Unterwegs

Vergessen

Wie lange merkt man sich lieb gewonnene Orte? Das Vergessen setzt rascher ein, als man glauben möchte.

Im Sommer 1998 verbrachte ich einen Monat in Nizza, um Französisch zu lernen. Ich war bei einer sehr netten Gastfamilie untergebracht, die in einem Jahrhundertwendehaus in einer Seitenstraße des Boulevard Gambetta lebte. Täglich, nach dem Unterricht, gingen wir von der Sprachschule bloß zwei Gassen weit zum Strand an der Promenade des Anglais, einem der angenehmeren Orte der westlichen Hemisphäre. Es war ein fantastischer Sommer, nicht nur wegen des französischen Sieges im Finale der Fußballweltmeisterschaft, dem ich mit Zehntausenden anderen vor einer Leinwand auf der Place Masséna beiwohnte.

So eine Erfahrung vergisst man nie. Oder doch? Über Allerheiligen und Allerseelen flohen wir dieser Tage dem Brüsseler Nebelgrauen an die Côte d'Azur. Das sollte mein längster Aufenthalt in Nizza seit damals sein, und somit boten sich auf unseren Spaziergängen durch die Stadt zahlreiche Gelegenheiten, die damals lieb gewonnenen Orte aufzusuchen. Doch ich scheiterte. Weder die Straße der Wohnung meiner Gastfamilie noch jenen Strandabschnitt, an dem wir täglich nach vollbrachter Beschäftigung mit Subjonctif und Passé simple faulenzten, konnte ich ausfindig machen. Immer und immer wieder suchte ich verbissen auf dem Stadtplan nach Anhaltspunkten: vergeblich.

Ich habe mich früher oft gewundert, wenn Zeitzeugen in Dokumentarfilmen die Orte ihrer Zeugenschaft Jahrzehnte später nicht mehr finden konnten. So etwas kann man doch nicht vergessen! Kann man doch. Vielleicht sollte ich beginnen, Tagebuch zu führen: der späteren Selbstvergewisserung wegen.

oliver.grimm@diepresse.com


Nächste Woche:
Timo Völker

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2017)

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