Das Dorf am Kutschkermarkt

Dem Kutschkermarkt im 18. Bezirk drohte vor Jahren das Aus – Irene Pöhl half, ihn zu retten. Die „Marktmutter“ und Jungwirt Florian Ott über ihr Grätzel rund um die Getrudskirche.

Irene Pöhl und Florian Ott „zu Hause“ auf dem Kutschkermarkt in Währing.
Schließen
Irene Pöhl und Florian Ott „zu Hause“ auf dem Kutschkermarkt in Währing.
Irene Pöhl und Florian Ott „zu Hause“ auf dem Kutschkermarkt in Währing. – (c) Dimo Dimov

Seit fast 40 Jahren betreibt Irene Pöhl den Käsestand auf dem Kutschkermarkt in Währing und wird von allen liebevoll „Marktmutter“ genannt. Sie hat die Höhen und Tiefen des Marktes – einer von drei in Währing neben dem Johann-Nepomuk-Vogl-Markt und dem Gersthof-Markt – miterlebt. Vor zehn Jahren standen nur noch wenige Stände, auch Gastronomie existierte so gut wie keine mehr. Daraufhin schlossen sich vier Marktfrauen – darunter Pöhl – zusammen und begannen zu kämpfen. Mit Erfolg: Die Stadt Wien half, das Gemeinschaftsgefühl wuchs, junge Gastronomie zog in die Kutschkergasse ein. „Ich bin froh, dass die Jungen frischen Wind in das Grätzel gebracht haben. Ohne sie würde es den Markt nicht mehr geben“, meint Pöhl.

1885 wird er als Markt rund um die Gertrudskirche erstmals erwähnt, benannt nach der Kutschkergasse, in der er heute noch liegt (und die nach Erzbischof Johann Rudolf Kutschker benannt ist). Im Lauf der Jahre erschlossen sich die Stände bis zur Kreuzgasse. Heute steht er, klein aber fein, zwischen Schulgasse und Währinger Straße im 18. Wiener Bezirk. In einer Schutzzone – wie es in Währing in den ehemaligen Ortskernen der damaligen Gemeinden Währing, Weinhaus, Gersthof und Pötzleinsdorf einige gibt.

 

Muscheln und Vintage

Manchmal müsse er Freunden durchaus erklären, wo er zu finden sei. „Viele glauben, wir sind irgendwo in Pötzleinsdorf“, erzählt Florian Ott. Der 26-Jährige betreibt mit seiner Familie das Café Himmelblau, eines der neuen Cafés, die vor allem junge Leute und Familien anziehen – und beleben. Zahlreiche Arztpraxen und kleine Boutiquen entlang der Währinger Straße gibt es immer noch wie eh und je, doch inzwischen ist das Bild bunter geworden. Auch wenn einiges in Vergessenheit gerät, etwa der Standort der ehemaligen Synagoge oder die etwas skurril mitten im Hof der Wohnhausanlage Gentzgasse stehende Nepomukstatue, deren Alter gewiss hoch ist, ihre Herkunft aber ungewiss: Eine ehemalige Brücke oder das einstige Michaelerkloster kommt infrage.

Schließen

„Im Bereich rund um das Cottage-Viertel gilt Währing als Nobelbezirk, Richtung Gürtel ist er Wohnoase für Jungfamilien“, erklärt Ott. Gemeindebauten sind hier seltener als in anderen Bezirken anzutreffen – viele davon aus den 1980er-Jahren. Aufgrund der gut erhaltenen Altbauten und der Nähe zum Grün sind die Immobilienpreise im Bezirk schon lang recht hoch. Darum überrascht es auch nicht, dass hier zu Mittag durchaus Muscheln und Hummer verspeist werden. „Die Klientel ist sehr unterschiedlich“, sagt Ott. Studenten, Bobos und Alteingesessene sind hier ebenso anzutreffen wie junge Familien, Blumen und Feinkost ebenso wie 60er-Jahre-Designobjekte. „Was uns ausmacht, ist aber auch unser Zusammenhalt“, erklärt Pöhl. Wenn es Märkten schlecht gehe, kaufe meist ein Eigentümer viele Stände auf, die Diversität gehe verloren. Auf dem Kutschkermarkt ist jeder Stand individuell. Und doch Gemeinschaftsarbeit: Die Cafebrennerei Franze hat ihre Stühle im Designgeschäft gegenüber beziehen lassen, der Frühstückskäse im Himmelblau stammt von Pöhls Käsestand und das Blumengesteck von einem Blumenstand auf dem Markt. „Wenn jemand bei Hüsyins Stand frisches Fleisch kauft und dieses gleich verspeisen will, wirft sein Nachbar, Takans Delikatessen, spontan den Grill an“, erzählt Ott. Das mache den Markt zu einem richtigen Dorf in der Stadt.

Pöhls Traum für die Zukunft? „Dass der Kutschkermarkt wieder bis zum AKH reicht.“ Vor Kurzem sind die Mülltonnen vom Markteingang wegverlegt worden, eine Umgestaltung des tristen Vorplatzes wäre „ein Traum. Das ist der Eingang zu unserem Paradies, und so sollte es auch aussehen.“

ZUM ORT

Die Schutzzone rund um den Kutschkermarkt umfasst Ortskern samt Straßen des ehemaligen Anger-(Straßen-)Dorfs Währing, in dessen Mitte die spätbarocke St. Gertrudskirche liegt. Sie wurde 1934 erweitert und der heute auch als Markt genutzte Platz geschaffen. Die Wohnungsmieten liegen im 18. Bezirk zwischen neun (mittlerer Wohnwert) und 12,3 Euro/m2 (sehr guter Wohnwert), neue Eigentumswohnungen kosten zwischen 2910 (mäßige Lage) und 5533,3 Euro/m2 (sehr gute Lage).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Kommentar zu Artikel:

    Das Dorf am Kutschkermarkt

    Schließen

    Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
    Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.