Amanshausers Welt: 483 Chicago / USA

Wir befinden uns auf der Aussichtsplattform des John Hancock Center (erbaut 1969, benannt nach dem ersten Unterzeichner der Unabhängigkeitserklärung, 1737-1793), im 94. Stock, ungefähr 300 Meter über dem Boden. Das ehemals höchsten Gebäude Chicagos, damals auch zweithöchstes der Welt, wurde jüngst in 360 Chicago umbenannt, aber keiner sagt so.

Martin Amanshauser

Blick auf die Skyline, das höchste Gebäude der Stadt ist heute der Sears Tower, 2009 in Willis Tower umbenannt, obwohl auch das keiner sagt. (Sieht man von ein paar unentwegten PR-Ladies ab.) Die Stadt hat vierhundert Wolkenkratzer und liegt damit nur knapp hinter New York.

Martin Amanshauser

Unter den Wolkenkratzern liegt das nördliche Downtown – eine Art aufgeblähte Immobilien-Hochpreisgegend ohne besondere Merkmale. Eine der markanten Stellen ist der Rock N Roll McDonald's mit seinem Drive-Thru. Innen ist es der aufwändigste McDonald´s der Welt, mit einem Popkultur-Artefakte-Museum. Um die Ausgaben für den Innendekor auszugleichen, ist der Big Mac tatsächlich etwas teurer als woanders.

Martin Amanshauser

In einer Stadt, ja in einer Welt, in der das allseits durchgekaute Konzept Burger dominiert, kann man noch viel Überraschendes mit dem Hot Dog machen. Downtown Dogs (8004 North Rush Street) nimmt sich dieser Sache mit großer Energie an. Die good old american cuisine wirbt selbstverständlich vom Hersteller Vienna Beef, der auf einen Würstelstand der Wiener Auswanderer Emil Reichel and Sam Ladany und die 1890er-Jahre zurückgeht.

Martin Amanshauser

Chicago, nördliche Downtown, ein Sandstück am Michigan Lake, das man via Unterführung erreicht. Es gehört zum Oak Street Beach, wo einst George Streeter (1837-1921) gegen die lokalen Küstenbesitzer Prozesse um eine neu entstandene Sandinsel führte, notfalls auch mit Waffengewalt. Ein American Heroe. Nach ihm heißt das Viertel Streeterville …

Martin Amanshauser

… und aus diesem Viertel, etwas weiter südlich, reicht der Navy Pier (1916, damals Municipal Pier) fast einen Kilometer in den Michigansee hinein. Einst war der Pier ein Warenumschlagplatz, heute verfügt er über IMAX-Kino, Kinder-Museum und ein Mini-Riesenrad.

Martin Amanshauser

Die erste Schwulenvereinigung der USA, die Society of human rights (SHR) wurde 1924 in Chicago gegründet – von Henry Gerber (1892-1972), einem Schüler von Magnus Hirschfeld, der mit Friendship and Freedom auch die erste amerikanische Homosexuellenpublikation herausgab. Nach einem knappen Jahrhundert Kampf um Entkriminalisierung und Enttabuisierung von LGTB ist Gerbers Vorstellung nun in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Martin Amanshauser

Black Lives Matter ist eine soziale Bewegung, die sich seit 2013 in den USA gegen die Ungleichbehandlung schwarzer Bürger vor Gesetz und Polizei wendet, um weitere Opfer zu verhindern, die der oft institutionalisierte Rassismus des Landes mit sich bringt. Es geht u.a. darum, Erschießungen, Ermordungen und Folterungen schwarzer Bürger durch weiße Polizisten aufzuzeigen.

Martin Amanshauser

Chicago Chinatown existiert seit ungefähr 1915 und gehört zu den bevölkerungsreichsten chinesischen Agglomerationen der USA. Viele ihrer ersten Bewohner waren vor der anti-chinesischen Gewalt der Epoche in Kalifornien geflüchtet und hatten sich hier angesiedelt. Heute gibt es in Chicago ungefähr 100.000 Chinesen, ein Zehntel davon lebt direkt im Chinatown-Bezirk, wo einige Gebäudeensembles im „chinese style“ errichtet wurden.

Martin Amanshauser

Nicht nur die Amerikaner denken positiv, sondern auch die chinesischen Amerikaner …

Martin Amanshauser

… und nicht alle Schilder, die sie anbringen, sind völlig eindeutig.

Martin Amanshauser

Goodbye Chicago: ein letzter Blick aus der East 24th Street in Richtung Loop, dem Herzen von Downtown.


Neues Buch! Die besten Martin-Amanshauser-Kolumnen aus dem „Schaufenster“ gibt es jetzt im Picus Verlag unter dem Titel „Typisch Welt, 111 Geschichten zum weiter Reisen“, 20,00 EUR. www.amanshauser.at

Martin Amanshauser
Kommentar zu Artikel:

483 Chicago / USA

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.