Amanshausers Welt: City Album / Berlin

Lokale quasi Wohnzimmer­land, Fernsehturm in Christenhand.

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(c) Amanshauser

Eine Nachwende

Wohnzimmer (Lettestraße 6): Nachwendepunkig am Prenzlauer Berg, zusammengewürfelte Möbel mit schrägen Typen darauf. „Liegen auf der Ottomane / Feenzauber oder Kaffeegedeck / Mittags so um 2 rauchen / [. . .] Velvet Underground und Rosen / Nun 13 werden wir / Rotes Licht bis morgens um halb 4“, lockt die Homepage. Nahe davon, für abends, das Soupanova (Stargarderstraße 24): Bier, Cocktails, indonesische Snacks und Suppen, Karaoke, Szenekünstler von Weltrang im Wohnzimmerformat, urige Klubstimmung mit Rauchabkrieggarantie.

Eine Überraschung

Berliner Fernsehturm (Alexanderplatz): Panstädtische Ausblicksetage seit 1969. Im Drehrestaurant darüber ist das Essen überraschend gut und preiswert (Suppe mit Würstchen), der Blick nach unten beweist, wie grün die deutsche Hauptstadt ist. Sympathische Sitzplatzpolitik: Auch zwei Leute erhalten immer einen eigenen Tisch und somit Fensterplätze. Vorreservierungen möglich,
ansonsten gilt: früh kommen, Schlangen bilden sich rasch, auch unten an den Aufzügen. Kuriosität: Zeit-
lebens kämpfte die DDR mit dem Gerücht, dass die
Sonnenreflexion an der Kugel, von Weitem als Kreuz sichtbar, von Regimefeinden oder gar von Gott eingeplant war – „die Rache des Papstes“.

Ein Salon

Literatursalon am Kollwitzplatz (Kollwitzstraße 53): Zwischen März und November an jedem ersten
Montag im Monat– in Ostberlins ältester und zugleich kleinster Off-Bühne, dem Theater o.N., einst einziges freies Theater der DDR. Heute spielt es meist Kindertheater „für Menschen ab zwei Jahren“. Im Salon selbst ist der legendäre Literatenkiez Prenzlauer Berg noch ganz gemütlich und bei sich selbst geblieben – völlig ohne Latte macchiato. Gastgeber Martin Jankowski stellt bei seiner Einladungspolitik seine Spürnase für zukünftige Stars und Wiederentdeckungen unter Beweis.

Ein See

Der Weiße See (in Weißensee), winzig, mittelsauber, ideal zum Wildbaden mit Vorstadtproletariern. Badeanstalt mit Sand, gegenüber das Lokal „Milchhäuschen“.

Ein Friedhof

Romantischer Alter Garnisonsfriedhof mit massenweise Romantikern (Lützow, de la Motte Fouqué), eine Oase im Stadtirrsinn, aufgelassen, immer offen, unverrostete gusseiserne Grabmale.

Ein Migrationshintergrund

Das „postmigrantische Theater“ Ballhaus Naunynstraße im Multikulti-Neukölln. Letzter Schrei, d. h. lange vorbuchen!

Ein Prater

Im Sommer Bierwiese unter Kastanien, im Winter Gaststätte. Guter Fleischkäse, grüne Weiße mit Schuss.

TIPP

www.amanshauser.at

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