Doris versteht ihre Nachbarn nicht. Wie kann man nur so langweilig sein! Dabei sind es alle junge Wiener, die aufs Land gezogen sind. So wie sie. Nun gut, „aufs Land“ ist vielleicht etwas übertrieben: in ein Reihenhaus mit Garten, in der Nähe von Wien. Aber immerhin, mit einem eigenen Garten, und wenn er nur 200 Quadratmeter groß ist.
Und dann pflanzen Doris' Nachbarn in ihren kleinen Gärten doch glatt alle dasselbe an: „Rasen und Thujen“, sagt Doris, eine zarte Person mit Brille und Käppchen, und schüttelt den Kopf. „Wie langweilig.“ Doris möchte experimentieren: „Ein Biotop, eine begrünte Mauer, selbst gestaltete Wege und eine Kräuterspirale“, für all das sollte sich in ihrem Garten ein Plätzchen finden. Die Exil-Wiener rundherum fänden ihren Ideenreichtum sonderbar. „Sie sagen Öko zu mir“, sagt sie lachend. „Da prallen Welten aufeinander.“
Heute ist Doris in ihrer Welt, unter ihresgleichen: Alle in der sechsköpfigen Gruppe (fünf Frauen, ein Mann) im Garten des Kollegium Kalksburg möchten das gleiche wie die junge Lehrerin: lernen, wie man einen „Bauerngarten“ oder einen „Wildgarten“ anlegt; erfahren, welche Erdmischung man für ein Hügelbeet benötigt; verstehen, warum ein Nützlingshaus in keinem Garten fehlen sollte. Da ist ein Chirurg, der in seiner Freizeit richtig gerne im Grünen schwitzt; eine Sozialarbeiterin, die die Gartenarbeit „entspannend“ findet; und eben Doris, die sich freut, dass ihre Pflanzen „nicht zurückreden“ wie sonst die Kinder in der Schule.
Dass immer mehr Städter, darunter auch viele junge, das Wühlen in der Erde als Freizeitbeschäftigung entdecken, darüber wundert sich hier keiner; auch nicht, warum Gartenmagazine immer mehr Abonnenten finden und einschlägige Bücher in den Buchgeschäften immer mehr werden; warum Gartencenter oder Gartenmessen wie die Landesgartenschau in Tulln die Krise nicht spüren. Das ist doch überhaupt nicht verwunderlich!
„Für die Seele gibt es nichts Besseres als Gärtnern“, sagt Margarete Struger, eine energische Frau mit dunkelroter Mähne, die die Gartenkurse der Meidlinger Kreativwerkstatt „Heimwerkerei“ leitet. „Gärtner sind einfach ausgeglichenere Menschen.“ Ironischer Nachsatz: „Außer vielleicht im Frühling.“
Der Garten – Quell der Kraft? Auch die Psychologin Petra Klikovits ist eine überzeugte Verfechterin dieser These: „Bei der Gartenarbeit spüren die Menschen die Lebendigkeit und den Augenblick.“ Klikovits verwendet Bilder aus der Natur in ihrer psychologischen Arbeit, etwa bei Burnout-Therapien: Die Aussaat als Neubeginn. Die Ernte einbringen – was habe ich geleistet? „Der Garten ist ein Ort der Kraft“, sagt sie.
Man muss längst nicht ein Anhänger der Psychologie des Gärtnerns sein, um diese These für plausibel zu halten. Die Argumenten liegen auf der Hand: Wir leben in einer Gesellschaft, die sich immer weiter von der Natur entfernt. Im Garten lernt der gestresste Städter, der den ganzen Tag im sterilen Büro sitzt, etwas, das er schon fast vergessen hat: zupacken. Etwas Eigenes erschaffen. Etwas Handfestes produzieren. Sich die Hände dreckig machen – das wird heute längst nicht mehr als schnöde Gartenarbeit tituliert. Es ist der „Urwunsch des Menschen, sich mit der Erde auseinander zu setzen“, sagte etwa Martin Enzinger, der den exklusiven Gartensalon „Salon Jardin“ im Schlosspark Hetzendorf (siehe unten) organisiert.
Noch nie waren wir so weit weg von einem naturnahen Leben, noch nie war die Sehnsucht danach so groß. So wird der Garten zu viel mehr als einem simplen Ort, in dem man halt seine Freizeit verbringt; er wird zu einer Metapher. Einer Metapher für bewusstes, naturnahes und gesundes Leben. Und mehr noch: zu einem Phantasma, das Entspannung, Ausgeglichenheit und Selbstverwirklichung verspricht. „Gärtnern ist wie Yoga“, sagt Doris.
Vermutlich haben die Gärtner mit ihrer Begeisterung nicht ganz unrecht. „Der Garten ist wie das Leben“, meint Gartenkursleiterin Margarete Struger. Und ja, tatsächlich: Es geht rauf, es geht runter. Es gibt Liebe, Glück und Erleichterung, wenn der kränkliche Hibiskus endlich einmal blüht. Es gibt Nervenkitzel und Spannung, ob die Tomatensamen tatsächlich aufgehen. Und es gibt Krieg mit den Todfeinden jedes Gärtners, wenn nämlich die verhassten Nacktschnecken im Anmarsch sind. Und was, wenn die unberechenbare Natur in Gestalt eines Unwetters einen Teil der gehegten und gepflegten Pflänzchen zerstört? „Dann fangen wir wieder von vorne an, wie im richtigen Leben“, sagt Struger. Denn ebenso wie im Leben soll man im Garten eines nicht: sich durch Rückschläge entmutigen lassen.
Die Pflanzen wuchern hoch über den Dächern Wiens in Strugers Gemeindebauwohnung am Margaretengürtel. Auf dem breiten Fenstersims hat sie eine selbst konstruierte, zwei Meter lange „Kräuterschlange“ befestigt. Currykraut neben Schnittlauch, Salat neben Kohlrabi; sogar Kartoffeln und Bohnen hat Struger letztes Jahr in ihrem Fenstergarten im sechsten Stock angepflanzt. Ein grimmiger Nordwestwind bläst, doch die Pflanzen sind abgehärtet.
Noch vor ein paar Jahren hätte man Strugers wildwüchsiges Kräuterbeet vielleicht als exaltiertes Ökotum abgetan. Jetzt nicht mehr. Jeder Zentimeter lässt sich begrünen: Das sagen sich immer mehr Wohnungsbesitzer, die sich mit dem umliegenden Grau des Betons nicht mehr abfinden möchten. „Seit zwei, drei Jahren werden Balkon und Terrassen immer stärker bepflanzt“, sagt Nikolaus Thaller, Geschäftsführer von Bellaflora.
Auch der „essbare Garten“ – Himbeeren, Stachelbeeren, Kartoffeln am Balkon, Obstbäume auf größeren Terrassen – sei immer gefragter. Als Ausdruck der Krise sieht Thaller die Wünsche der Kunden nach Essbarem aber nicht; wohl aber als „eine emotionale Geschichte“: Es gehe um dieses „positive Gefühl bei der Jause, dass diese Produkte von mir selbst gesteuert worden sind.“
Apropos Krise: Das Geschäft mit dem Garten zeigt sich davon unbeeindruckt. Bellaflora will den Umsatz dieses Jahr weiter ausbauen und den Vorjahresumsatz von 81 Millionen Euro steigern. Zwar hat es diese Saison wegen des langen Winters etwas länger gedauert, aber „seit April werden wir regelrecht gestürmt“, erklärt Thaller.
Doch nicht nur der letzte Zentimeter des privaten Wohnraums wird derzeit begrünt, auch im öffentlichen Raum machen sich engagierte Gärtner bemerkbar.
Nachbarschaftsgärten – in Großstädten wie Berlin und New York schon seit einigen Jahren beliebt – kommen langsam nach Wien. „Momentan tut sich da einiges“, erzählt Angelika Neuner vom Verein Gartenpolylog, der den ersten Nachbarschaftsgarten Wiens im Bezirk Ottakring betreut. Neben der Vorortelinie gedeihen auf 23 Beeten zarte Pflänzchen; ebenso viele Familien betreuen die gemieteten Beete.
Mao Jian, eine 41-jährige Krankenschwester, baut im Gemeinschaftsgarten Sojabohnen und Pak Choi an. „Das kann man zwar im Geschäft kaufen“, sagt sie, „aber hier macht es mehr Spaß“. Den meisten hier geht es wie Mao Jian darum, endlich einmal die Nachbarn kennenzulernen. Die Ottakringer Hobbygärtner sind multikulturell: Ein Drittel der Familien hat einen Migrationshintergrund. „Das gemeinsame Tun verbindet“, sagt Angelika Neuner. „Und die Leute stehen dabei auf der gleichen Stufe.“ Warum aber wird üblicherweise alleine, im Eigenheim gegärtnert? „Vielleicht wollen sich die Leute ein Neo-Biedermeier schaffen“, vermutet sie.
Einen Biedermeier-Garten hat auch Julia Pressl, mitten im Siebenten, gleich bei der Mariahilfer Straße. Ein Engerlbrunnen steht da neben Steinlöwen, Rosensträuche neben Gemüsebeeten. Sie habe sich immer einen Garten gewünscht, sagt die 31-Jährige. Spießig findet sie ihr neues Lieblingshobby ganz und gar nicht. Im Gegenteil: Ihr Garten mache bereits Schule und verführe andere, die Daumen grün und die Finger dreckig zu machen: „Alle Freunde kommen nur noch zu uns.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.05.2009)
Der grüne Daumen Alles zum Thema pflanzen, pflegen, pflücken
Grill-Skill Sind Sie ein guter Grillmeister?
Trans-Miss Jennas kleiner Sieg
Life Ball Vorhang auf für die Sozzani-Show
Donna, Gloria, Boney Was wurde aus dem Disco Fever?