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Amanshausers Welt: 204 Ostsee

02.09.2010 | 15:02 |  von Martin Amanshauser  (Die Presse - Schaufenster)

Die Wiener Philharmoniker sind selbstverständlich keine Schiffskapelle – aber sie fahren nach Königsberg zu ihrem Gründer Otto Nicolai.

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Es gab wieder eine Menge böser Stimmen. Skandal – die Wiener Philharmoniker, berühmtestes Orchester der Welt, gehen im Sommer aufs Schiff! Wie eine x-beliebige Schiffskapelle! Im Jahr 2008 im Mittelmeer auf eine „Aida“, heuer durch die Ostsee auf „Mein Schiff“ (so lautet der Name des Schiffs). Clemens Hellsberg winkt ab: „Eine solche Kritik ist einfach absurd.“

Hellsberg, Mitglied des auf Vereinsbasis demokratisch konzipierten 140-Mann-Orchesters, aber auch so etwas wie Vorstand und Orchesterhistoriker in einem, sitzt auf der Fahrt zwischen Kiel und Tallinn im Kinosaal von „Mein Schiff“ und stellt sich den Fragen zu einem widersprüchlichen Thema, das für ihn überhaupt nicht widersprüchlich ist.

„Wir konzertieren in den Konzerthallen, wie immer – nur die Fortbewegungsart ist eine andere. Das Schiff ist das Hotel. Sonst gibt es keinen Unterschied zu jedem anderen Konzert außerhalb Wiens.“ War der Juli, der freie Monat, bisher unantastbar, gelang es dieses Jahr, ausreichend reisewillige Philharmoniker für die Konzerte zu finden. Die Musiker dürfen ihre Familien an Bord mitnehmen - ein halber Urlaub. Spannend dabei: Es müssen sich von jeder Instrumentengruppe genügend Teilnehmer melden. 70 Musiker sind an Bord, „in adäquater Besetzung, dem Repertoire entsprechend. Wir sagen nicht: Spielen wir halt die Ouvertüre ohne Posaunen“, zwinkert Hellsberg.

„Natürlich können wir an Bord proben. Wieso nicht? Der einzige Unterschied ist, dass der Weg zur Probe nicht eine halbe Stunde dauert, sondern vierzig Sekunden. Aber an Bord spielen? Absolut unmöglich. Der Sound ist schlimm, schlimmer als auf einem Kreuzfahrtschiff geht’s fast nicht. Man muss sich wahnsinnig bemühen, dass überhaupt was rausgeht. Das fängt beim Teppichboden an und geht über die Vorhänge . . . Insofern ist es kein schlechter Ort zum Proben, denn die Musiker müssen sehr genau spielen.“

Auf dem „Mein Schiff“-Trip treffen die Philharmoniker auf Valery Gergiev, Christian Thielemann, Rudolf Buchbinder und Kammersängerin Ildikó Raimondi, auf das internationale Kreuzfahrtpublikum aus 37 Nationen
(625 Deutsche, 490 Österreicher, aber auch ein Inder). Raimondi ist auch bei einem ganz besonderen Konzert dabei: Anlässlich des 200. Geburtstags von Otto Nicolai, dem Gründer der Philharmoniker, wird in dessen Heimatstadt Königsberg (Kaliningrad) das Jubiläumskonzert gespielt– neben Werken von Beethoven auch die Ouvertüre und eine Arie aus Nicolais berühmtester Oper, „Die lustigen Weiber von Windsor“. Es ist das erste Mal seit ihrem Bestehen, dass die Philharmoniker dort konzertieren, was Clemens Hellsberg besonders freut. „Weil es in Königsberg keinen Konzertsaal gibt, haben die für uns eine Halle adaptiert“, erzählt Hellsberg, „mit einem Fassungsvermögen für 6000 Leute.“ Weitere Stationen der Nicht-Schiffskapelle: das Konzerthuset von Stockholm, die Helsinki Finlandia Hall und das Mariinsky-Theater in St. Petersburg.

TIPP
Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, www.amanshauser.at

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