Christine Hechinger: Rausch der Verwandlung

Magisch-opulent statt bloß gebraucht: In Paris liebt man Christine Hechingers Upcycling-Designs.

Grundsatz. Hechinger findet ihr Ausgangsmaterial etwa auf Sozialmärkten.
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Grundsatz. Hechinger findet ihr Ausgangsmaterial etwa auf Sozialmärkten.
Grundsatz. Hechinger findet ihr Ausgangsmaterial etwa auf Sozialmärkten. – (c) Grünwald Jürgen

Ganz Paris träumt im Moment von Omamas Bleikristall – und schuld daran ist Christine Hechinger, 34 Jahre alt, Linzer Designerin und Shootingstar bei der diesjährigen Jännerausgabe der Möbel- und Designmesse Maison & Objet, die zweimal pro Jahr in Paris stattfindet. Für Hechinger, Absolventin der Kunstuniversität Linz, ist solch internationales Stelldichein längst kein Neuland mehr – schließlich hat sie hier schon zum vierten Mal ihr Können zur Schau gestellt. Diesmal hat es Hechinger eben Großmutters Bleikristall angetan: Mit der neuen Serie „Opal“ ist ihr ein weiterer eleganter Upcycling-Schachzug gelungen. Alte Vasen, Karaffen, Schüsseln, Bonbonnieren oder auch Teller und Gläser werden durch ein spezielles Dampfverfahren veredelt; die Objekte schimmern und funkeln danach in verschiedenen Farbnuancen.

Aus fader Transparenz wird so farbige Pracht. Jedes Teil ist folglich hier ein Unikat. „Dabei ist mir die Metamorphose ins Jetzt sehr wichtig. Und nebenbei bietet jedes Verfahren ein Aha-Erlebnis“, sagt Hechinger selbst über ihre Technik. Der Rausch der Verwandlung mit dem Vintageglas kam ihr – wie das bei guten Ideen häufig der Fall ist – rein zufällig, nämlich beim Herumexperimentieren im Atelier. „Das Glas erhält durch die Bedampfung einen komplett neuen Schimmer. Gleichzeitig wird die Struktur des Glases verstärkt“, erklärt sie.

Sammlerhaushalt. Ihre poetischen und fast märchenhaften Kreationen sind Relikte aus der Vergangenheit. Die Designerin, die nach einem Aufenthalt beim Designerduo Bless in Berlin bei Volker Albus in Karlsruhe und danach in München bei Stefan Diez Erfahrungen sammelte, hat Industrial Design in Linz studiert. Und zuvor sogar eine Tischlerlehre begonnen. Im Jahr 2011 wagte Hechinger dann den Sprung in die Selbstständigkeit. Die Zutaten für ihre Spiegelserie „Mira“ und nun eben für ihre Bleikristallkreationen „Opal“ findet Hechinger weiter dort, wo sonst keiner sucht. Vorzugsweise bei Sozialmärkten, Wohnungsräumungen, auf Dachböden und natürlich in Secondhandshops und auf Flohmärkten in Linz und Umgebung: „Ich horte altes Geschirr und erwecke es dann zu neuem Leben.“

Kuchenteller, Untertassen, Suppenteller mit oder ohne Blümchenmuster werden zu Wandspiegeln – im Zeitalter der Selbstdarstellung finden ihre Objekte, die gern im halben Dutzend auftauchen, großen Anklang. „Dass man den Einsatz bei Untertassen im Fachjargon ,Spiegel‘ nennt, habe ich erst später rein zufällig erfahren“, sagt Hechinger: „Das hat mir natürlich Flügel gegeben. Ich war auf der richtigen Spur.“ Statt eines Höhenflugs ins Ungewisse bleibt sie ihren – offenbar auch familiär bedingten – Grundsätzen treu. Der Apfel fällt bei den Hechingers nämlich nicht weit vom Stamm. „Ich war schon immer fasziniert von alten Dingen. Schon als Kind habe ich leidenschaftlich gern auf Dachböden gestöbert, eine Liebe für alte Sachen entwickelt. Außerdem stamme ich aus einem Sammlerhaushalt – bei uns wurde immer alles aufgehoben. Es liegt wohl in unserer Familie, Dinge nicht achtlos wegzuwerfen. Bereits meine Großtante sammelte und sortierte ständig, um die Sachen Hilfebedürftigen zu schenken.“ 

Emotion und Opulenz. Heute verkauft Hechinger weltweit von bis Paris über Mailand und Pescara bis Tokio. Das Pariser Kaufhaus Le Bon Marché im feinen Stadtviertel Saint-Germain-des-Prés, wo tout Paris – von Catherine Deneuve bis hin zu Prinzessin Caroline von Hannover – gern einkaufen geht, widmete den Kreationen der Designerin sogar die vergangene Weihnachtsausstellung. Bei der Maison & Objet wurde auch das Londoner Kaufhaus Fortnum & Mason neugierig und zeigte sich interessiert am künstlerischen Treiben der Oberösterreicherin – nur in der Heimat wartet Hechinger noch auf den Durchbruch.

„Die Leute haben genug vom Minimalismus, heute sind wieder Individualität und Opulenz gefragt. An der skandinavischen Schlichtheit – so austauschbar und unpersönlich – hat man sich wohl ein bisschen sattgesehen“, meint die Desingerin ganz pragmatisch über ihren Erfolg: „Jede meiner Kreationen hat schließlich ihre eigene Geschichte, die sich dann mit der des Käufers vermischt. Deshalb der emotionale Aspekt.“ Dass Hechinger Nachhaltigkeit ein großes Anliegen ist, versteht sich dann fast schon von selbst: „Es muss ein Umdenken geben.“ In ihrem Atelier in Linz warten alte Teller und Gläser noch kistenweise auf ein neues Leben.

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