante für den folgenden Tag einen Abflug (auch ich würde wegfliegen), als ich einen Entsetzensschrei aus seinem Zimmer hörte.

„Das gibt es nicht, nein!
Uuuuuuh! Uuuuuuh! Das darf nicht wahr sein!“ (Stellen Sie sich das sehr laut vor, Hochdeutsch mit Schweizer Färbung.) „Neiiiiin! Das kann nicht sein, du! Das gibt es doch nicht, du! Was soll ich jetzt machen, du?“ Das nachgestellte „du“ schien direkt mir zu gelten. Zaghaft öffnete ich die Tür. Er, um die 50, saß mit hochrotem Kopf auf dem Boden. „Neiiiin! Die totale Katastrophe, du!“

Durch einfühlendes Nachfragen eruierte ich, dass sein Web-Check-in danebengegangen war. „Das ist der Wahnsinn!“, Tränen liefen über sein Gesicht. Er rollte die Augen. So stellte ich mir einen epileptischen Anfall vor. „Das ist so ein Scheiß, ich könnte mich . . .“ Er kniete vornüber und schlug mit der Stirn mehrmals auf den Parkettboden. Seine Brille splitterte.

Irritiert verließ ich den Raum. Doch nebenan ging die Szene weiter. Er schlug weiter gegen Holz – hoffentlich mit den Händen – und schrie: „Ich bin am Ende! Das ist das Ende!“ Ich nahm das Gebrüll inzwischen mit meinem Mobiltelefon auf, um das Unglaubliche belegen zu können. Nun rief er: „Duuuu! Duuuuuuuu!“ Ich ging zurück zu ihm. „Kann ich dir helfen, vielleicht bei der Airline anrufen?“, fragte ich. „Da kann keiner helfen oder anrufen!“, schrie er, „ich – bin – geliefert!“

Trotzdem ergriff ich die Initiative und wählte eine Nummer auf dem zerknüllten Zettel, den er mir heulend hinstreckte. Während ich mit der Frau vom Callcenter sprach – es dauerte etwas, aber das Problem war durchaus lösbar –, schlug er wieder die Stirn aufs Parkett. „Scheiße, du, ich kann nicht mehr!“ Das Callcenter benötigte einige Angaben zu seiner Person, die ich ihm entlockte, während er keuchte und gurgelte: „Das wird nichts! Ich bin am Ende!“ Ich schrieb ihm den Code für das Web-Check-in auf einen Zettel, dann verließ ich Zimmer und Wohnung.

„Danke“
, sagte er am Abend, als ich zurückkam. Seine Brille war notdürftig geklebt. „Ist das oft so bei dir?“, fragte ich. „Ja, manchmal“, sagte er, „meine Freundin leidet sehr darunter.“

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