Licht und Wärme, hausgemacht

19.10.2012 | 18:32 |  WOLFGANG POZSOGAR (Die Presse)

Drei Berufe und eine Bauweise: Ein Baumeister, ein Energieberater und ein Architektenpaar haben sich als Eigenheim ein ressourcensparendes Haus geschaffen.

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Steigende Energiepreise bringen den niederösterreichischen Baumeister Jürgen Höller nicht mehr aus der Ruhe. Denn er wohnt seit einem Jahr in einem Plusenergiehaus: „Die Unabhängigkeit von den Energiemärkten war ein Grund für mich, dieses Haus zu bauen. Selbst wenn heute die Strompreise um das Doppelte steigen sollten, tut mir das nicht weh“, sagt er. Die Stromrechnung für sein Haus in Sommerein mit einer Wohnnutzfläche von 250 Quadratmetern beträgt lediglich 540 Euro pro Jahr – in dieser Summe sind sämtliche Energiekosten inkludiert.

Fällig ist der Betrag nur deshalb, weil der Baumeister Leitungskosten bezahlt. An sich erzeugt Höller mit seiner Fotovoltaikanlage mehr Strom als er verbraucht. Allerdings tagsüber, da fließt „seine“ Energie ins Stromnetz, in den Abend- und Nachtstunden, wenn der Strom benötigt wird, bezieht Höller die elektrische Energie aus dem Netz.

Seine weitgehende energetische Unabhängigkeit macht sich bezahlt: „Die Kosten für die Fotovoltaikanlage werden sich bei mir innerhalb von zehn Jahren amortisieren“, sagt er. Allerdings konnte er die Solarzellen noch mit der mittlerweile abgeschafften fünfzigprozentigen Förderung erwerben. Die Wärmepumpe liefert nicht nur für die Wohnraumlüftung, sondern auch für den Betrieb einer Fußbodenheizung Energie: „Auf letztere sollte man bei so einem Projekt nicht verzichten“, meint der Baumeister, „denn wenn die Heizung nur über die Lüftungsanlage erfolgt, kann es etwa nach dem Skiurlaub oder bei längeren Perioden ohne Sonne kühl im Haus werden.“ Komfort bringt die CO2-Steuerung der automatischen Wohnraumlüftung: „Sie vermeidet, dass die Luft zu trocken wird“, erzählt Höller, der sich seit fünf Jahren in seiner Arbeit auf den Bau von Passivhäusern konzentriert.

 

Graue Energie berücksichtigen

Das berufliche Umfeld war ebenfalls für Martin Brunn Anlass, für sich und seine Familie ein Plusenergiehaus zu bauen. Brunn arbeitet im Energieinstitut Vorarlberg und ist dort für die Themen Bauphysik und Energieausweis zuständig. Ihm war es wichtig, bei seinem Hausbau umzusetzen, was er in der Erwachsenenbildung vermittelt.

Sein Haus in Hard liefert nicht nur mehr Energie, als die Bewohner verbrauchen, sondern mehr als insgesamt im Bau stecken: „Wir haben bei unseren Berechnungen auch die graue Energie berücksichtigt, also jene Energie, die für die Herstellung der verwendeten Bauprodukte anfällt. Und in dieser Gesamtrechnung fällt die Energiebilanz positiv aus“, erzählt Brunn. Die wichtigsten Baumaterialien bedurften allerdings keiner energieintensiven Produktion und sie mussten keine weite Reise zurücklegen: Das Holz stammt aus dem eigenen Wald, das Dämmmaterial Stroh wurde bei einem lokalen Händler gekauft.

 

Fotovoltaikanlage als Energiequelle

Gewonnen wird die Energie für Brunns Haus mit einer relativ großen Fotovoltaikanlage: 50 Quadratmeter Solarzellen finden sich auf dem Dach des Wohnhauses, weitere 60 Quadratmeter auf einem Nebengebäude, die Gesamtleistung beträgt elf Kilowatt-Peak (Spitzenleistung). Für Warmwasser und zur Heizungsunterstützung gibt es außerdem noch 15 Quadratmeter Solarkollektoren sowie einen 1860 Liter großen Pufferspeicher. Brunn installierte, um die Wohnfläche behaglicher zu machen, eine zusätzliche Holzheizung: „Ein offenes Feuer gibt eine besondere Form der Wärme, die wir sehr schätzen“, sagt er. Alle zwei bis drei Tage wird im Winter eingeheizt. Das Brennmaterial – das sind drei bis fünf Raummeter Holz pro Heizperiode – stammt für die nächsten Jahre aus dem Elternhaus, das zuvor an dieser Stelle stand, dann kommt es aus dem Eigenwald. Die beiden Bauherren und ihre Familien zeigen sich mit ihren Plusenergiehäusern bislang zufrieden: Der Wohnkomfort sei hoch, die zusätzliche Technik mache keine Probleme.

Das Kärntner Architekten-Ehepaar Ronacher hat sich bei seinem Zuhause ebenfalls für diese Bauweise entschieden. Es hat ein unmittelbar neben seinem Büro gelegenes altes Bauernhaus in ein Plusenergiehaus umgebaut. Es umfasst drei Ferienwohnungen sowie einen Seminarraum, der in einem Neubau untergebracht ist.

 

Forschen für das Eigenheim

Auslöser für das Konzept war ein Forschungsprojekt: „Gerade als wir vor der Frage standen, was wir mit dem Bauernhaus tun sollten, wurde ein Forschungsauftrag über die Aufrüstung eines Altbaus zu einem Energieplushaus ausgeschrieben“, erzählt Herwig Ronacher. Mit den Forschungsförderungsmitteln – rund zehn Prozent der Baukosten – machte sich das Architekten-Ehepaar ans Werk und entwickelte Lösungen, um den Altbau in die Energiezukunft zu bringen: „Wir haben beispielsweise das Steinmauerwerk innen mit 60 Zentimeter Zellulose gedämmt“, erzählt Ronacher. Rein rechnerisch hätte es bei dieser Konstruktion zu Kondensatbildung kommen können, aber sowohl in einem Feldversuch als auch im umgesetzten Projekt gab es keine Probleme.

 

Stromnutzung optimieren

Für die Energiegewinnung wurden auf einem zweiten Gebäude Fotovoltaikmodule mit einer Leistung von 9,24 Kilowatt-Peak sowie Solarkollektoren installiert. Die Heizenergie wird hauptsächlich über eine Wärmepumpe aus 80 Meter Tiefe gewonnen. Die Wärmeverteilung erfolgt über Fußboden- beziehungsweise Wandheizelemente. Die Fotovoltaik ist mit zwei weiteren Anlagen des Bürogebäudes in herkömmlicher Bauweise vernetzt: „Dadurch können wir die Stromnutzung optimieren, da wir hier unter der Woche maximalen Verbrauch haben, im sanierten Altbau am Wochenende“, sagt Ronacher.

Das energetische Konzept wird noch ein Jahr beobachtet, dann erfolgt eine Bilanz. „Nach den bisherigen Ergebnissen glaube ich, dass wir mehr Strom erzeugen, als wir verbrauchen“, meint der Architekt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2012)

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