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14.02.2013 | 15:24 |  von Martin Amanshauser (Die Presse - Schaufenster)

Endlich demon­striert jemand gegen den Selbstmord!

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Selbstmord war nie etwas für mich. Ich hatte immer eine große Abneigung gegen das Konzept, sich das Leben zu nehmen, gegen die dramatische Geste, mit der Menschen das tun, gegen die Aggression, die in einer solchen Tat verborgen ist. Mich irritiert das Sich-wichiger-als-alles-andere-Nehmen und der kompromisslose Egoismus von Selbstmördern.

Meine Abneigung gegen den Suizid hinderte mich natürlich nicht daran, selbst an exponierten Orten mit dem Gedanken an Selbstmord zu spielen – machen wir das nicht alle gelegentlich? – zum Beispiel beide Male, als ich in New York auf der Plattform des World Trade Center stand. Was für ein Sprung wäre das gewesen! Oder ich überlegte, wenn düstere Stimmungen in mir aufstiegen, mich vor einen Zug zu stürzen, natürlich erst nach der Abfassung eines scharf formulierten Abschiedsbriefes. Schwelgen in Selbstmitleid ist ja erlaubt.

Ich gehöre also nicht zu denen, die verlangen, den Selbstmord in „Freitod“ umzutaufen und ihn zu einem Menschenrecht zu erheben. Natürlich gibt es Ausnahmefälle, in denen ich Selbstmörder gut verstehe, etwa unheilbar Kranke mit Schmerzen, die in die Schweiz reisen, wo ihnen eine Gesellschaft dabei hilft, den Endpunkt des Lebens selbst zu bestimmen. Gegenüber den Familienmitgliedern ist eine solche Vorgangsweise immer noch hart, doch wer außer man selbst kann eine solche Entscheidung treffen? Ein Selbstmord, der jedoch implizit oder direkt andere mitschuldig macht, ist aber aus meiner Sicht ein Verbrechen, auch wenn es strafrechtlich nicht mehr geahndet werden kann.

In São Paulo, wo einiges geschieht, was anderswo undenkbar ist, lief mir plötzlich eine Demonstration entgegen, die exakt das ausdrückt, was mir zu diesem Thema durch den Kopf geht. „Selbstmord – töten Sie diese Idee!“, stand auf einem der Transparente. Eine Gruppe von zwanzig bis dreißig Leuten lief skandierend an mir vorbei. Sie sahen etwas beschädigt aus, ziemlich irr, aber immerhin vertraten sie auf sehr entschlossene Art meine Meinung.
Religiöse? Fanatiker? Betroffene? Eine Selbsthilfegruppe? Ich vermied, sie anzusprechen, hielt den Atem an, knipste mehrmals. So schnell der Spuk begonnen hatte, so rasch war er wieder vorbei. Ich ging ihnen keinen Schritt nach, ich blieb wie angewurzelt stehen. Ein Transparent bewegt mich bis heute besonders: „Selbstmord verschlechtert die Situation nur“, stand da. Genau.

INFO
Die kleine Demonstration geht durch die Avenida Ipiranga, an der Estação República vorbei, São Paulo, Brasilien.

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