Die Eurokrise drückt dem Londoner Markt für Büroimmobilien ihren Stempel auf – sowohl im negativen als auch im positiven Sinne. Denn während der Mietmarkt in den letzten Quartalen sukzessive zurückgegangen ist, sind Investoren – vor allem solche aus rohstoffreichen Schwellenländern – äußerst aktiv. In einem von Unsicherheit geprägten weltwirtschaftlichen Umfeld sehen sie London – aktuell Austragungsort der Olympischen Sommerspiele – als relativ stabil an. Renditen für prestigereiche Adressen sind derzeit noch niedrig – aber immer noch um einiges höher als jene für sichere Staatsanleihen.
Im Vergleich zum Vorjahr hat sich allerdings die Stimmung in der Wirtschaftsmetropole deutlich verschlechtert. „Wir sehen derzeit viel Zurückhaltung. Die Eurokrise ist in diesem Zusammenhang nicht besonders hilfreich“, sagt Kevin McCauley, Senior Director bei CBRE in London. Das mache sich auch auf dem Mietmarkt für Büroimmobilien bemerkbar, wo es in den letzten Quartalen kein Wachstum gegeben habe. Übersiedlungspläne werden derzeit verschoben – vor allem im Finanzsektor.
„Die Zahl an Transaktionen ist in den letzten zwölf Monaten um acht Prozent zurückgegangen“, beschreibt James Roberts, Head of Commercial Real Estate bei Knight Frank, den Mietmarkt. Noch drastischer sei der Rückgang zwischen dem letzten Quartal des Vorjahres und dem ersten Quartal 2012 mit einem Minus von 26 Prozent ausgefallen. „London reflektiert das globale Wirtschaftsklima sehr genau“, berichtet Roberts über die vor einem Jahr noch weit entfernte Eurokrise.
Büro-Mietdeals noch in der Pipeline
Guter Dinge ist man beim Immobiliendienstleister Savills hinsichtlich eines Mietmarkts für Büroimmobilien, der bis Ende 2012 ein positives Wachstum erleben soll. Für Steven Lang, Director Commercial Research, geht die treibende Kraft von Central London aus. Das Gebiet erstreckt sich von der City über das Westend bis hin zu den Docklands.
„Bis zum Jahresende soll der Markt an Fahrt gewinnen, da sich einige Deals in der Pipeline befinden – für den Fall, dass sich die Krise in der Eurozone entspannt, wohlgemerkt“, gibt sich der CBRE-Experte skeptisch. Allerdings dürfe man nicht vergessen, dass es auch 2010 nicht viel gebraucht habe, um ein Comeback einzuleiten. Normalerweise würden der Londoner Miet- und Investmentmarkt einander spiegeln, erklärt Roberts. Das sei derzeit keineswegs der Fall. Im Gegenteil: Allein im ersten Quartal haben die Investmentdeals gegenüber dem letzten Quartal 2011 um 29 Prozent zugenommen. Auf der Basis von zwölf Monaten sind sie um 45 Prozent gestiegen. „London profitiert derzeit eindeutig von seinem Status als sicherer Hafen“, bestätigt McCauley diesen Trend.
Aktiv sind vor allem Investoren aus den Emerging Markets: In dem Geschäfts- und Bankenviertel Canary Wharf hat etwa die Qatar Investment Authority (QIA) im ersten Quartal das London-Hauptquartier der Credit Suisse im Rahmen einer Sale-and-Leaseback-Transaktion (bis 2034) gekauft. Der Staatsfonds hat für den Büroturm mit einer Gesamtfläche von rund 50.00 Quadratmetern 420 Millionen Euro hingelegt. Mit dem Permodalan Nasional Berhard (PNB) brachte im zweiten Quartal ein malaysischer Staatsfonds einen spektakulären Deal unter Dach und Fach. Die Objekte der Begierde: zwei Gebäude in der City mit einem Kaufpreis von 840 Millionen Euro.
Damit nicht genug: Medienberichten zufolge erkundigte sich PNB bereits nach weiteren Büroimmobilien. Die Renditen liegen in der prestigeträchtigen Canary Wharf bei rund vier Prozent. 5,25 Prozent betragen sie im Financial District in der City. „Investoren schauen sich bei so niedrigen Renditen normalerweise außerhalb Londons um“, erklärt Roberts, „da sie in anderen britischen Großstädten im Durchschnitt um ein Prozent höher sind als in der Hauptstadt.“ Aber ein Milliardär aus Hong Kong kenne nun mal nur Finanzplätze wie London, Paris oder Frankfurt.
Tech-Konzerne beziehen neue Flächen
Anlass zu leichtem Optimismus gibt der TMT-Sektor – damit gemeint sind Unternehmen aus den Bereichen Technologie, Medien und Telekommunikation – dessen Nachfrage nach Büroflächen allein im Vorjahr gegenüber 2010 um 50 Prozent gestiegen ist.
Während der Finanzsektor – bis auf wenige Ausnahmen, die sich im Wesentlichen auf die Versicherungsbranche beziehen – durch Inaktivität geglänzt hat, wurden neue Flächen im Ausmaß von 120.000 Quadratmetern bezogen. Sich erstmals in London angesiedelt oder den Standort innerhalb der Stadt gewechselt haben unter anderem Konzerne wie Apple, Facebook, Google oder Nokia – was sich auch auf das Angebot ausgewirkt hat. „Im historischen Kontext ist die Flächenverfügbarkeit mit sieben Prozent sehr niedrig“, weiß Roberts. Der langfristige Durchschnitt liege bei neun Prozent.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)
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