Ein Nachtspaziergang durch die Stadt ist nicht nur romantisch, er erlaubt auch, von der Straße aus ein paar verstohlene Blicke ins Innere der beleuchteten Wohnungen zu werfen. Neugierige Beobachter sind seit einem guten Jahr aber nicht mehr auf den Schutz der Dunkelheit angewiesen. Denn im Internet dürfen sie ganz offiziell und auf Einladung der Bewohner die privaten Wohnzimmer und Küchenzeilen von Menschen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum betrachten.
Zimmerschau, Soleb'ich oder Mynesto heißen die Plattformen, auf denen juliavienna, derjochi, kamikaze und viele andere Mieter und Eigentümer ihre Wohnungen voller Stolz präsentieren. Und die anderen User kommentieren die Bilder fleißig, loben gute Einrichtungsideen, geben Tipps für das eine oder andere Designproblem oder fragen einfach nur scherzhaft: „Wann kann ich einziehen?“
Ideen aus dem richtigen Leben
Diese Wohnplattformen schließen eine Lücke, die bisher zwischen Hochglanzmagazinen und professioneller Einrichtungsberatung offen geblieben war: Sie erlauben all jenen Menschen, die viel Herzblut in die Gestaltung ihrer Wohnung gesteckt haben, sich unkompliziert mit Gleichgesinnten auszutauschen – 80 Prozent von ihnen sind übrigens Frauen. Und sie zeigen Einrichtungsideen aus dem „richtigen Leben“, die man auch in den eigenen, meist nicht loftartig geschnittenen vier Wänden umsetzen kann. Je nach Anbieter kommen dann unterschiedliche Services dazu, etwa ein dreidimensionaler Einrichtungsplaner bei Soleb'ich, bei Zimmerschau ein „Hauspost“ genanntes Mailingsystem oder, in Kürze, der Blogbereich von Mynesto, in dem man zum Beispiel die Renovierung oder den Dachausbau mit einem Online-Tagebuch dokumentieren kann.
Das Konzept dahinter stammt – wie so oft – ursprünglich aus dem angelsächsischen Raum. Die Betreiber des britischen Mydeco versprechen sogar, auf Wunsch den fotografierten Raum binnen 24 Stunden zu digitalisieren, sodass man ihn online umgestalten kann. Möbel und Dekogegenstände, die man auch gleich online kaufen kann, und eine Reihe von Tapeten, Farben und Bodenbelägen werden dafür einfach angeklickt. Auf Strutyourhut aus den USA – „to strut“ bedeutet „präsentieren, stolzieren“ – kann man auch Videos einbinden.
Wie wohnt man in Paris?
Daniel Eichhorn und Nicole Maalouf sind im Februar 2007 mit Soleb'ich als kostenloser Ergänzung zu ihrer Online-Einrichtungsberatung gestartet. „Wir lebten damals noch in Paris“, erzählt Eichhorn, „und wir haben uns gefragt, wie sich die Wohnungen in Deutschland und Frankreich wohl unterscheiden.“ So entstand die Idee, eine Plattform zum Hochladen von privaten Bildern anzubieten. Neben dem deutschsprachigen Soleb'ich, das natürlich auch von Österreichern genutzt wird, betreiben die beiden auch eine englischsprachige Variante namens UCInteriors.
Noch in diesem Monat erwarten sie die 10.000ste Registrierung und arbeiten längst an neuen Services. Eichhorn: „Wir gehen nächste Woche mit einem Möbelkatalog online, denn es ist sehr schwierig, gute Produkte schnell zu finden. Besonders kleine Designer, die nicht unbedingt teuer sein müssen, sind zumeist irgendwo im Internet versteckt.“
Auch Wohngegend wird bewertet
Mynesto, derzeit noch in der Beta-Phase, also im Aufbau- und Testmodus, entwickelt gerade ein Feature, das die Bewertung einer Wohngegend erlaubt. „Vom ganzen Viertel über die Straße bis zum einzelnen Haus können registrierte Mitglieder dann ihr Urteil abgeben“, sagt Gründer Raimar von Wienskowski. „Das ist besonders für jene interessant, die überlegen, in diese Gegend zu ziehen.“
Auch auf Mynesto können die Mitglieder über die Gestaltung ihrer Wohnungen diskutieren, aber der Fokus liegt eher auf der Vermittlung zwischen Mietern oder Eigentümern auf der einen Seite und Händlern bzw. Dienstleistern auf der anderen. Wienskowski: „Ein User kann die registrierten Gewerbetreibenden zum Beispiel aufrufen, Angebote für die Renovierung seiner Küche zu legen. Das passiert anonym und ist für den Kunden kostenlos.“
Doch beim größten Anbieter Zimmerschau mit 10.000 registrierten Usern und mehr als 200.000 Besuchern pro Monat, konzentriert man sich aufs Kerngeschäft. Gründer Markus Seim: „Wir grenzen niemanden aus. Andere Anbieter sind sehr stylish. Wir finden aber, das Thema Wohnen ist massenkompatibel.“ Zwar verhandelt er derzeit mit Partnern, die über Zimmerschau ihre Produkte anbieten können, aber vor allem soll die Seite für die User kostenlos bleiben. Wann die Idee zu Zimmerschau Seim übrigens kam? Beim nächtlichen Spaziergang ...
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.04.2008)