Niedrige Zinsen locken zum Hauskauf

02.11.2012 | 18:46 |  von Beate Lammer (Die Presse)

Der Mut zur eigenen Immobilie wächst. Experten führen das auf die historisch niedrigen Zinsen zurück. Vor allem eine variable Verzinsung ist gefragt. Ob sie ratsam ist, hängt von der finanziellen Lage ab.

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Die niedrigen Zinsen lassen die Menschen vermehrt zu Immobilien greifen. Anleger kaufen Häuser und Wohnungen, weil es kaum renditeträchtige Alternativen gibt. Doch auch Selbstnutzer ziehen derzeit häufiger den Erwerb einer Immobilie in Betracht als noch vor einem Jahr.

So gaben 64 Prozent der Befragten bei einer Umfrage von Immobilienscout24 und Interhyp an, sich den Erwerb einer Immobilie leisten zu können, ohne ihre Konsumgewohnheiten einschränken zu müssen. Nur 27 Prozent rechnen mit Einschränkungen. Vor einem Jahr waren es 44 Prozent. Für die Umfrage sind 3700 Kaufinteressenten in Deutschland und Österreich befragt worden, jeder Fünfte suchte eine Immobilie zu Anlagezwecken, die anderen wollen selbst darin wohnen.

 

Über Aufschlag verhandeln

Die Experten führen diesen „Mut zum Immobilienerwerb“ auf die niedrigen Zinsen für Immobilienkredite zurück, die sich seit Monaten auf historisch tiefem Niveau bewegen. Auch 31 Prozent der Befragten gaben an, dass das Zinsniveau das wichtigste Kriterium bei der Frage sei, ob die Zeit reif für einen Haus- oder Wohnungskauf ist. 24 Prozent meinen, man soll primär dann zuschlagen, wenn man eine geeignete Immobilie gefunden hat, 18 Prozent, wenn man genug verdiene.

Die Mehrheit will die Immobilie zum Teil kreditfinanzieren. Nur zehn Prozent brauchen oder wollen gar kein Darlehen, 15 Prozent wollen Haus oder Wohnung zur Gänze fremdfinanzieren. Wer sich deswegen einschränken muss, tut das am ehesten beim Auto (12,7 Prozent), Urlaub (elf Prozent) oder beim Ausgehen (zehn Prozent).

Tatsächlich liegt der Dreimonatseuribor, jener Zinssatz, der als Basiszins für viele Kredite gilt und zu dem es dann einen fixen Aufschlag gibt, bei 0,196 Prozent. Zum Vergleich: Anfang 2008 waren es 4,66 Prozent. Das drückt auch die Zinsen der Kreditnehmer nach unten: Laut der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) betrugen die Hypothekarkreditzinsen bei Neuabschluss im Juli im Schnitt 2,62 Prozent (dabei liegen variable Zinsen meist unter diesem Schnitt, fixe darüber). Vor einem Jahr betrug der Schnitt noch 2,93 Prozent.

Die Arbeiterkammer rät, sich nicht von den niedrigen Zinsen blenden zu lassen, sondern mit der Bank lieber über möglichst geringe Aufschläge zu verhandeln. Denn die Aufschläge bleiben über die gesamte Laufzeit stabil. Auf den Basiszinssatz hat man hingegen wenig Einfluss. Steigt er, hat das allerdings unangenehme Auswirkungen, wenn man variable Zinsen vereinbart hat.

Variable Zinsen sind derzeit deutlich niedriger als fixe– und daher auch beliebter. „Die meisten Kunden ziehen variable Zinsen vor“, sagt Katja Fries, Finanzierungsexpertin bei der Erste Group. Dabei sollte man ihrer Meinung nach bedenken, dass es mit den Zinsen nicht mehr stark nach unten gehen kann, nach oben aber schon. Sie rät daher, die Zinsen zumindest teilweise abzusichern. „Fixzinsen sind zwar derzeit höher als variable, trotzdem waren sie noch nie so günstig“, meint Jürgen Dostal, Leiter des Produktmanagements bei der Bawag P.S.K.

Bei fixen Zinsen hat man die Sicherheit, dass die monatliche Rate stabil bleibt, auch wenn im Lauf der Jahre die Zinsen wieder anziehen. Fixzinsangebote gibt es meist für bis zu zehn Jahre, aber kaum für 25 Jahre. Doch haben sie zu Beginn der Laufzeit auch die stärksten Auswirkungen. „Die Zinsbelastung ist am Anfang der Laufzeit am größten“, erklärt Dostal. Gegen Ende der Laufzeit machen die Zinsen nur noch einen kleinen Teil der Rate aus, der Großteil entfällt dann auf die Tilgung.

 

Zinsdeckel bei Bauspardarlehen

Ob man zu fixen oder variablen Zinsen greifen soll, hänge auch von der Einkommenssituation ab, sagt Fries. Wer ein hohes verfügbares Einkommen hat und eine steigende Kreditrate leicht verkraften kann, kann von den niedrigen variablen Zinsen profitieren– mit dem Risiko, dass sie steigen. Wer sehr knapp kalkulieren muss, sollte fixe Zinsen wählen. Oder einen sogenannten „Zinscap“ kaufen. Dann bekommt man, wenn die Zinsen über eine bestimmte Höhe klettern, Geld zurück. Er kostet allerdings Geld. Wenn die Zinsen nicht so stark steigen, hat man das Geld umsonst ausgegeben. Eine Gratisdeckelung bei sechs Prozent hat man bei Bauspardarlehen. In Niedrigzinsphasen ist das allerdings wenig attraktiv.

 

Eltern springen oft ein

Die gute Nachricht: Nicht immer benötigen die Käufer so viel Geld, wie sie angenommen haben. Oft stelle sich beim Beratungsgespräch heraus, dass es Fördermöglichkeiten gebe oder Eigenmittel vorhanden seien, berichtet Dostal.

Nicht zuletzt hängt die Höhe der Kreditrate auch von der Länge der Laufzeit ab– und diese wiederum vom Alter des Kreditnehmers: Je jünger, desto eher erhalte man sehr langfristige Finanzierungen. Ein 60-Jähriger dürfte sich dagegen schwertun, einen Kredit mit 25 Jahren Laufzeit zu erhalten. Wer ganz sichergehen will, dass er sich die Kreditrate auch im Fall von Arbeitslosigkeit oder Berufsunfähigkeit leisten kann, kann dafür eigene Versicherungen abschließen. Im Fall von Arbeitslosigkeit zahlen die Versicherungen aber nur für eine bestimmte Zeit, etwa ein Jahr.

Viele Hausbauer oder Wohnungskäufer finden noch eine weitere Alternative zum Sparen und Schuldenmachen: Wie eine Umfrage der ING Group zeigt, lassen sich 40 Prozent der Österreicher beim Kauf der ersten Wohnung von den Eltern finanziell unter die Arme greifen. Viele Kunden kämen während der Laufzeit auch zu Kapital, etwa durch Erbschaften, berichtet Dostal. So seien sie häufig in der Lage, den Kredit nach der halben Laufzeit zurückzuzahlen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.11.2012)

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