Ja, die Wirtschaftskrise hinterlässt auch auf dem Wiener Wohnungsmarkt ihre Spuren. Sie macht sich allerdings nicht in Form von Notverkäufen oder sinkenden Preisen bemerkbar, vielmehr wirkt sie sich auf die Interessenten und deren Ansprüche aus. Waren vor zwei Jahren vor allem Privatpersonen auf dem Markt unterwegs, die nach Wohnungen zur Eigennutzung suchten, so tummeln sich heute viele, viele Anleger.
Anleger sorgen für gute Nachfrage
„Wegen der Krise lässt niemand mehr sein Geld auf der Bank“, erklärt Alexander Lafenthaler, Geschäftsführer von Ticon Immobilienservice. Die bevorzugte Investment-Alternative: Grund, Boden – und Wohnungen. An die 70 Prozent der Einheiten, die sein Unternehmen verkaufe, gingen derzeit an private Investoren. Was für Lafenthaler in diesem Zusammenhang interessant ist: Viele Käufer kommen nicht aus Österreich, sondern aus anderen EU-Ländern, Wien gilt also nicht nur bei Einheimischen als sicherer Hafen in Sachen Immobilien. Und ob nun Wiener, Münchner oder Römer: Die Anzahl der Verkäufe steigt.
So verzeichnet etwa Webservices United, ein Unternehmen, das Eigentumstransaktionen auf Basis der Grundbuchsveröffentlichungen analysiert, im heurigen Jahr stetige Anstiege. Im ersten Quartal wurden in Wien insgesamt 3100 Transaktionen getätigt, im dritten waren es bereits 3636. Und diese Nachfrage, die sich auch auf Eigentumswohnungen erstreckt, bewirkt, dass die Preise stabil bleiben. Was man für den Quadratmeter Eigentum im Neubezug laut Immobilienpreisspiegel 2009 der Wirtschaftskammer Österreich in Wien bei gutem Wohnwert (gute Lage, Balkon oder Loggia, ansprechende Architektur) bezahlt: an die 2100 Euro in Bezirken wie Meidling, Simmering oder Favoriten, rund 2600, 2700 Euro innerhalb des Gürtels, über 5000 Euro in der Innenstadt. Bei gebrauchten Einheiten ist – in gleicher Regionenreihung – mit rund 1200, 1500 beziehungsweise 2700 Euro zu rechnen.
Kein Auto, mehr Geld
Egal, ob zu Anlage- oder eigenen Wohnzwecken: Für ein bestimmtes Kriterium sind alle bereit, mehr zu zahlen. „Die Wohnung ist dann gut, wenn ich kein Auto haben muss“, bringt es Michael Pisecky, Geschäftsführer von s Real Österreich auf den Punkt. Das bedeutet: „Dort, wo die Infrastruktur gut ist, dort steigen auch die Preise. Etwa nahe der U-Bahn, innerhalb des Gürtels.“
Während in einigen Landeshauptstädten wie Innsbruck „kleine Garçonnièren wieder verstärkt nachgefragt sind“, wie Arno Wimmer, Re/MAX Immoreal Conterra Immobilien, erzählt, hält sich in Wien das Interesse an solchen Wohnungen in Grenzen. „Zwei Zimmer, 50 Quadratmeter, mal etwas mehr, mal weniger, kleiner Balkon“, beschreibt Richard Buxbaum, Leiter der Abteilung Wohnimmobilien und Zinshäuser bei der Otto Immobilien Gruppe, die aktuellen Renner. Aber es geht auch größer, meint Andrea Mittermayr, Spiegelfeld Immobilien: „Die Nachfrage ist bei Zwei- bis Drei-Zimmer-Wohnungen besonders gegeben.“
Mieter inklusive
Eines ist allen Einheiten eigen: „Sie sollten unkompliziert vermietbar sein“, erklärt Mittermayr. Bei Anlagewohnungen noch besser: wenn sie schon vermietet sind. Buxbaum: „Im Vergleich zu früher nimmt dieser Markt einen größeren Platz ein.“ Waren vermietete Eigentumswohnungen vor einigen Jahren kaum an den Käufer zu bringen, sind sie heute begehrtes Immobiliengut. Vor allem, wenn der Mieter regelmäßig bezahlt und bereits länger in der Wohnung wohnt.
Aber auch wer keinen Mieter hat und verkaufen möchte, braucht sich um die Nachfrage nicht zu sorgen. Diese wird es weiterhin geben. „Es ist ein starker Trend in die Ballungsräume bemerkbar“, sagt Pisecky. „Nicht nur in Wien, sondern in allen Landes- und Bezirkshauptstädten.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2009)

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