Mit Biostroh vom Acker nebenan

Ob Lehm, Holz oder Stroh: Bauen mit Naturmaterialien aus der Region ist ökologisch und schafft ein gutes Wohnklima – erfordert aber spezielles Wissen.

Auch im Fertigteilbau werden je nach Anbieter Naturmaterialien verwendet – sofern sie in den Produktionsprozess passen.
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Auch im Fertigteilbau werden je nach Anbieter Naturmaterialien verwendet – sofern sie in den Produktionsprozess passen.
Auch im Fertigteilbau werden je nach Anbieter Naturmaterialien verwendet – sofern sie in den Produktionsprozess passen. – (c) Griffner

Wer sein Haus aus Holz, Stroh, Kork und Lehm baut, schone Ressourcen und trage zum Klimaschutz bei, meinen die Verfechter dieser Bauweise. Aber nicht nur solche ökologischen Argumente sprechen für die Verwendung natürlicher Materialien, sondern durchaus auch eigennützige Motive: Werkstoffe aus der Natur sorgen für mehr Behaglichkeit.

Gute Luft, keine Schadstoffe

Putze aus Lehm etwa wirken regulierend auf die Luftfeuchtigkeit: „Bei dickem Lehmputz im Badezimmer gibt es nach dem Duschen keine beschlagenen Spiegel mehr“, nennt Architekt Andreas Breuss, der sich aufs Bauen mit Naturmaterialien spezialisiert hat, als markantes Beispiel. Der Lehmputz nimmt die überschüssige Feuchtigkeit auf, gibt sie bei Bedarf wieder ab und sorgt so dafür, dass ohne Ent- oder Befeuchter im Raum stets optimale Luftfeuchtigkeit herrscht.

Neben richtiger Luftfeuchtigkeit und Temperatur trägt noch ein weiterer Faktor dieser Baustoffe zum Wohlfühlen bei – weitgehende Schadstofffreiheit. Zwar müssen in Österreich verwendete Bauprodukte auch in gesundheitlicher Hinsicht Mindestanforderungen entsprechen. Ob diese ausreichen, wird aber immer wieder diskutiert. Vor allem zählt letztlich die Summe der Schadstoffe, die von allen in einem Raum verwendeten Materialien ausgeht. Mit Naturmaterialien liegt man hier auf jeden Fall auf der sicheren Seite. Architekt Breuss hat bei seinem jüngsten Bau, einem Haus in Etsdorf, das mit dem Holzbaupreis NÖ ausgezeichnet wurde („Die Presse“ berichtete), neben Holz und Lehm Stroh für die Dämmung genutzt. Es stammte aus einem naheliegenden Acker, auf dem nach den Regeln der biologischen Landwirtschaft gearbeitet wird. „Natürlich haben wir nicht die nächstbesten Strohballen genommen, sondern alle wichtigen Kriterien des Materials genau geprüft“, erzählt der Planer.

Referenzbauten besichtigen

Für jene, die sich die Mühe nicht machen wollen, gibt es eine Reihe von Baumaterialien, deren ökologische Qualität bereits von Institutionen unter die Lupe genommen wurde: „Produkte, die über ein Österreichisches Umweltzeichen verfügen, haben ebenso ein strengeres Prüfverfahren absolviert wie jene, die im Rahmen von Natureplus geprüft wurden oder das IBO-Gütesiegel haben“, erläutert Robert Lechner, Geschäftsführer des Österreichischen Ökologie-Instituts ÖÖI. Besonders geachtet werden müsse bei Naturmaterialien auf die richtige Verwendung, sagt Breuss: dass man bei Stroh etwa Feuchtigkeitseintrag von außen verhindere. Der Architekt rät davon ab, Naturmaterialien einfach mit klassischen Baustoffen zu mischen. Bei Verwendung zugelassener Bauprodukte und Materialien sowie richtiger Verarbeitung bringen natürliche Materialien keine zusätzlichen Risiken. Wichtig sei es allerdings, Profis zu engagieren, und zwar in allen Phasen des Projektes, vom Entwurf über die Detailplanung bis zur Ausführung, rät Lechner: „Am besten lässt man sich entsprechende Referenzbauten sowohl von den Planungsbüros als auch von den ausführenden Unternehmen vorlegen, egal, was man wie baut.“ Dem Trend zum Bauen mit Naturmaterialien werden auch immer mehr Fertighaushersteller gerecht. Das Kärntner Unternehmen Griffner bietet beispielsweise ein Fertighaus, bei dem Holz, Kork und Holzfaser eine große Rolle spielen. Sie werden möglichst aus der Umgebung bezogen. „Der CO?-Fußabdruck soll so klein wie möglich sein“, erläutert Firmenchef Georg Niedersüß. „Aber die Materialien müssen auch den Anforderungen des Produktionsprozesses gerecht werden.“

Wärmetechnik beachten

Der ökologische Nutzen natürlicher Materialien müsse allerdings differenziert betrachtet werden, meinen die Experten. Zwar benötigen Baustoffe aus nachwachsenden Rohstoffen für die Herstellung weniger Energie, und sie sind annähernd CO2-neutral. Lechner weist aber darauf hin, dass man ein Gebäude über den ganzen Lebenszyklus bewerten müsse, von der Rohstoffgewinnung über die Produktion und den Einbau der Bauprodukte bis zum fertigen Haus und dessen Instandhaltung samt den Transporten. „Bei allen Gebäuden, die wir bisher bilanziert haben – und das sind sehr viele in mehr oder minder allen Bauformen – macht der Energieverbrauch für den Betrieb den größten Anteil des ökologischen Aufwands aus“, berichtet der Geschäftsführer des ÖÖI. Wer beim Hausbau natürliche Materialien bevorzugt, sollte auch auf hohe wärmetechnische Qualität achten.

BAUQUALITÄT

Bauen mit natürlichen Baumaterialien erfordert spezielle Erfahrung. Sowohl von Planern als auch von ausführenden Firmen sollten deshalb entsprechende Referenzen verlangt werden. Mit dem richtigen Wissen lassen sich aber auch noch nicht alltägliche Konstruktionen sicher bauen, etwa eine Holzriegelkonstruktion mit Wärmedämmung aus Stroh und innenliegendem Lehmputz.

Infos, Gütezeichen: www.natureplus.org, www.umweltzeichen.at, www.ibo.at

 


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2017)

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