Die Ottakringer Straße durchquert mühelos sämtliche Klischees, die sich in einer Stadt wie Wien so aneinanderfädeln können. An allen Migrantenstereotypen vorbei zieht sie sich vom Gürtel weg, hinaus in Richtung Vorstadtwirtshaus und Heurigen. Als würde sich dort hinten am Rande des Wienerwaldes irgendwo die gute alte Zeit verstecken. An der Nahtstelle von Ottakring und Hernals hängen noch die Sacherwürstel beim Fleischer ums Eck, als wäre nichts gewesen. Inzwischen liegen die Trikots der Fußballklubs Partizan und Roter Stern Belgrad genauso selbstverständlich in der Auslage. Denn passiert ist rund um die Ottakringer Straße zuletzt recht viel. Und man weiß nicht mehr so recht, wohin die Straße führen soll. In verklärt-gemütliche Wiener Nostalgie? In eine ungewisse Zukunft, neu durchmischt? Der oberflächliche Betrachter kann sich erst gar nicht entscheiden, ob sie am Ende ist oder doch am Anfang steht von etwas Neuem. Und weil sich des Neuen traditionellerweise die Designer annehmen, werden sie nun eben losgeschickt, mitten in die Ottakringer Straße hinein.
Das Tolle: Designer entdecken, wo andere Leere vermuten, eine Fülle – an Möglicheiten, Potenzial, Handwerkskünsten. Hier spüren sie mit kreativ-empathischen Antennen hinein. Und nun richten sie ihre Nasen und Augen plötzlich auf Würstel, auf die Bürsten einer Manufaktur. Eine Druckmaschine bezieht Position auf dem Brunnenmarkt. Eine „Zerstörungsmaschine“ verheißt im „Gschwandner“ Elektrogeräten ein zweites Leben. Das Gasthaus Gruber in der Kalvarienberggasse sperrt seine Halle hinterm Schanigarten auf und lässt dort deutsche Designer machen. Ja, es ist wieder Vienna Design Week. Dass sich die Dinge rundherum manchmal scheinbar wie von selbst verändern, das haben die Ottakringer schon erlebt. Und jetzt dürfen sie zusehen, dass dahinter auch ein Wille stehen kann. Und dahinter wiederum ein Designer, der nicht nur Gegenstände neue Formen annehmen lässt. Sondern damit auch jene Dinge, die passieren können in den Stadträumen. Und zwischen den Menschen. „Stadtarbeit“ heißt schlüssigerweise ein Format des Designfestivals. Die einen nennen es unter Etikettierungsdruck „Social Design“, die anderen sagen: Es tut sich was.
Rau statt aalglatt. Die „Stadtarbeiter“ kommen ohne das Kapperl eines Magistrats und ohne offizielle Mission. Sie streuen ihre Ideen in Ecken, die es nötig haben. Und docken sanft dort an, wo die Akteure der Stadt schon längst für ihr Grätzel rackern. Bei der Gebietsbetreuung, sozialen Institutionen. Aber auch bei „lokalen Phänomenen und Produktionskulturen“, wie Tulga Beyerle, eine der beiden Direktorinnen der Vienna Design Week, erklärt. Denn, sagt die andere, Lilli Hollein: „Die Vienna Design Week will schließlich nicht einfach eine weitere Design Week sein.“ Davon gibt es genug in Europa. Sie will nun mal jene sein, bei der zu Recht „Vienna“ davor steht. Und dazu darf das Design auch mal aus dem Hochglanzmantel schlüpfen, den ihm viele Klischeevorstellungen automatisch umhängen. Und dazu soll sich das Design auch ausgiebig an den etwas raueren Seiten der Stadt jenseits des Gürtels reiben. Die Vienna Design Week ist keine Produktausstellung. Und trotzdem eine Leistungsschau. Nicht von Dingen, hinter denen Hirn, Herz, Schweiß und Marketing gestanden sind. Sondern davon, was Design kann. Und in Zukunft noch könnte.





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