Wohnen als großes Theater

26.10.2012 | 18:48 |  DANIELA TOMASOVSKY (Die Presse)

Themen-Wohnen liegt im Trend, sagen Experten. Wichtig ist, dass Architekten und Planer eine emotional verdichtete Atmosphäre schaffen. Das stiftet Identität.

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Weil der Sand am Grund seines Badesees nicht mit der Farbe des Klubhauses harmonierte, ließ Frank Stronach diesen gleich zweimal austauschen. Mitte der 1990er-Jahre wurde der Austro-Kanadier mit seinem Vorhaben, einen Wohn- und Freizeitpark nach amerikanischem Vorbild in Niederösterreich zu errichten, noch milde belächelt. Heute gibt ihm der Erfolg recht: Der Fontana Wohnpark ist nicht nur ausverkauft, es wurden mittlerweile 25 weitere Grundstücke angehängt, außerdem sind 45 zusätzliche Grundstücke bereits geplant und ausreserviert.

Im nahen Ebreichsdorf soll ein ähnliches Projekt entstehen – der Badeteich ist jedenfalls schon angelegt. Auch im burgenländischen Parndorf wurden vor eineinhalb Jahren die Villagio-Seeresidenzen eröffnet: Liegenschaften um einen Baggersee, die eine „hohe Lebensqualität“ und eine „exklusive Privatsphäre“ versprechen. Von den 151 Parzellen sind bereits 92 verkauft. Sind derartige „Gated Communities“ also ein Zukunftstrend auf dem Immobilienmarkt? Ja, glaubt der Entertainment-Experte Christian Mikunda: „Es gibt die Sehnsucht, dass das Wohnen einen glamourösen Freizeittouch hat. Für Golfer ist es natürlich ein Paradies, am Golfplatz zu wohnen. Anlagen wie Fontana kommen dem Chill-Bedürfnis der Menschen entgegen.“

 

Wohnen am Golfplatz

Hartmut Mayer, Rechtsanwalt in der Innenstadt und einer der ersten Bewohner in Fontana, bestätigt das: „Als wir 1997 eingezogen sind, war der Plan, das Haus als Wochenend- und Sommerwohnsitz zu nutzen. Mittlerweile ist es unser zweiter Hauptwohnsitz geworden. Ich fahre in der Früh eine halbe Stunde in die Kanzlei – und zum Golfen habe ich überhaupt keine Anreise.“ Der Badesee, das gemeinsame Fitnesscenter und der Blick auf den Schneeberg seien Goldes wert. „Die Häuser sind sehr amerikanisch gestaltet – das kann einem gefallen oder nicht. Ich finde den einheitlichen Stil besser, als wenn einer tirolerisch baut, der andere modern,“ so der Jurist. Anfangs wurden die Häuser in Fontana von der Entwicklungsgesellschaft gebaut – mittlerweile sind nur noch die Pläne vorgegeben, der Kunde baut selbst.

 

Die Kobra im Garten

Soziologen kritisieren das Konzept der Gated Communities – sie würden der Gesellschaft schaden, indem sie Abgrenzung statt Integration fördern. Mikunda: „Gated Communities sind wegen der Gefährlichkeit der Welt entstanden. Wenn man als Europäer nach Kuala Lumpur geht, gibt es schon gute Gründe, in so etwas zu wohnen. Da gibt es etwa einen eigenen Sicherheitsdienst, der dafür sorgt, dass sich keine Kobra in den Garten eines Bewohners verirrt – kein unübliches Ereignis in Malaysia.“

In Österreich spiele der Sicherheitsaspekt eine untergeordnete Rolle. Das erleichtere die Akzeptanz der Gated Communities: „Ihre positiven Seiten – wie Ablauferleichterung oder Identitätsschaffung – kommen ohne den negativen Abgrenzungseffekt stärker zur Geltung.“

Mikunda selbst hat am Orchideenpark in Wien XIX und an der Campus Lodge in Wien II mitgewirkt. Bei beiden Projekten gibt es Concierge-Services. Und bei beiden Projekten zog Mikunda eine eigene Dramaturgie durch: „Der Orchideenpark ist auf den ehemaligen Rothschild-Gründen, daher der Name. In der Eingangslobby gibt es etwa einen Tisch, in den Orchideen eingepflanzt sind.“ Die Campus Lodge in der Nähe des neuen WU-Gebäudes ist auf die Bedürfnisse junger Wissenschaftler und Studenten zugeschnitten. „Für sie wollen wir ein ,home away from home‘ schaffen. Eine Lodge ist traditionell das Gästehaus neben der großen Villa. Diese Bedeutung wird auch in der Architektur thematisiert.“

Thematisiertes Wohnen ist – aus England kommend – groß im Trend. In London haben sich die Docklands zu einem Geschäftszentrum und zu einer exklusiven Wohnanlage entwickelt, und fast überall boomt der Ausbau alter Fabriken oder Industrielofts. Solche Projekte gelingen, wenn sie eine emotional verdichtete Atmosphäre schaffen. „Dazu muss bei den Planern ein gutes Gefühl für Design und Authentizität vorhanden sein,“ sagt Mikunda.

So neu sind Gated Communities übrigens nicht. „Wien hat mit dem Schrebergarten eine frühe, authentische Form der Gated Community geschaffen.“

Mikunda selbst würde nie in einer Gated Community wohnen. „Ich bin am Stadtrand aufgewachsen und genieße das Privileg, jetzt im Zentrum zu wohnen. Ich sehe von meinem Arbeitszimmer auf die Ringstraße, auf den Donaukanal und die Fiaker. Ich zehre von der natürlichen Aufgeladenheit des Stadtlebens – und die Altbauwohnung mit ihren hohen Räumen ist ja auch schon eine Theaterkulisse.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2012)

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