Nachhaltigkeit: Die Dämmung, die nachwächst

Natürliche Dämmstoffe wie Hanf fristen auf dem Bau nach wie vor ein Nischendasein. Zu Unrecht, sagen die Experten, und verweisen auf seine günstigen Eigenschaften.

Schließen
www.naporo.com

Es gibt kaum etwas Gutes, das nicht schon über ihn gesagt worden wäre: Er benötigt kaum Dünger, keinen Pflanzenschutz und hat einen hohen Hektarertrag. Hanf ist ein höchst genügsames und gleichzeitig multifunktionales Gewächs, das sich auch als Gebäudedämmung bewährt. Ein Beleg für seine bauliche Wertschätzung ist die Verleihung des diesjährigen Klimaschutzpreises an die Fassadendämmung aus österreichischem Hanf der Firma Naporo. Die von ORF und Lebensministerium initiierte Auszeichnung würdigte konkret die Entwicklung der Hanffaserplatte, die aus sämtlichen Teilen der Pflanze besteht. „Hanf dämmt so gut wie EPS“, sagt Naporo-Geschäftsführer Robert Schwemmer. Der gängige Dämmstoff EPS, also expandiertes Polystyrol, hat als Erdölprodukt aus ökologischer Sicht einen eher fragwürdigen Ruf, ganz im Gegensatz zu Hanf. „Die Hanfdämmstoffe sind CO2-positiv. Sie binden also während des Wachstums mehr CO2, als bei der Herstellung freigesetzt wird“, sagt Schwemmer.

 

Atmungsaktive Speicherung

Der atmungsaktive Hanfdämmstoff kann Energie speichern und zeitversetzt wieder abgeben, minimiert also nicht nur den winterlichen Einsatz der Heizung, sondern auch den der Klimaanlage im Sommer. In Ökobilanzen wird dem Nutzhanf eine Wärmeleitfähigkeit zwischen 0,065 und 0,070 W/mK bescheinigt, damit dämmt er in einer Liga mit anderen Naturmaterialien wie Flachs oder Holzfasern. Abseits von Kenn- und Richtwerten liegen die Unterschiede zwischen den Dutzenden Dämmstoffen auch in der praktischen Handhabung. Hanf eilt eher der Ruf unpraktischer Handhabung voraus. „Die Verarbeitung unterscheidet sich bei Dämmmatten aber nicht wesentlich von Matten aus anderen Materialien wie etwa Schafwolle, Flachs und Mineralwolle“, betont Philipp Boogman, Leiter der Materialökologie am Österreichischen Institut für Bauen und Ökologie (IBO). Anders als Dämmstoffe aus nachwachsenden Rohstoffen jucke Mineralwolle jedoch trotz geänderter Faserstruktur auf der Haut. Es drängt sich die Frage auf, warum Hanf-Isolierung in Österreich nach wie vor eher zögerlich eingesetzt wird. „EPS ist bei Wärmeverbundsystemen deshalb so marktbeherrschend, weil es am kostengünstigsten ist“, sagt Boogmann. Infolge seiner guten Dämmwerte werden eher geringere Mengen des konventionellen Materials benötigt, während es gleichzeitig in großindustriellem Maßstab erzeugt wird. Hanf hingegen muss sich in Österreich mit einer Anbaufläche zwischen 1000 und 1300 Hektar begnügen. Boogmann sieht darüber hinaus in der Umgewöhnung eine gewisse Hürde: Einen eher unkonventionellen Dämmstoff zu verwenden erscheine vielen als zu umständlich.

 

Lobbying für Nutzhanf

Um solche Barrieren abzubauen, arbeitet die deutsche Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) unter anderem an einer „Stärkung des Verbrauchervertrauens durch Öffentlichkeitsarbeit und Beratung“. Eine vergleichbare österreichische Institution, die ähnliche Ziele verfolgt, ist Klima:aktiv Nawaro Markt. Auch Initiativen wie das niederösterreichische Hanferlebniszentrum tragen − etwa mit Hanferlebnisführungen und einem Erlebnisspielplatz namens Hanftasia– das Ihre zur Verbreitung der Nutzpflanze bei. Mit anderen, nämlich finanziellen, Mitteln unterstützt das Lebensministerium im Rahmen des Projekts „Thermische Gebäudesanierung für Gemeinden“ den Einsatz nachwachsender Rohstoffe als Dämmmaterial.

Web: www.naporo.com

Was Sie beachten sollten beim... Dämmen mit Hanf

Tipp 1

Das Material. Hanfdämmung gibt es in Form von Stopfwolle, Dämmfilz oder Matten, zum Teil mit Stützfasern aus Polyester versehen und brandschutzverbessert durch den Zusatz von Borsalz. Die Verarbeitung unterscheidet sich nicht wesentlich von anderen natürlichen Materialien wie Schafwolle, Flachs oder Mineralwolle.

Tipp 2

Die Eigenschaften. Nutzhanf hat eine Wärmeleitfähigkeit von ca. 0,065 W/mK, ähnlich gut sind die Werte bei der Schalldämmung. Der Naturstoff ist feuchtig-keitsbeständig und auch ohne Zusätze schädlingsresistent. Hinzu kommt die positive CO2-Bilanz: Hanf bindet während seines Wachstums mehr CO2, als bei seiner Verarbeitung freigesetzt wird.

Tipp 3

Der Preis.Naturdämmstoffe wie Hanf sind in der Regel deutlich teurer als konventionelle Dämmstoffe. Der Kubikmeterpreis bewegt sich je nach Produkt zwischen 130 bis 180 Euro. Dämmplatten aus Polystyrol (EPS) sind hingegen bereits für 40 bis 70 Euro/m3zu haben. Der Hintergrund: EPS wird in großindustriellem Maßstab produziert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2013)

Kommentar zu Artikel:

Nachhaltigkeit: Die Dämmung, die nachwächst

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen