Otto Wagners Postsparkasse: Ausgeschlossene Gesellschaft

Wien ist ganz leise ein Architekturmuseum abhandengekommen. Und manche fürchten, dass ihm eine ganze Architekturikone folgt: die Postsparkasse von Otto Wagner.

Speisesaal? Der große Kassensaal in der Postsparkasse. Meisterwerk.
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Speisesaal? Der große Kassensaal in der Postsparkasse. Meisterwerk.
Speisesaal? Der große Kassensaal in der Postsparkasse. Meisterwerk. – (c) Margherita Spiluttini/AzW Sammlung

Laut und leise. Alles hat seinen richtigen Moment. Aufsperren, das gerne mit Trara. Zusperren, das lieber klammheimlich. Geht ja auch niemanden was an. Vielleicht doch, aber man weiß es halt nicht. Das Immobilienunternehmen Signa hat so einige Schlüssel in der Hand in der Wiener Innenstadt, seit ein paar Jahren auch jene zu einem baukünstlerischen Schlüsselwerk. Bald entscheidet Signa, wem es sich wieder öffnet, und zu welchem Preis. Allen oder nur den wenigsten. Die Postsparkasse in Wien, gebaut von Otto Wagner, ist „eine Ikone der Architektur-Moderne weltweit“, urteilt Kurator und Kunsthistoriker Andreas Nierhaus vom Wien-Museum. Ein imposantes Stück Architektur, das weit in die Welt hineinwirkt. Nicht nur Le Corbusier und Frank Lloyd Wright hat das Haus einst nach Wien gezogen, wie Monika Platzer vom Architekturzentrum Wien erklärt. Auch viele Touristen kommen der Baukunst der Wiener Moderne wegen. Vor allem jener Otto Wagners, die sich holistisch, von außen nach innen bis in kleine grafische Details als Ausdruck einer Ära erschließt. Doch gerade vom beeindruckenden Inneren könnten bewundernde Blicke bald so gut wie ausgeschlossen sein. Vor allem auch von den Kassensälen: Der große steht nur noch bis nächsten Sommer offen. Der kleine, genauso wie das Museum Wagner Werk, dessen Teil er war, hat seit kurzem einen unerfreulichen Dauerzustand: geschlossen. Was danach passiert, ist so wie der Gestus der Architektur Otto Wagners: ziemlich offen. Die Zukunft voraussagen, das trauen sich bislang nur Gerüchte.

Verborgene Schätze. „Die Postsparkasse ist ein zentrales Gebäude für Wien“, sagt Nierhaus und meint damit weniger seine Lage. Sondern eher seine exponierte Position in der Architekturgeschichte. Gleichzeitig steht das Haus auch im Mittelpunkt ganz anderer Kontexte – dazu gehört auch der Tourismus. Schließlich beschwört das Wien-Marketing fast ebenso gern die Wiener Moderne wie das imperiale Erbe. Verschlossen zum Thema Nachnutzung geben sich die Pressesprecher. Jene des Hausbesitzers Signa, und jene des Inventareigentümers, der Bawag PSK. Ziemlich abgeschottet sind auch die Türen, hinter denen verschiedenste Szenarien von Büro- bis Hotelnutzung durchgespielt und schließlich entschieden werden. Unzugänglich überdies ist zurzeit auch das Archiv und somit auch Schätze, die gerade jetzt darauf gewartet hätten, geborgen zu werden. Schließlich jährt sich im Jahr 2018 Otto Wagners Todestag zum 100. Mal. Große Kulturinstitutionen wie das MAK oder das Wien Museum widmen Wagner Ausstellungen. Nur das eigene, das seinen Namen trug, kann das nicht mehr.

Ikonisch. Die Postsparkasse von Otto Wagner gilt als Baujuwel.
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Ikonisch. Die Postsparkasse von Otto Wagner gilt als Baujuwel.
Ikonisch. Die Postsparkasse von Otto Wagner gilt als Baujuwel. – (c) Margherita Spiluttini/AzW Sammlung
Schon formulieren Architekten, Kunsthistoriker, Kuratoren und vor allem auch die Österreichische Gesellschaft für Architektur, ÖGFA, etwas, was Wagner seinem Entwurf gestalterisch eingearbeitet hat: die Transparenz. Darüber, was geschieht und geschehen soll. Eingefordert von den Eigentümern, aber auch vom Bundesdenkmalamt. „Deren Kompetenzen und Ressourcen gehören grundsätzlich gestärkt“, meint Andreas Vass von der ÖGFA.

2013 hatte die Bawag PSK ihren Stammsitz verkauft. Worthülsen wie „Architekturjuwel“ und „künftige Generationen“ füllten schon damals die Pressemeldungen, genauso wie die Ankündigung, dass man „einen langfristigen Mietvertrag eingehen wird“. Fünf Jahre später zieht die Bank aus einer Ikone aus, um in einer Büroimmobilie nächst Hauptbahnhof, „The Icon“, ins schlüsselfertige Büro einzuziehen. Zufälligerweise von Signa entwickelt und zuletzt weiterverkauft. Am Georg-Coch-Platz 2, dort wo sich die Büste des Gründers der Österreichischen Postsparkasse sicherheitshalber vom Haus abwendet, bleibt viel Vergangenheit samt ungewisser Zukunft zurück. Auch die Möbel, manche Originale aus Wagners Zeit, manche Rekonstruktionen, sowie das reiche Archiv wissen noch nicht, wohin. Kein Wunder, dass sich Sorgenfalten in die Stirnen so mancher Kunsthistoriker und Architekten graben. Der Wiener Landeskonservator des Bundesdenkmalamts, Friedrich Dahm, ist dagegen emsig bemüht, sie rhetorisch zu glätten: „Befürchtungen sind unbegründet. Jede Veränderung des Erscheinungsbildes bedarf einer Genehmigung. Und wir werden gerade aufgrund der Bedeutung des Objekts die allerstrengsten Maßstäbe anlegen.“

Museum Postsparkasse. Das „Wagner Werk“ war 2005 von der Bawag PSK installiert worden, als Banken „kulturelle Verantwortung“ noch auf der Agenda hatten. „Es gab laufend Sonderausstellungen zu Design- und Architekturthemen. Auch die Preisverleihungen mit Lecture des Otto-Wagner Städtebaupreises, die das AzW gemeinsam mit der Postsparkasse ausgelobt hat, fanden im stets gut gefüllten großen Kassensaal statt“, erzählt Monika Platzer. Gerade kam sie zurück vom einem Treffen der „International Confederation of Architectural Museums“. Ein Verband, der nun das Wagner Werk von seiner Mitglieder-Liste streichen muss. Platzer erzählt von einem lebendigen Ort des Architektur- und Designdiskurses, der plötzlich verstummt. „Noch dazu ist die Zugänglichkeit des sozial, politisch und architekturhistorisch bedeutsamen Archivs der Postsparkasse ungeklärt“.

Die „kulturpolitische Verantwortung“ dafür, etwa dass das denkmalgeschützte Haus für die Öffentlichkeit zugänglich bleibt, in Form eines Museums beispielsweise, sehen viele Architekten beim Eigentümer Signa. Schließlich habe das Unternehmen die Immobilie im Bewusstsein ihrer Bedeutung gekauft. Aber auch bei der öffentlichen Hand: „Die Postsparkasse gehört zu den Gebäuden, die samt ihrer kulturellen Werte in einem gewissen Sinne auch der Allgemeinheit gehört“, sagt Platzer.

Imposant. Auch das Stiegenhaus des Hauses beeindruckt.
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Imposant. Auch das Stiegenhaus des Hauses beeindruckt.
Imposant. Auch das Stiegenhaus des Hauses beeindruckt. – (c) Norbert Mayr
„Wenn hier, wie man hört, ein Luxushotel reinkommen würde, wäre das das komplette Gegenteil von dem, was Wagner und seine damaligen Bauherren für diese Immobilie vorgesehen haben“, sagt Andreas Nierhaus, „es war ein durch und durch öffentliches Gebäude.“ Auch „demokratisch“ nennt er es, eine elitäre Nutzung würde den ursprünglichen Geist, der an der Baukunst Wagners haftet, konterkarieren. Auch Platzer meint: „Man würde die Niederschwelligkeit des Zugangs des ursprünglichen Gebäudes total umdrehen.“ Und das noch dazu in einer Stadt, die sich gern „Weltstadt“ rühmt: „In genau so einem Gebäude wie der Postsparkasse kommt der weltstädtische Flair der Wiener Moderne par excellence zum Ausdruck“, sagt Platzer.

Neue Verhältnisse. In der architektonischen Gestaltung der Postsparkasse bildet sich nicht nur das Metropolen-Gehabe eines wachsenden Wiens ab, sondern vor allem auch das damalige Verhältnis der Bank zu ihren Kunden. „Der Kassensaal ist ja ein Monument einer service- und kundenorientierten Haltung“, meint Nierhaus. Heute ist er eine für das Bankgeschäft fast anachronistische Umgebung, in der sich die Selbstbedienungs-Terminals fast verschämt hinter den ehemaligen, großzügigen Bankschaltern verstecken.

„Zur Radikalität dieses Kassensaals gehörte auch die bewusste Offenheit. Genauso wie der Zugang, die Modernität der Bank in Materialien wie Eisen, Aluminium oder Stahl zu übersetzen“, sagt Nierhaus. Otto Wagner selbst hatte es in seiner Schrift „Die Baukunst unserer Zeit“ so formuliert: „Der einzige Ausgangspunkt unseres künstlerischen Schaffens kann nur das moderne Leben sein.“
Es sei nachvollziehbar, dass sich Bankgeschäfte verändern, Funktionen verloren gehen. „Aber bei Gebäuden von der Bedeutung der Postsparkasse braucht es öffentliche Information und Transparenz, was mit dem Gebäude passiert“, meint Nierhaus.

Letzte Woche war im Museumsshop des Wagner Werks schon Ausverkauf: Alles um die Hälfte, zumindest für Bank-Mitarbeiter. Gerüchteweise sollen ja schon ganz andere Dinge als alte Ausstellungskataloge verscherbelt worden sein. „Der größere Teil des Mobiliars ist weiterhin im Eigentum der Bawag PSK. Dazu werden aufgrund unserer Übersiedlung Szenarien entwickelt und Gespräche geführt, die dem kulturellen Erbe entsprechend Rechnung tragen werden“, sagt dazu Georgia Schütz, Pressesprecherin der Bank. Das Verfahren zur Unter-Schutz-Stellung des Mobiliars laufe gerade, erzählt Landeskonservator Friedrich Dahm. „Wir mussten noch die Spreu vom Weizen trennen. Es gab viele Originale, viele Rekonstruktionen. Jetzt haben wir den Weizen.“ Was noch fehlt, ist der Ort, wo man dem Erbe Otto Wagners eine neue Zukunft säen könnte.

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