Er führt keinen offiziellen Fachtitel und ist dennoch äußerst gefragt. Die Rede ist vom sogenannten Immobilienjuristen, dem in der heimischen Wirtschaft ein breites Spektrum an Tätigkeiten offensteht. Dienste von Juristen mit der Spezialisierung im Immobilienbereich werden etwa benötigt, wenn beim Objektankauf die rechtlichen Grundlagen zu prüfen oder bei der Verwaltung Mietverträge oder Wartungsvereinbarungen abzuschließen sind.
Bei der Errichtung von Gebäuden sind meist nicht nur Bauherren, -unternehmer und Architekten, sondern auch Immobilienjuristen in das Projektmanagement eingebunden. Und werden Immobilien von einer Bank finanziert, braucht es fachkundige Juristen, um die Risken abzuschätzen und abzusichern. Sie sind auch gefordert, wenn es um steuerliche Beratung bei Anlageimmobilien geht. Gibt es bei einem Projekt Streit – Stichwort: Skylink –, werden sie für die rechtliche Abklärung und Argumentation eingesetzt.
Spannendes Arbeiten
„Das juristische Arbeiten in diesem Segment ist deshalb so spannend, weil das Immobilienwesen als Querschnittsmaterie eine Vielzahl an Fachgebieten berührt“, meint Johannes Endl, der vor sieben Jahren als Jurist bei der Örag-Gruppe seine Karriere startete und mittlerweile zum Mitglied der Geschäftsführung des Bereichs Immobilienvermittlung avancierte. „Die eminent wichtige Thematik des Wohnens und der Immobilienwirtschaft findet in einem eng gestrickten, meist komplexen juristischen Kontext statt“, so Endl. Gefragt seien Fachleute daher besonders häufig im Bereich der Hausverwaltung sowie in Zusammenhang mit anspruchsvollen Maklertätigkeiten, im Bereich Asset Management bei gewerblichen Vermietern und in Leitungsfunktionen ganz allgemein.
Auch große Anwaltssozietäten und solche, die sich auf das Immobiliengeschäft spezialisiert haben, suchen regelmäßig Einsteiger und fortgeschrittene Immobilienjuristen. „Die von der gesamten Immobiliengruppe erbrachte Wirtschaftsleistung ist derart schwergewichtig, dass größere Kanzleien hier so gut wie immer tätig sind“, weiß Erik Steger, Partner bei Wolf Theiss Rechtsanwälte. Spezialisierungen gibt es, so Steger, nicht nur nach Berufsbildern (Verwalter, Makler, Anwalt, Investor...), sondern auch nach der Immobilienart: „Hotels verlangen anderes Wissen als Wohnungen, Büros funktionieren anders als Shoppingcenter, Logistikhallen sind weniger komplex zu entwickeln als ein Autobahnabschnitt oder die Erweiterung eines Flughafens.“ Größere Projekte bräuchten zumeist ein ganzes Team von Experten. Wer zum Beispiel ein Factory Outlet realisiert, benötigt eine Menge an Bewilligungen der öffentlichen Hand, einen Bankkredit, einen Bauvertrag und eine Vielzahl von Mietverträgen. Allesamt Tätigkeitsfelder, in denen Juristen mit immobiliärem Know-how vonnöten sind.
Training on the Job
„Berufliche Grundlage ist eine juristische Ausbildung. Das Jusstudium bietet jedoch keine Spezialisierung auf Immobilien. Hilfreich sind deshalb technisches wie wirtschaftliches Interesse“, erklärt Peter Vcelouch, Partner der Anwaltssozietät Cerha Hempel Spiegelfeld Hlawati (CHSH) und Leiter Real Estate & Construction. Die Kompetenz im Berufsalltag, um Bauvertragsprozesse begleiten zu können, Projektzahlen oder Due-Diligence-Berichte zu verstehen, eigne man sich am besten durch Training on the Job an. Stefan Artner, Partner bei Dorda Brugger Jordis Rechtsanwälte, betont die Möglichkeit von Zusatzausbildungen: „Es gibt zahlreiche Varianten, etwa Post-Graduate-Studien an Unis oder auch FH-Lehrgänge.“ Speziell für Transaktionsjuristen seien Kenntnisse im Projektmanagement wichtig.
Alles in allem sehen die Experten eher rosige Zeiten für die Gattung des Immobilienjuristen. Auch oder trotz der Wirtschaftskrise. „Es gibt in Krisenzeiten zwar weniger Transaktionen und weniger neue Projekte. Diese müssen dafür aber noch präziser bearbeitet werden. Das Business verlagert sich schwerpunktmäßig zu Bestands- und Streitangelegenheiten. Im täglichen Geschäft gibt es genug zu tun“, sagt Manfred Ton, CHSH- Rechtsanwalt und Immobilienexperte. Ein Standpunkt, der von Steger und Artner mit einer Einschränkung geteilt wird: „Aktuell sind besonders erfahrene Juristen gefragt. Krisen werden genutzt, um gute Leute durch noch bessere zu ersetzen.“ Für Anfänger möglicherweise ein schwieriger Zeitpunkt zum Einsteigen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2009)

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