In Äthiopien laufen die Uhren anders. Auch die Menschen laufen anders: schneller. Die meisten Äthiopier laufen wirklich. Auf den Straßen von Addis Abeba. Schüchtern bahnen sich die wenigen Autos ihren Weg durch die erwachende Stadt – ein Großteil des Morgenverkehrs besteht aus Läufern!
Es ist 6 Uhr. Für die laufenden Bürger ist es allerdings 0 Uhr. Äthiopien besitzt nicht nur einen anderen Kalender, sondern auch eine andere Zeitrechnung: Sonnenaufgang bedeutet 0 Uhr. Mittagessen findet demzufolge um 6 Uhr statt. Das führt zu Missverständnissen. Äthiopier erscheinen bei Treffen mit Europäern oft sechs Stunden zu früh. Manche, heißt es, warten immer noch – wenn sie nicht laufen.
„Wir können der Armut davonlaufen“, sagt Jody, die ihr Ziel erreicht hat, den Meskel Square, „seit dem Olympiasieger und Weltrekordler Haile Gebrselassie sind wir ein Volk von Läufern. Als Leichtathlet kannst du in Äthiopien Karriere machen – Geld.“ Jody gehört zu den paar hundert Menschen, die ihre Runden am Meskel Square drehen, im Amphitheater, das an den Platz anschließt. „Ich spüre gerne die Erde unter meinen Füßen. Das hast du nur auf den Theaterstufen“, sagt Jody, „außerdem ist hier eine gute Mischung aus flach und steil.“
Addis Abeba, eine Stadt ohne Zentrum, ist ein seltsames Gebilde auf im Durchschnitt
2500 Höhenmeter einer schiefen Ebene. Durchzugsstraßen verbinden Ober- und Unterstadt, durchdrungen vom Charme eines Realsozialismus ohne jeglichen Sozialismus. Dabei wirkt Addis vollgestopft, vital, lebendig.
Äthiopien wäre ein ganz normales afrikanisches Land, bekräftigt Jody. „Tourismus geht bei uns wunderbar. Denken Sie an die unterirdischen Kirchen von Lalibela! Aber leider kriegen wir den üblen Ruf nicht weg. Dieses schreckliche Wort: Hunger.“ In der Vorstellung der Welt kam irgendwann in den Achtzigerjahren die Hungerkatastrophe, danach kam Bob Geldof, und beides blieb. Das Wort „Hunger“ blieb an Äthiopien kleben, als es bergauf ging.
Das liegt auch an der Innenpolitik. Die Hungerhilfe sei ein großes, schmutziges Geschäft geworden.
„Kaum hat irgendein abgelegenes Dorf eine schlechte Ernte“, sagt Jody, „rufen die lokalen Politiker internationale Kamerateams, die filmen Dünne, machen eine Hungerstory, und die Hilfszahlungen fließen wieder. Die armen Leute sehen aber nichts davon.“ Zusätzlich ruiniert die Lebensmittelhilfe (Reis, Weizen) die Preise der einheimischen Bauern.
„Glauben Sie, die Leute würden laufen, wenn sie hungrig wären?“, fragt Jody. Und dann wird sie unruhig. „Mein Rücken ist zu fett, ich muss weiter, solange es kühl ist.“ Hinter ihr steigt die Sonne unaufhaltsam nach oben. In ein paar Stunden wird es hier ziemlich heiß sein. „Haben Sie die seltsame Armhaltung von Haile Gebrselassie einmal im Fernsehen angeschaut? Er hält bei seinen Rekordläufen den linken Arm so komisch. Weil er als Kind immer mit der Tasche unter dem Arm in die Schule gelaufen ist.“
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