Ich kenne einige römische Ausgrabungsstätten: Palmyra, Leptis Magna, den Michaelerplatz in Wien. Ehrlich gesagt finde ich die Atmosphäre freigelegter Böden mit vertikalen Säulen immer etwas deprimierend. Die berühmteren der Ausgrabungsstätten gleichen einander wie die Kommentare der Guides: „Hier das Kapitol. Daneben die Hauptstraße, die Abdrücke der Wagenräder. Das Privathaus eines reichen Bürgers, erkennbar an der großen Küche. Wohnungen für Hausangestellte. Das Theater mit 2500 Sitzplätzen. Gegenüber die Thermenanlagen. Und das hier … nun … also das … ist das Bordell gewesen!“ Schüchternes Lachen im Publikum.
Am Anfang überzeugten mich die antiken Freudenhäuser, aber nach dem vierten oder fünften wuchs meine Skepsis. Woher wollten die so genau wissen, wo sich Bordelle befunden haben, wurden versteinerte Kondome gefunden?
Bei einer Tunesienfahrt standen drei Ausgrabungsstätten auf dem Programm. Ich beschloss, sie als Spaziergänge durch angenehm hübsche Natur aufzufassen. Bei der ersten Erwähnung antiker Bordelle hatte ich fest vor, mich hinter einer Säule zu verstecken.
Zuerst besuchten wir Bulla Regia und das phönizische Utica – und zum Glück tauchten keine Guides auf. Ich setzte mich abseits der Thermenstraßen in die Wiese, zählte die roten Früchte in den Kaktusfeldern: quasi Riesenerdbeeren. Der dritte Schauplatz, Dougga, das numibisch-römische Thugga, war ein komplizierterer Fall: in der historisch relevantesten Ausgrabungsstätte der Provinz „Africa proconsularis“ drohte eine Führung.
Mohammed war der urtümlichste Guide, dem ich je begegnet bin. Ungefähr 70 (oder 700) Jahre alt, Reibeisenstimme, ein faltiges Gesicht unter einer roten Wollkappe, Augen hinter tiefdunkler Sonnenbrille. Trotz eines Humpelbeins bewegte er sich agil durch die Steinwüste. Auf seinem Namensschild stand: „Mohammed. Languages: all.“ Von der ersten Sekunde an hing ich an seinen Lippen.
Schon als Kind sei er durch diese Ruinen spaziert, Traumberuf: Tourist Guide. Mohammed sei nie von Dougga oder Thugga losgekommen. Er lebe am Hügel gegenüber, habe mehrere Söhne. Die wollten nichts von der Fremdenführerei wissen. Mohammed zeigte mir Gemeinschaftslatrinen, Küchen, Prunkstraßen, erklärte eine Menge, und ich ging trotzdem gern durch das Ruinenfeld! Erstaunlicherweise erweckte auch er den Eindruck, gern hier zu sein. Ich wartete ängstlich, bis auch Mohammed mit dieser elenden Bordellgeschichte daherkommen würde.
Es kam anders: Er deutete auf eine winzige, aber doch erschreckend reale Steinskulptur von einem Penis mit dazugehörigen Hoden. Das sei der Richtungspfeil zum Bordell gewesen! Wo genau sich die Aktivitäten abgespielt hätten – so Mohammed – sei unklar. Historiker und Archäologen hätten ein bestimmtes Gebäude im Visier, doch Mohammed selbst sei sich da gar nicht so sicher.
Bestell- Info: Fax 01/51414-277

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