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Sebastian Herkner: Die Liebe zum Besen

27.09.2012 | 15:28 |  von Norbert Philipp (Die Presse - Schaufenster)

Ein neuer Name bei den großen Designherstellern: Sebastian Herkner mag das Echte, chinesische Besen und oft lieber Familien- als Designhotels.

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Designerkarrieren im Bilderbuch funktionieren in etwa so: Man stellt als junger Gestalter seine Prototypen und Ideen beim Salon Satellite während der Möbelmesse in Mailand aus. Irgendwann kommt Patrizia Moroso oder eine andere Hauptfigur des Möbeldesigns vorbei. Bleibt stehen. Und sagt ein ehrliches „Gefällt mir“. Nendo, Front Design, Stefan Diez und andere renommierte Designbüros haben ähnliche Kapitel geschrieben. Inzwischen weiß der deutsche Designer Sebastian Herkner aus Offenbach, dass er im Bilderbuch gelandet ist. Und trotzdem erst dabei ist, die ersten Seiten davon individuell mitzugestalten. In diesem Jahr rutschte er mit seinem Entwurf „Coat“ für Moroso und seinem „Bell Table“ für ClassiCon auf der Mailänder Möbelmesse endgültig in die Liga, in der die „Großen“ mitspielen. Das „Schaufenster“ sprach mit Sebastian Herkner über chinesische Besen und warum man von Menschen mehr lernen kann als von Maschinen.

In der Liga der : Designer Sebastian Herkner

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In diesen Tagen findet die Vienna Design Week statt. Verfolgen Sie, was in Wien im Designbereich passiert?  
Leider war ich noch nie während der Vienna Design Week vor Ort. Natürlich würde ich auch gern einmal ein Projekt dort machen. Vor allem das Format „Passionswege“ finde ich toll. Ich verfolge die Vienna Design Week über verschiedene Blogs. In Österreich gibt es ja eine Reihe von sehr interessanten Manufakturen. Ich denke da nur an Lobmeyr, zum Beispiel.


Welche Rolle spielt denn traditionelles Handwerk in Ihrer Arbeit? 
Ich mag echte Materialien und traditionelles Handwerk. Ich mag Produkte, in denen viel „Mensch“ drinnensteckt. Natürlich brauchen wir auch Technologie, Laser und das ganze Zeug. Aber im Kontakt mit Menschen lernt man sehr viel. Mehr als im Kontakt mit Maschinen. Bei mir ist geht vieles stark vom Material aus. Oder von einem Handwerk. 


Wie äußert sich das bei Ihren aktuellen Entwürfen, die Sie in diesem Jahr in Mailand präsentieren durften? 
Den Glasteil des „Bell“-Tisches für ClassiCon etwa, den hat ein Glasbläser im bayerischen Wald geblasen – der letzte in Deutschland, der das in dieser Größe und Farbe machen kann. Viele sind ja aus Kostengründen in andere Länder gegangen. Aber dieser Tisch wird zu hundert Prozent in Deutschland gefertigt. Es ist mir ein Anliegen, das hiesige Know-how zu unterstützen. Das ist mir wichtig, und das macht mir Spaß. Mit diesen Leuten zusammenzuarbeiten und zu sehen, wie der Tischfuß geblasen wird – ein Prozess von 20 Arbeitsschritten –, faszinierend! Auch bei Moroso war das großartig. Einer der Prototypenbauer dort macht das seit mehr als 30 Jahren. Einen besseren kann man da kaum finden. Der weiß ganz genau, wie jede Naht laufen muss.


Wie ging denn das Projekt mit Moroso vonstatten?
Letzten Dezember habe ich zum ersten Mal das Konzept für das Sofa „Coat“ bei Patrizia Moroso präsentiert. Sie hat einmal meine geflochtenen Körbe „Bask“ beim Salon Satellite gesehen und fand sie gut. So ist der Kontakt entstanden. Die ersten Male, als ich mich mit Patrizia getroffen habe, haben wir über alles Mögliche gequatscht. Kunst, Architektur, Urlaub und den heiligen Sebastian. Zwischen uns hat sich eine gute Beziehung entwickelt. Was ja sehr wichtig ist, weil es bei Design ja immer auch um Emotionen geht. 


Was ist das Besondere am Entwurf von „Coat“?
Das Konzept geht ja vom Material aus. Der Stoff ist bedruckt mit einer Antirutschbeschichtung, wie man das auch von Kindersocken kennt. Ich wollte ein bequemes Sofa machen, das nicht wegrutscht, wenn man sich einfach draufschmeißt. Die ersten Drucktests dafür habe ich mit einer kleinen Siebdruckerei bei uns in Offenbach gemacht.


Das Projekt mit ClassiCon nahm einen ähnlichen Anfang . . .
Ja. Das war auch ein Prototyp, den ich erstmals im Rahmen des Salon Satellite präsentiert habe. Der Geschäftsführer von ClassiCon hat ihn gesehen und wollte ihn produzieren. Und die Resonanz ist ein Wahnsinn. Klar, zu Moroso würde der Tisch nicht passen. Es ist eben ein klassisches Objekt. Natürlich ist es immer wichtig, die DNA einer Firma zu greifen und zu kapieren. Und dabei auch etwas zu entwerfen, was einen selbst auch widerspiegelt.


Das heißt, Sie finden sich gleichermaßen bei den unterschiedlichen Philosophien von Moroso als auch ClassiCon wieder?
Ich kann mich mit beiden Zugängen identifizieren. Aber es gibt Firmen, für die ich nicht arbeiten würde. Weil mir etwa das Material nicht gefällt. Oder das Portfolio. Und dazu gehören auch Topfirmen. Ich bin zum Beispiel überhaupt kein Kunststoff-Fan. Ich mag echte Materialien. 


Neben Ihrem Zugang, der über das Material kommt – welche inhaltliche Komponente geben Sie Ihren Objekten gern mit?
Der „Bell Table“ hat ja schon etwas Spezielles. Dadurch, dass ich die Materialien umgedreht habe. Das Glas, der transparente, leicht anmutende Teil, ist der Fuß. Und der schwer anmutende Teil, das Metall, das Massige, ist die Tischfläche. Diese Irritation hat etwas Frisches. Und dadurch bleiben die Leute auch stehen. Trotzdem ist der Entwurf klassisch. Messing kennt man ja noch von Omas Zeiten. Glas kennt man auch. Aber in dieser Kombination eben noch nicht. Das ist das Spiel von Bekanntem und Überraschendem. Design ist ja auch ein ökonomisch streng kalkulierter Prozess.


Wie viel Spielraum bleibt dabei eigentlich noch für die Spielerei? 
Bei Moroso durfte der Entwurf natürlich ein wenig verspielter sein. Das sieht man auch in den ungewöhnlichen Farbkombinationen von Orange, Braun und Gelb. Das ist keine konservative Farbigkeit. Da hat man einen größeren Spielraum. Das macht auch die Marke aus.


Was verändert sich für Sie durch die Aufmerksamkeit, die Sie in letzter Zeit in der Designbranche bekommen?
Es ist natürlich ein Wahnsinn. Da ist man acht Monate mit allen Emotionen bei der Entwicklung dabei. Das Baby reift auf deinem Schreibtisch, in deinem Kopf. Und dann steht es auf der Messe und dein Name steht darunter. Irgendwie ist das noch alles surreal für mich.


Aber Sie sind in Offenbach geblieben, wo Sie studiert haben.
Ja, dort habe ich alles, was ich brauche. Mein soziales Umfeld, meine Kontakte, die Hälfte meiner Kunden ist im Ausland. In Frankfurt bin ich in fünf Minuten. Viele fragen, warum bist du nicht nach München oder Berlin gegangen. Jetzt kann ich sagen, es klappt ja auch von Offenbach aus. Bis vor Kurzem habe ich noch in meiner Wohnung gearbeitet. Jetzt habe ich ein eigenes Büro. Der Platz hat einfach nicht mehr gereicht. Es sammelt sich zu viel an. Da bringt man mal eine Schale mit nach Hause und dann wieder einen Besen.


Sie sammeln Besen?
 Ja, ich sammle ja Besen. Seit ich in China war. Bambusbesen oder Kokosfaserbesen, die stehen dort souverän neben der Haustür. Die werden dort nicht versteckt in der Kammer oder der Garage. Ich habe tausende Besen gesehen, dann habe ich mir fünf Stück gekauft, in der Nacht im Hotelzimmer habe ich noch die Stiele abgesägt, damit sie in den Koffer passen. Seither bringe ich mir von jeder Reise Besen oder kleine Bürsten mit. Alles, was irgendwie kehrt. 


Würden Sie gern einmal einen Besen gestalten?
Ja, klar. Ich hab Fotostrecken gemacht von wunderschönen Besen und auch Wischmobs. Die Menschen haben in anderen Kulturen ein ganz anderes Verständnis und eine ganz andere Wahrnehmung von den Dingen. Und das ist natürlich wahnsinnig inspirativ. Das macht das Reisen für mich so spannend.


Also sind Sie ständig am Beobachten? 
Das ist auch manchmal lästig. Man beurteilt alles. Deswegen finde ich alteingesessene Hotels manchmal besser als Designhotels, die schlecht gestaltet sind. Ein Familienhotel kann authentischer sein als ein zwei Jahres altes Designhotel. •

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