Amanshausers Album: Oktoberfest

26 - Die Oktoberfestrate nimmt beängstigend zu, die Produktion von Weißbier und Gemütlichkeit auch.

Schließen
(c) APA/dpa/Karl-Josef Hildenbrand

Sechseinhalb Millionen Menschen besuchen jährlich die Münchner Wiesn. Einst stolperte auch ich als finanzschwacher Spät-Teenie auf ihr rum. Wir wollten „Egons“ trinken, wie wir die Bierreste damals nannten, hatten aber nicht mit der Abservierkultur gerechnet – ein Schreckensregime. Ich blieb notgedrungen nüchtern. Eines Tages will ich da rein, hab jetzt Geld!

Heutzutage könnte ich quasi überallhin gehen. Beim „Qingdao Beer Festival“ (zwei bis drei Millionen Besucher) im August schäumt neben dem lokalen Tsingtao auch ein Paulaner zu gänzlich unchinesischen Preisen über. Meist wird jedoch an Orten gewiest, wo Deutsche einwanderten. Das kanadische Kitchener-Waterloo-Oktoberfest (700.000 Besucher) zu Thanksgiving setzt auf das Lederhosenmaskottchen „Uncle Hans“. Cincinnati veranstaltet seit 1976 das „Zinzinnati“-Oktoberfest, so sprachen das die Deutschen aus dem Einwandererviertel Over-the-Rhine aus – 500.000 Besucher an einem einzigen Wochenende, die „Cincinnati Donauschwaben“, Schinken und (na ja, auch egal) Crêpes! Das zweitgrößte US-Oktoberfest, in Frankenmuth, Michigan, wird sogar vom Hofbräuhaus gesponsert. Das Fest in Bowling Green, Ohio, serviert Würstel mit Sauerkraut und gelber US-Käsesauce, delicious! Weit südlich, in Blumenau, Brasilien, schunkeln 700.000 Leute zu deutschen Klängen, meinetwegen weniger „Gemütlichkeit“, aber halt besseres Wetter; und auch die Exkolonie Namibia trägt mit Windhoeks Wiesn etwas bei. Daneben florieren Dutzende von recht perversen Oktoberfesten, Typus Weißwurst auf dem Roten Platz (kein Wiesngras). Und vergessen wir nicht die deutschsprachigen, die Wiener Wiesn (bis 8. Oktober), die Züri-Wiesn, die von Hannover (die zweitgrößte Deutschlands) oder die in Hermannstadt, Rumänien.

Ein Oktoberfestkonjunktursjahrzehnt! Ist doch toll! Nur gestern, da fühlte ich ein leichtes Unbehagen, als am netten Jugolokal bei mir in Wien, Ottakringer Straße, Ecke Brestelgasse (liebe Korrektur: bitte nicht auf Brezelgasse ändern), blau-weiße Karos hingen und überm ­Eingang eine Fahne mit der Aufschrift: OKTOBERFEST.

www.amanshauser.at

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Amanshausers Album: Oktoberfest

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.