Alte Liebe rostet nicht

Schauspieler Hannes Lewinski hat sich – außer für Engagements in anderen Städten – seit seiner Kindheit weder vom fünften Bezirk noch vom 1920er-Jahre-Gemeindebau getrennt.

Geliebtes Zuhause: Johannes Lewinski im Herwegh-Hof in Wien-Margarethen.Geliebtes Zuhause: Johannes Lewinski im Herwegh-Hof in Wien-Margarethen.
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Geliebtes Zuhause: Johannes Lewinski im Herwegh-Hof in Wien-Margarethen. – (c) Dimo Dimov

Meine Mutter dürfte eine der wenigen noch lebenden Matteotti-Hof-Bewohner der ersten Stunde sein“, erzählt Hannes Lewinski. „Sie ist 1926 als Vierjährige mit ihrer Familie hierhergezogen und lebt heute noch dort.“

Der Matteotti-Hof: Das war einer der Bauten, die das Rote Wien damals in Angriff nahm und die für ihre Zeit geradezu revolutionär waren. Grund war die eklatante Wohnungsnot, man wollte den Menschen, die oft in winzigen Wohnungen ohne Wasser und Toilette hausten, eine lebenswertere Umgebung bieten. Daher entstand in den 1920er-Jahren eine ganze Reihe von Bauten, die wie Wehrburgen um einen großen Grünbereich errichtet wurden, mit eigener Infrastruktur wie Kindergärten, Greißlereien, Kohlenhändler, Waschküche. Dazu siedelten sich in der Umgebung viele kleine Geschäfte an.

Das meiste davon verschwand ab den 1960er-Jahren, Supermärkte ersetzten Greißler und Co. „Gott sei Dank kamen dann in den 1990er-Jahre viele Türken zu uns und haben dafür gesorgt, dass die Nahversorgung wieder funktioniert“, erinnert sich Lewinski. „Sie haben Geschäfte übernommen oder neu aufgebaut, sodass es wieder Bäckereien, Greißler, Gemüsegeschäfte, Fleischhauereien gibt.“

Lewinski ist in den 1980er-Jahren vom Matteotti- in den nahen Herwegh-Hof gezogen. Betritt man ihn, verschwindet die Stadt. Ein großer begrünter Hof hält das Stadtgetriebe draußen. Es ist geradezu unheimlich ruhig. Man kann sich kaum vorstellen, dass der Gürtel vor dem Haus, die Reinprechtsdorfer Straße knapp fünf Gehminuten entfernt ist. Und man kann verstehen, warum der Schauspieler nie von hier wegwollte. „Ich habe hier alles, was man braucht. Die totale Ruhe, wie man sie in einer Stadt kaum findet, und dennoch ist alles in der Nähe: Geschäfte, Bahnhof, die Verkehrsanbindung ist exzellent, ich bin damit sehr schnell in der Innenstadt oder auf dem Naschmarkt.“

 

Alles „ums Eck“

Und natürlich hat er seine Lieblingsplätze in der Nähe. „Auch wenn die Reinprechtsdorfer Straße einen schlechten Ruf hat, ich finde sie sehr lebendig und bekomme dort alles, was man braucht.“ Auch der Siebenbrunnenplatz ist nur fünf Gehminuten entfernt. „Dort gibt es mehrmals in der Woche Märkte: einen Bauernmarkt und einen Gemüse- und Blumenmarkt. Außerdem ist der Platz historisch sehr interessant. 1900 wurde der Brunnen errichtet, der die sieben Vorstädte symbolisiert, aus denen der Bezirk Margareten entstanden ist, und der auch daran erinnert, dass die erste Wasserleitung Wiens hier im Jahr 1562 errichtet wurde, die Grundwasser in die Hofburg geleitet hat. Überdies gab es hier bis in die 1960er-Jahre einen echten Bauernhof mit Kühen und Hühnern, auf dem Milch und Eier verkauft wurden. An den kann ich mich sogar noch erinnern.“

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Natürlich gibt es in der Nähe auch alles, was man für das leibliche Wohl braucht. „Eines meiner Lieblingslokale ist das Gasthaus zur Elisabeth, gleich bei mir ums Eck. Ein typisches Wiener Wirtshaus, in dem man sehr gut und günstig essen kann. Oder, auch gleich ums Eck, das Semmerl, eine Bäckerei mit angeschlossenem Café, das so etwas wie ein Kommunikationszentrum geworden ist. Wohltuend in einer Zeit, in der sich auch die Hausparteien kaum mehr kennen. „Das war früher anders“, so Lewinsky, „meine Mutter erzählt oft, dass sich die Leute gut gekannt haben und die Kinder im Hof gespielt haben, der ja nicht nur vor der Haustür lag, sondern auch parkähnlichen Charakter hatte.“ Und dann gibt es noch das Gregor, „eine der besten Konditoreien im fünften Bezirk“. Und das über 100 Jahre alte Café Industrie am Gürtel mit Lesungen, Konzerten oder Wienerlied-Abenden.

ZUM ORT, ZUR PERSON

Der kleine fünfte Bezirk, Margareten, ist reich an Gemeindebauten unterschiedlicher Architektur. Die „Arbeiterburgen“ der 1920-Jahren markieren dabei den Beginn des sozialen Wohnbaus, der weltweit einzigartig war– und heuer in allen Bezirksmuseen mit Ausstellungen und Führungen beleuchtet wird.

Hannes Lewinski wuchs in den 1950er- und 60er-Jahren im Matteottihof auf, begann ab 1973 als Theaterschauspieler zu arbeiten und wirkte in diversen Filmen für ORF und ZDF mit.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2017)

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