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Im Zentrum: Finde deine Mitte!

30.10.2009 | 17:41 |  von Anna Neubauer (Die Presse)

In der Stadt und Teil der Stadt. Dorthin, wo Wien am intensivsten pulsiert, zieht es auch die meisten Menschen: Vom Wohnen innerhalb des Gürtels.

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Sie rücken zu den teuersten Wohnungen der Stadt aus, inspizieren die Zimmer, setzen sich aufs Bett, schauen von der Terrasse. Sie stellen zwar dem Makler die eine oder andere Frage, allein: Zuschlagen tun sie nie. Sie sind „Immobilientouristen“, sprich: Der Kauf eines Objektes interessiert sie gar nicht – sie wollen bloß schauen. „Auf diese Leute stoßen wir speziell innerhalb des Gürtels oft“, klagt der Immobilienmakler von L-Quadrat Immobilien, Laurenz Limberg. Kein Wunder: Die Wiener Häuser haben generell nicht nur von außen einiges zu bieten. Und auch dort, wo die Bebauung am dichtesten und der Freiraum am geringsten ist, in den Bezirken eins bis neun, sind Wohnungen heiß begehrt.

Warum das so ist? „Das kann ich Ihnen eigentlich gar nicht erklären, da gibt es viele Faktoren“, sagt Helmut Schramm, Architekturprofessor an der Technischen Universität Wien. Fest steht: In der Mitte der Stadt schlängeln sich Straßenbahnen durch enge Gassen, da sitzen die Leute in Cafés, da leuchten die Lichter in der Nacht, kurzum, da pulsiert das Leben – und das fasziniert. „Wer die Abgeschiedenheit braucht: bitte schön. Ich will die verschiedenen Gesichter der Stadt sehen und sie erleben“, sagt Werbetexter Josef Jöchl, der sich nach Jahren außerhalb des Gürtels bewusst für die Stadtmitte entschieden hat.

 

Junge in alten Häusern

Jöchl ist kein Einzelfall, sondern vielmehr ein Parade-Innenstadtbewohner, meint der Geschäftsführer der Raiffeisen-Immobilien-Vermittlung, Christoph Petermann. Insbesondere junge Leute wollen den Spirit der Stadt erleben, das Nachtleben, die Urbanität, vor allem dann, wenn sie (noch) keine Kinder haben, Stichwort „double income, no kids“. Ist Nachwuchs da, wandert die Jungfamilie oft in Richtung Stadtrand. Um schließlich, mit etwa 50 Jahren, wieder retour zu kommen, so Petermann. Doch was macht das Wohnen in der Mitte der Stadt eigentlich aus? Gewiss die Vielfalt, die kurzen Wege, der Nahverkehr, die vielen Geschäfte und das kulturelle Angebot. Aber auch das Haus, in dem man wohnt. In Wien ist dies häufig ein Gründerzeitgebäude. Von außen prägen diese Objekte mit ihren detailverliebten Verzierungen das Stadtbild, von innen bestechen sie wegen ihrer durchdachten Raumaufteilung. Mehr noch: „In Architektenkreisen gilt das Gründerzeithaus als Vorbild“, sagt Schramm. Denn kaum eine andere Bauform sei dermaßen flexibel angelegt. „Eine Wohnung, eine Kanzlei, ein Geschäft, ein Fitnessstudio – alles das kann sich darin finden. In welchem Gebäude ist das sonst noch möglich?“, fragt Schramm. Michael Anhammer von Sue-Architekten schlägt in dieselbe Kerbe: „Was sonst am Markt ist, ist oft zu konservativ gedacht, in Gründerzeithäusern hingegen kann man Räume neu denken und stetig verändern.“ Zum speziellen Wohngefühl gehört zweifelsfrei auch die Großzügigkeit der Räume. In einem 3,80 Meter hohen Raum fühle man sich einfach freier als in einem 2,50 Meter hohen Zimmer, ganz abgesehen von der eleganten Flügeltür oder dem edel verzierten Entree, schwärmt Limberg. Die Vielzahl der Gründerzeitbauten hat aber auch Schattenseiten – zumindest für die Architektenschaft: Neubauten sind kaum möglich, zumal Baulücken Mangelware darstellen. Fazit: Für Bauträger sei die Innenstadt oft uninteressant, meint Schramm: „Warum sollen sie sich auch mit kleinen Grundstücken plagen, wenn sie in Floridsdorf auf einen Sitz 800 Wohneinheiten aufstellen können?“

 

Oben modern, unten alt

Wie auch immer: Die Dominanz der alten Substanz lässt die City nicht zum Museum verkommen. Ganz im Gegenteil: Man braucht nur den Kopf zu heben und sieht allerorts Dachaufbauten, die die Gründerzeithäuser mit einem Touch Moderne krönen. Überhaupt gilt es als chic, oben zu wohnen und einen Fernblick auf die Stadt zu haben. Netter Nebeneffekt: Aus fast jedem Winkel sieht man auch den Stephansdom. Nicht zuletzt deshalb fühlt man sich als Teil der Stadt, meint Petermann. Doch nicht nur für den Bewohner hat der „Raum im Freien“ einen Vorteil. Architektin Marta Schreieck von Henke Schreieck Architekten nennt Dachgeschoße eine „sinnvolle Stadtverdichtung“, gibt aber zu bedenken, dass der erlaubte Aufbau von viereinhalb Metern oftmals zu wenig sei. Und dass die Gaupenlösung ästhetisch nicht immer glücke.

Ob modern oder alt, mit wie vielen Euro muss man für eine Wohnung rechnen?

Fortsetzung auf SeitE I2

Am wenigsten bezahlt man laut Limberg im zweiten oder im fünften Bezirk, bei Eigentumsobjekten muss man von durchschnittlich 2300 Euro pro Quadratmeter ausgehen. Die Preise im zweiten Bezirk dürften allerdings nach oben klettern: Der Bezirk boomt. Im achten und neunten Bezirk, seit jeher studentische, aber gleichzeitig elitäre Wohngegenden, ist man mit 2800 Euro pro Quadratmeter dabei. Im vierten Bezirk hingegen – er gilt zum Teil als Diplomatengegend – geht es bei diesem Betrag erst los.

 

Schnell, schnell!

Prinzipiell sollten sich Wohnungssuchende nicht allzu sehr auf einen speziellen Bezirk versteifen, sind diese doch alles andere als homogen. Vielmehr wird empfohlen, sich nach Grätzeln zu orientieren. Hat man sich in ein Objekt verliebt, gilt es schnell zuzuschlagen – denn eine Wohnung innerhalb des Gürtels steht meistens nicht länger als zwei Wochen leer, oftmals ist sie schon am ersten Tag gleich wieder weg. Immer mehr Wohnungen werden gekauft, die Innenbezirke werden dabei stetig teuer, so Petermann. „Der beste Zeitpunkt zu kaufen ist jetzt.“ Und keine Angst, wenn bei der Besichtigung dichtes Gedränge herrscht: Nicht jeder, der da aufmarschiert, hat auch wirklich Interesse ...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2009)

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